Zwischen Bevölkerungsexplosion und Vergreisung

„Wer kein Geld hat, hat im Grunde auch kein Recht auf Liebe.“, soll der britische Ökonom und Sozialphilosoph Thomas Robert Malthus einst gesagt haben.

Während heute Empörung aufkommen würde, stieß diese Äußerung damals auf Zustimmung, denn Malthus hatte es geschafft, mit seinem „Bevölkerungsgesetz“ die Bevölkerungspolitik in Europa in eine neue Richtung zu lenken.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 13 Min

Der Ausgangspunkt von Malthus Überlegung war, dass sich der Mensch aufgrund seines sexuellen Verlangens viel schneller vermehren würde als seine Unterhaltsmittel (Nahrung, Wohnraum etc.). Dementsprechend müssen immer wieder demographische Katastrophen wie Hungersnöte oder Pandemien einsetzten, um die Bevölkerung auf ein wirtschaftlich tragbares Niveau zurückzuführen.
Alternativ müsse die ärmere Bevölkerung freiwillig auf Heirat und Vermehrung verzichten, denn sie könne sich Nachwuchs im Grunde nicht leisten.
Malthus Theorie schlug politisch so hohe Wellen, dass in England die Armenunterstützung (Old Poor Law) gestrichen wurde und in deutschsprachigen Staaten Heiratsverbote für die Unterschicht erlassen wurden.
Spult man die Zeit bis heute vor, so hat sich Malthus zumindest laut den Prognosen der Vereinten Nationen getäuscht. Diese prognostizieren zwar ein Bevölkerungswachstum auf 11.2 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2100, doch damit steigt die Bevölkerung bedeutend langsamer an als befürchtet.

Am Anfang stand das Leben...und der Tod

Im Jahr 1945 veröffentlichten zwei Forscher des Office of Population Research der Princeton University ein Modell der Bevölkerungsentwicklung, das sie „Theorie der demographischen Transition“ nannten.
Die Geschichte der Menschheit vom Anfang bis zum 19. Jahrhundert wird demnach in drei Phasen aufgeteilt, wobei die erste auch die längste ist.

Die erste Phase war durch eine hohe Geburtenrate (Fertilität) und hohe Sterberate, (Mortalität) geprägt, so dass die Bevölkerung durch das annähernde Gleichgewicht von Leben und Tod nur sehr langsam wuchs. Das änderte sich schlagartig als im 18. Jahrhundert die Industrialisierung einsetzte und sich in weiterer Folge ein besserer Lebensstandard mit ausgewogenerer Ernährung und besseren Wohn- und Hygieneverhältnissen etablierte. Plötzlich ging auch die zuvor enorm hohe Säuglingssterblichkeit  zurück. Der Rückgang wird darauf zurückgeführt, dass sich die Lebensbedingungen verbessert hatten, Frauen anfingen mehr zu stillen und der Einsatz von Hebammen immer geläufiger wurde. Die Kindersterblichkeit ging ebenfalls zurück, weil Schutzimpfungen eingeführt und Krankheiten wie Pocken somit eingedämmt wurden.

In der zweiten Phase war der Rückgang der Mortalität zwar eingeleitet, bei der Fertilität war das allerdings noch nicht der Fall. Die Folge war ein Geburtenüberschuss, weil die Fertilität wegen traditioneller Familienkonstellationen nach wie vor hoch, die Sterberate jedoch viel geringer geworden war. Daraus ergab sich ein rasantes Bevölkerungswachstum.

Die dritte Phase ist die der „demographischen Balance“, in der es zu einem Gleichgewicht zwischen Geburten- und Sterberate kommt, weshalb das Bevölkerungswachstum stoppt.

Dieser Prozess ist, zumindest laut Verfassern, die Regel und nicht die Ausnahme, und somit wird er sich im Laufe der Zeit auf alle Länder übertragen.

England - der Vorreiter

Den Startschuss für die demographische Transition gab England, als die Industrialisierung im 18. Jahrhundert einsetzte. Durch die entstandenen Fabriken wurde die Feldarbeit als Haupteinnahmequelle abgelöst und Familien konnten es sich leisten, nur den Mann zur Arbeit zu schicken. Hausarbeit und Kindererziehung wurden zunehmend Frauensache. Da die Frauen fortan zuhause blieben, hatten sie mehr Zeit sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und eine stärkere Bindung zu ihnen aufzubauen. Langsam erlangte auch Bildung einen immer höheren Stellenwert, da auch Familien der Arbeiterklasse erkannten, dass schulische und universitäre Bildung ihren Kindern eine steilere Karriere als die ihrige eröffnen kann. Somit wurden Kinder immer mehr zum Kostenpunkt als zum wirtschaftlichen Nutzenfaktor und die Fertilität nahm langsam ab. Lag die Geburtenrate im Jahr 1815 noch bei über sechs Kindern pro Frau, so war sie 1910 bereits auf drei Kinder und im Jahr 2017 auf 1,8 Kinder pro Frau gesunken. Die Entwicklungen im England der Industriellen Revolution verbreiteten sich wie ein Lauffeuer über dem europäischen Kontinent und markierten den Anfang einer neuen Ära der Bevölkerungsentwicklung.

