Fällt Fallout 76 wirklich durch?

1.5. Diese Zahl hat mich stutzig gemacht. 1.5/10 war die Metacritic Durchschnittswertung am Vormittag des Release von Fallout 76. Zunächst war ich misstrauisch. Ich kenne diese Downvote-Orgien von Steam. Meistens kommen die frühen negativen Bewertungen von Leuten, die entweder unzufrieden mit Änderungen am Konzept sind, oder, die sich aufregen, weil sie ein brandneues, hardwarehungriges Spiel nicht mit 60 FPS auf ihrem alten Amiga zum Laufen gebracht haben. Jedenfalls sind es meist Leute, die dem Spiel gar keine oder kaum eine Chance gegeben haben. Zeit, dass ich mir selbst ein Bild davon mache! (Sämtliches Bildmaterial besteht aus Screenshots der PS4 Version von Fallout 76)

Von Gregor Schwayer, Helena Velaj
Am
Lesezeit 9 Min

Die meisten negativen Reviews auf Metacritic drehten sich darum, dass es kein wirkliches Fallout Spiel ist. Da gingen bei mir die Alarmglocken an. Ich bin seit Fallout 2 Fan der Serie und damit ernsthaft gefährdet, in dieselbe Kerbe zu schlagen. Um das ein wenig auszugleichen, habe ich mir eine Kollegin zur Hilfe geholt, die nicht nur keine Ahnung von Fallout hat, sondern generell ein wenig beschriebenes Blatt in Sachen Gaming ist. Sie hat die erste Stunde das Steuer übernommen. Traditionell ist bei Fallout Spielen ja gerade der Anfang besonders beeindruckend. Man denke mal an den ikonischen Moment in Fallout 3 als man das erste Mal ins Tageslicht tritt. Also habe ich meiner geschätzten Kollegin Helena dieses vermutliche Gustostück des Spiels von der Charaktererstellung bis zur ersten größeren Questhub abgetreten.

Sie hat sich prompt selbst gebastelt. Die Pose, die sie für das abschließende Foto gewählt hat, hat so perfekt zur Gesamterfahrung gepasst, dass ich einige Zeit überlegt habe, es statt eines Reviews zu posten:

Ihre Eindrücke:

Ich bin wirklich keine Gamerin. Keine Art von Spiel, außer man sieht von einer kurzen GTA Phase vor ungefähr zehn Jahren ab.

Es war also schon wirklich lange her, dass ich mich an den Controller gewagt habe, als ich zum ersten Mal Fallout 76 angespielt habe. Ich habe keinerlei Erfahrung mit den vorherigen Teilen. Das Negative zuerst: Ich fand das Spiel ein wenig reizüberflutend, denn wenn man gerade dabei war Sachen aufzusammeln, sich vor radioaktiven Zecken zu verteidigen oder die nächste Mission zu erfüllen, wurden im Hintergrund beinahe durchgehend Holotapes gespielt und so interessant die Geschichten auch sein mögen, es war zu viel.

Ansonsten war es auch noch recht langsam und hat stellenweise wirklich lange zum Laden gebraucht. Vor allem, wenn man die Waffe gewechselt hat, konnte man nicht pausieren, so dass man währenddessen langsam krepiert ist. Gerade als Spielanfänger*in, wenn man noch langsamer unterwegs ist, ist das natürlich fatal.

Das Positive am Spiel: Es hat natürlich Spaß gemacht. Auch wenn ich unmittelbar danach ganz schön erschöpft war, weil ich mich angestrengt konzentrieren musste, dachte ich am nächsten Tag, dass ich Lust hätte, ein wenig zu weiterzuspielen.

Sie spricht dabei gleich eine Menge Punkte an, die auch mir aufgefallen sind und die ich mal in Relation setzen möchte als jemand, der die Fallout Serie kennt. Das Thema Reizüberflutung ist zentral. Fallout 76 ist der erste Multiplayerteil der Serie. Und in der Hinsicht hat Bethesda gleich Butter bei die Fische gemacht – Multiplayer ist nicht nur vorhanden, sondern verpflichtend und es gibt keine menschlichen NPCs. Wie geht das in einem extrem storylastigen Franchise wie Fallout? Indem man die gesamte Story in Notizen, Terminals und Holotapes packt. Gerade letztere sind überall. In der ersten kleinen Stadt, die man erreicht, findet man während eines gerade läuft in der Regel noch 1-3 weitere. Während man versucht Questmarkern zu folgen, während man Ghouls und Molerats bekämpft und während man versucht den anderen Spieler, der um einen herum rennt und Dance-Emotes spammt zu ignorieren. Ich habe bei meinem ersten Marsch durch Flatwoods – so heißt dieses Städtchen – genau gar nichts von der Story mitbekommen. Und das ist endlos schade. Wie ich später festgestellt habe, ist der berühmte Fallout Humor und die Liebe zum Storytelling nämlich nach wie vor da. Sie geht nur völlig unter.

Warum dieser Kerl in einem Kühlschrank gestorben ist, erfährt man via Holotape. Wenn man die Zeit findet.

Und das ist symptomatisch für das gesamte Spiel. Alles, was in den vorigen Teilen gut funktioniert hat, funktioniert jetzt nicht mehr oder schlechter aufgrund der natürlichen Limits, die sich aus Multiplayer ergeben. Fallout war immer ein sehr entspanntes Spiel. Man konnte jederzeit pausieren und die Flavortexte lesen, die Landschaft wirken lassen, oder sich einfach mal einen Kaffee machen. Pausieren gibt es nicht mehr. Während ihr auf euren Pip-Boy starrt, kann euch alles und jeder kaltmachen. Das macht das ohnehin zeitweise hektische Gameplay noch unangenehmer. Außerdem ist das ikonische V.A.T.S. System zwangsweise nur noch ein Schatten seiner selbst. Früher konnte man damit die Zeit verlangsamen und taktisch Ziele auswählen und angreifen. Da die Option auf Zeitverlangsamung auf dem Altar des Multiplayer geopfert wurde, ist es jetzt eine kurzfristige automatische Zielhilfe. Reichlich unspektakulär.

