Assassins Creed Odyssey: Erste Eindrücke

Nach der Katerpause im Assassins Creed Franchise als Folge des eher fragwürdigen Syndicate ging es mit Origins 2017 wieder in die gewohnte jährliche Massenfertigung. Erst gestern lief das neueste Erzeugnis vom Fließband: Odyssey. Ich habe mir mal einen Eindruck davon gemacht. (Teaserbild und alle übrigen Bilder sind Screenshots aus Assassins Creed: Odyssey)

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Diesmal geht es ins antike Griechenland. Soll mir recht sein, das gibt viel her, aber ganz ehrlich: Wann kommt endlich das offensichtlichste aller möglichen Assassins Creed Settings? Japan in der Feudalzeit würde passen wie die Faust aufs Auge. Naja, in einem Jahr gibt es die nächste Chance.

THIS IS… ODYSSEY?

Der Einstieg ist direkt, wir schlüpfen sofort in die Haut des spartanischen Königs Leonidas in der Schlacht bei den Thermopylen. Natürlich. Jahrhunderte griechischer Geschichte, zum Bersten gefüllt mit Göttern, Mythen und Helden, aber keine moderne Adaption des Stoffs kommt ohne eine Referenz zu Zack Snyders 300 aus. Leonidas sieht sogar 1 zu 1 wie Gerard Butler aus und um den Deal endgültig zu besiegeln, versucht der Synchronsprecher auch noch wie er zu klingen. Das Ergebnis ist eine kaum lippensynchrone, in breitem schottischen Akzent vorgetragene Rede, die einfach nur zum Brüllen komisch ist. Die folgende Schlacht dient als kurzes Tutorial der ersten Kampffähigkeiten und channelt weiter eifrig den Geist von 300.

Danach wird kurz der altbekannte und mittlerweile überflüssige Rahmen in der Gegenwart etabliert (Animus, DNA, Artefakte usw…) und es geht endlich los. Wir haben die Wahl zwischen einem männlichen und einer weiblichen Protagonisten/in – Alexios oder Kassandra. Ich habe mich wegen der berühmten Namensvetterin für zweitere entschieden. Das anfängliche Setup ist relativ einfach. Ohne zu viel zu spoilern: Das verlorene Mädchen Kassandra wurde von dem liebenswerten Schlitzohr Markos auf der Insel Kephallonia aufgenommen und muss ihn seitdem aus den Bredouillen retten, in die er sich regelmäßig selbst manövriert.

Altbekannte Stärken, altbekannte Schwächen

Der erste Eindruck ist die gewohnte Assassins Creed Erfahrung: Grafisch ist es schlicht und einfach umwerfend, aber die Immersion wird immer wieder durch altbekannte Schlampigkeiten gebrochen. Fehler, die einfach auffallen hätten müssen. Ich bin beispielsweise gleich ganz am Anfang unabsichtlich in eine hochstufige Gegend gelaufen und bin dort in einen Wolf gerannt. An sich kein Problem. Einfach die Beine in die Hand nehmen und nichts wie weg. Dachte ich jedenfalls. Im Gegensatz zu allen anderen Gegnern, die mir im Spiel begegnet sind, dürfte Ubisoft bei den Wölfen vergessen haben, sie nach einer Weile die Verfolgung abbrechen zu lassen. Einen Marathon über die halbe Insel und eine leergefressene Questhub später hat er mich dann schließlich erwischt. Auch der Pfiff, der normal dazu dient, gegnerische Wachen in Hinterhalte zu locken, hat noch seine Macken. Er triggert nämlich auch bei befreundeten Zielen die exakt gleichen Reaktionen und vorgefertigten Sätze. Ich habe mich einmal direkt vor einen Dorfwächter gestellt und ihm ins Gesicht gepfiffen, woraufhin er eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt ganz verzweifelt „Who’s whistling?!“ gerufen hat. Der Depp. Versteht mich nicht falsch – nichts davon ist ein Dealbreaker, aber es ist einfach ärgerlich.

Die Steuerung funktioniert nach einigen Startschwierigkeiten eigentlich einwandfrei via Controller. Die Einbeziehung der Spezialfähigkeiten über Auswahlräder ist sogar ziemlich raffiniert.

Kleptomanie?

Kommen wir zum mit Abstand wichtigsten Punkt: Das Spiel bringt viel Neues in das Assassins Creed Franchise und es ist fast ausschließlich von anderen erfolgreichen Spielen „zusammengeborgt“. Ja. Nennen wir es „zusammengeborgt“. Ich sage das übrigens nicht wertend. Es gibt Publisher, die aus „Klauen und anschließend besser machen als das Original“ ein ganzes Geschäftsmodell gemacht haben (*hust* Blizzard *hust*). Kenner etablierter RPGs und Open-World-Titel werden sich jedenfalls schnell zuhause fühlen:

  • Shadow of Mordor: Wie bereits im Vorgänger können in Odyssey Kopfgeldjäger auf euch angesetzt werden. Diese haben neben eigenen Namen und speziellen Kampftechniken auch klar etablierte Stärken und Schwächen. Das Ganze erinnert doch ein bisschen an das Nemesis System in Shadow of Mordor. Um die Sache noch zu verstärken wurde auch die wohl beliebteste Spezialfähigkeit des Spiels mehr oder minder übernommen: Die Neutralisierung eines entfernten Ziels samt „Teleport“ zu dessen Position.
  • Mass Effect/Dragon Age/Witcher/etc.: Entscheidungssysteme samt umfangreicher Konsequenzen sind nichts Neues. Neu ist allerdings, dass ein Assassins Creed Spiel eines hat. Aufgaben haben diesmal mehrere Lösungswege und die getroffenen Entscheidungen haben auch tatsächlich spürbare Konsequenzen. Es ist noch kein Mass Effect 2, aber was ist schon jemals ein Mass Effect 2?
  • Assassins Creed:Black Flag: Gut, von sich selbst klauen ist nicht wirklich klauen. Trotzdem will ich es hier erwähnen. Kurz und gut: Ihr bekommt wieder ein Schiff. Samt Crew, Seekämpfen und den beliebten Seemannsliedern. Diesmal in Altgriechisch. Und es ist genau so großartig, wie es klingt.
  • Metal Gear Solid V: Ihr lest richtig. Odyssey hat weitgehend das Rekrutierungssystem von Metal Gear Solid V übernommen. Und ich liebe es. Es ist wie Pokémon: Antikes Griechenland Edition.

Vorläufiges Fazit

Ihr seht: Trotz vieler Eigenheiten und Kritikpunkte fühle ich mich so weit wohl in dem Spiel. Die Story ist etwas platt, die Mechaniken zwar altbekannt aus unterschiedlichsten Spielen, aber doch harmonisch zusammengeführt. Es sind eben diese neuen Einflüsse, die es zu etwas Eigenem machen. Es fühlt sich viel mehr wie ein RPG an als seine Vorgänger. Mir haben die ersten Stunden jedenfalls Lust auf mehr gemacht. Zum gegebenen Zeitpunkt kann ich es wirklich empfehlen. Sollte sich das im weiteren Verlauf ändern, werde ich den Artikel updaten.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

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