Bangladesch – Nachzügler und Schnellstarter

Als Bangladesch 1971 seine Unabhängigkeit von Pakistan erreichte, schwor sich die Regierung, sie würde die Bevölkerungszahl nicht die 150 Millionen übersteigen lassen. Das Ziel wurde verfehlt, doch die Maßnahmen, die damals getroffen wurden, haben in Bangladesch eine demographische Veränderung eingeleitet, die gänzlich anders als in anderen Teilen der Welt war.

Wohlstand gilt als Katalysator für demographische Entwicklungen. Bangladesch ist es trotz Armut und Traditionalismus gelungen, die hohe Geburtenrate von fast sieben Kindern pro Frau in den Siebzigerjahren von einer Geburtenrate der Selbsterhaltung, nämlich 2.1 Kinder pro Frau, abzulösen.
Das Erfolgsrezept des Landes war der Einsatz von Sozialarbeiterinnen, meist Dorfbewohnerinnen, die von Haus zu Haus gingen und mit Frauen, manches Mal auch mit Männern, über die Vorzüge von Familienplanung und Verhütung sprachen. Durch den direkten Kontakt mit Frauen aus der eigenen Gemeinde stieg die Beliebtheit von Familienplanung und Verhütung schnell an. 1975 nutzten lediglich 7 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung Verhütungsmittel, 2000 waren es bereits 57 Prozent. Die, wenn auch langsame, wirtschaftliche Entwicklung des Landes trug dazu bei, dass die Infrastruktur verbessert wurde, Arbeitsplätze geschaffen werden konnten und Bildung einen größeren Stellenwert erhielt. Gerade durch den Faktor Bildung gelang es die Geburtenrate zu reduzieren, da laut UNO Frauen mit mindestens fünf Jahren Schulbildung eher dazu neigen, weniger Kinder zu bekommen. Nichtsdestotrotz steigt Bangladeschs Bevölkerung nach wie vor kontinuierlich, wenn auch nicht mehr so explosiv wie noch vor 35 Jahren.

Japan – Eine demographische Zeitbombe

Dass Japans Bevölkerung immer älter wird und die Geburtenrate bei 1.5 Kinder pro Frau liegt, macht der Regierung und der Wirtschaft zu schaffen. Das Kabinett von Premierminister Shinzo Abe bemüht sich das steigende Problem der geringen Geburtenrate abzubauen, indem es mehr Kindergartenplätze und familiäre Unterstützung anbietet, um das Kinderkriegen attraktiver zu gestalten. Das formulierte Ziel bis 2025 ist es, die Fertilität von den bisherigen 1.5 Kindern auf 1.8 Kinder zu bringen. Wenn der Anstieg nicht gelingt, drohen mitunter verheerende Folgen für das Land.
Zeitgleich ist die Lebenserwartung in Japan besonders hoch. Männer werden durchschnittlich 80 Jahre alt und Frauen sogar 87 Jahre alt. Dadurch kommt es zu einer Belastung des Pensionssystems, da immer weniger junge Leute in dieses einzahlen. Gleichzeitig kommt es zu einer Krise in der Altenpflege, da für das traditionelle Bild, in dem sich der älteste Sohn um die Eltern kümmert, keine Zeit ist, sowie ein Mangel an Pflegepersonal herrscht. Hinzu kommt, dass ein Rückgang der Wirtschaft verzeichnet wird, da die Generation 60+ zwar das meiste Vermögen besitzt, jedoch am wenigsten konsumiert.
Länder wie Japan werden „demographische Zeitbombe“ genannt, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis die alternde Bevölkerung die Wirtschaft in die Knie zwingt.
Schon seit geraumer Zeit befassen sich Institutionen mit der Frage wie es in Japan so weit kommen konnte, doch die simpelste Antwort ist meist die richtige: die Arbeitskultur. Die Arbeitsbelastung ist in Japan enorm. Überstunden sind geläufig, Urlaubstage werden oftmals nicht in Anspruch genommen. Junge Leute klagen über mangelnden Sexualtrieb, Paare müssen zusehen wie sie durch die Arbeitsbelastung ihrer Zweisamkeit beraubt werden.  
Weil „von unten“ kein Ersatz für die Alten nachkommt, gehen nur wenige mit dem Pensionsantrittsalter von 60 Jahren auch tatsächlich in Rente.

The times, they are a-changing...

Obgleich das steigende Alter der Bevölkerung in Industrieländern in den nächsten Jahren wohl eine der größten politischen Herausforderungen sein wird, wächst die Bevölkerung der Erde nach wie vor weiterhin an. Dieses Wachstum verläuft jedoch wesentlich langsamer als in den Jahren davor und wird sich laut Schätzungen erst 2050 oder gar 2100 auf etwa 12 Milliarden Menschen  stabilisieren. Einige Länder, vor allem Japan, arbeiten bereits daran das Pensionssystem an die alternde Gesellschaft anzupassen, doch auch Unternehmen stellen sich Schritt für Schritt darauf ein, Produkte für ein immer älter werdendes Kundensegment anzubieten.Auch Europa droht die Gefahr einer Überalterung. Aktuell kommt es lediglich durch Migration zu einem Bevölkerungswachstum.

Von Helena Velaj
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