Auch das Questsystem leidet sehr darunter, an Multiplayer angepasst worden zu sein. Ein großer Teil der Quests wurde durch Events ersetzt, für deren Teilnahme man belohnt wird. In der Welt verteilt wurden sie scheinbar, indem man einen betrunkenen Schimpansen Dartpfeile auf die Karte hat schießen lassen. Wessen Glanzidee war es, ein automatisch startendes Kampfevent mit einem ziemlich harten Endgegner in eine der frühesten Questgegenden zu packen? Ich war auf der Suche nach einfachen Bauplänen für mein erstes Camp und habe automatisch dieses Gruppenevent gestartet. Nur, dass ich keine Gruppe hatte…

Camp ist gleich ein gutes Stichwort. Jede/r Spieler/in kann beinahe überall in der Welt ein Camp aufschlagen und einen begrenzten Raum darum beliebig bebauen. Generell mag ich diese Neuerung. Es erinnert an den unlimitierten Basisbau von Star-Wars: Galaxies. Aber auch das hat eine Menge Kinderkrankheiten. Zum einen verschwinden die Camps manchmal. Ich habe keine Ahnung, ob das ein Bug ist, oder ob es da einen Mechanismus gibt, der das bestimmt. Zum anderen leidet es natürlich unter der Tatsache, dass manche Menschen einfach nicht nett sind. Oder nicht mitdenken. Oder beides. Es bricht die Immersion, wenn irgendein Spieler die Eingebung hatte, seinen fensterlosen, fünfstöckigen Holzquader von Turm direkt neben eines der prachtvollsten Gebäude des Spiels zu stellen. Ja, Demonmasta69, ich habe die beiden Metallhütten gesehen, die du unten dran gebaut hast. Ja, ich weiß, was es darstellen soll. Nein, ich bin nicht besonders beeindruckt.

Ich habe mir auch einen Wohnquader gebaut. Home sweet home.

Damit kommen wir auch zum Thema Bugs. Auch die wurden bei den Bewertungen stark angeprangert. Ich muss sagen, ich hatte nicht allzu viele davon, aber die, die ich hatte, waren dafür extrem störend. Totalabstürze beim starten von Terminals, Gegner, die beliebig durch Hindernisse laufen und Ähnliches. Das schlimmste aber war der Lag. Bethesda hat es geschafft, klassischen Lag, also komplettes Hängenbleiben des Spiels, weitgehend zu eliminieren. Dafür hat man permanent das Gefühl, dass das Spiel eine halbe Sekunde hinterherhinkt. Landschaften laden zunächst nur halb, Lootkisten brauchen eine Weile, bis sie sich entscheiden, ob sie leer sind oder nicht und mein absoluter Favorit: Gegner, die eigentlich woanders sind, als dort, wo man sie sieht. Bekäme ich für jedes Mal, wenn ich einen Gegner, der 5cm vor mir gestanden ist, nicht getroffen habe, weil er eigentlich ganz woanders war, einen Cent, dann könnte ich mir stattdessen die Red Dead Redemption 2 Deluxe Edition kaufen.

Das vielleicht merkwürdigste aber ist die Absenz von NPCs. Die Idee war wahrscheinlich, dass eine Welt, die mit echten Menschen bevölkert ist, lebendiger sein muss, als eine bevölkert von NPCs. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wirkt zwischen den mit Information überladenen Städten leer und langweilig. Ein gut geschriebener NPC mit einer tollen Hintergrundstory trägt mehr zur Immersion bei, als ein Spieler mit blauem Partyhut, der wortlos die Holzspawnpunkte aberntet, weil er endlich seinen fensterlosen Holzquaderturm fertigbauen will. Verdammt nochmal, Demonmasta69! Verschwinde aus meinem Wald!

Diesem Herrn wurde bereits alles gesagt.

Aber ja, wenn man dann einmal mit einer Gruppe eine Gegend unsicher macht, ist das ganz witzig. Das fundamentale Problem ist aber, dass andere Spiele diesen Aspekt einfach besser können als Fallout 76. Es versucht die Welle der Survivalgames zu reiten, aber bleibt darin rundum mittelmäßig. Wer Multiplayer Survival und Basebuilding will, ist sogar bei Rust oder Ark besser aufgehoben. Und was von klassischer Fallout DNA übrig ist, leidet einfach ziemlich unter dem neuen Konzept. Außerdem sollte „ganz witzig“ auch einfach kein Maßstab sein für so ein legendäres Franchise.

Da ich jetzt Absätze lang überwiegend geschimpft habe, möchte ich ganz zum Schluss noch einmal betonen, dass Fallout 76 nicht schlecht ist. Aber eben auch nicht besonders gut. Die allgemeine Reaktion auf den Vorgänger Fallout 4 war in etwa „Gute Sache, aber macht vielleicht weniger auf einmal und das dafür besser“. Und es scheint, dass Bethesda sich das exakt verkehrt herum notiert hat. Das Ergebnis ist bedauerlich mittelmäßig.

Deshalb gebe ich 63/100 Grad. Durchaus Saunatemperatur, aber der Aufguss bleibt aus und alle sitzen rum und warten, dass die Zeit vergeht.

Von Gregor Schwayer, Helena Velaj
Am
Lesezeit 9 Min

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