Zuckersüß, wunderschön, tödlich

Blei ist giftig. Das weiß heutzutage jedes Kind. Es ist aber auch extrem vielseitig und nützlich. Das gilt für moderne Zwecke, aber noch viel mehr für frühere Zeiten, als noch keine Alternativen bekannt waren. So ist es zum Beispiel weich und leicht zu bearbeiten und war damit ein ideales Ausgangsmaterial für Kochutensilien und Wasserleitungen im antiken Rom. Wir beschäftigen uns aber heute mit weniger bekannten Eigenschaften des Schwermetalls.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

Heavy Metal Süßigkeit

Die alten Römerinnen und Römer liebten stark gewürzte Speisen. Als quasi „Salz“ verwendeten sie eine stark fermentierte Fischsauce – genannt garum – deren Herstellung so bestialisch stank, dass die Manufakturen außerhalb der Städte betrieben werden mussten. Ein funktionelles Süßungsmittel war hingegen schwierig zu finden. Die Herstellung von Kristallzucker war noch unbekannt und Honig war dem verwöhnten römischen Gaumen nicht süß genug und außerdem schwierig in großen Mengen aufzutreiben. Schließlich fand sich eine Lösung für dieses Problem in Form von in Kesseln reduziertem Wein. Die entstehende dickliche Flüssigkeit wurde defrutum oder sapa genannt und erfreute sich bald größter Beliebtheit bei der reichen Oberschicht Roms. Es stellte sich auch bald heraus, dass das Material der Kessel, in denen der Wein gekocht wurde, großen Einfluss auf den Grad der Süße des Endprodukts hatte. Messingkessel erzeugten weniger süßen sapa, Bleikessel hingegen den besten.

Wir kennen heute den Grund dafür. Blei und einige Bleisalze schmecken stark süßlich. Glaubt uns das bitte oder googelt es und probiert es nicht aus. Der Wein in den Bleikesseln hat mit dem Material des Behälters reagiert und wurde so gesüßt.

Den findigen Römern gelang es auch bald, den süßen Stoff im Weinsirup zu isolieren und in kristallines Blei(II)-acetat umzuwandeln – ein Bleisalz, das ironischerweise als Bleizucker bekannt ist.

Dieses Blei(II)-acetat ist optisch kaum von Kristallzucker zu unterscheiden, schmeckt aber noch süßer und ist kalorienfrei. Klingt wie der perfekte Süßstoff für jeden Tag, oder? Es machte Speisen auch nicht nur süß, es machte sie sogar auch noch haltbarer! Der Grund dafür war, dass es so toxisch ist, dass es viele der für Fäulnis verantwortlichen Mikroorganismen abtötet …

Ein süßes Ende des Imperiums?

Blei kann bei regelmäßigem Kontakt über Einnahme, Haut oder Atemwege zu ernsthaften Vergiftungserscheinungen, chronischen Beschwerden und permanenten Schäden führen. Insbesondere Kinder können bereits durch minimalste Mengen von Blei nachhaltig in ihrer physischen und psychischen Entwicklung geschädigt werden. Zu den möglichen Langzeitfolgen gehören reduzierter IQ, Lernschwächen, motorische Probleme, Persönlichkeitsveränderung und erhöhtes Aggressionspotenzial. Man stelle sich die Folgen vor, wenn weite Teile der herrschenden Schicht eines Weltreichs auf einmal beginnen, regelmäßig Blei zu konsumieren…

Daher kam in der Forschung die Theorie auf, dass flächendeckende Bleivergiftung prominent zum Niedergang des römischen Reichs beigetragen haben könnte. Restlos beweisen lässt sich das zwar nicht, aber eine gewisse Korrelation zwischen der Popularität von sapa und den immer häufiger eindeutig psychisch beeinträchtigten Kaisern der römischen Spätzeit ist kaum zu leugnen.

Schön um jeden Preis

Eine weitere Selbstverständlichkeit unserer Zeit sind künstlich hergestellte Farben aller Art. Früher war es wesentlich schwieriger, leuchtende, deckstarke Farbpigmente herzustellen. Umso größer war der Wunsch, sie zu verwenden, wenn es gelang. Auch wenn es - wie im Falle des beliebten Grüntons Pariser Grün – mit furchtbaren Nebenwirkungen einherging.

Was das Pariser Grün im 18. Jahrhundert für die Modewelt war, war Bleiweiß schon seit der Antike für die Kosmetik. Bleihydroxidkarbonat, wie es wissenschaftlich genannt wird, ergibt ein stark deckendes, strahlendes Weiß. Absolut perfekt für die noble Blässe, die vor allem bei Frauen aber im Barock auch zunehmend bei Männern in Mode war. Die Tatsache, dass bereits seit dem Mittelalter bekannt war, dass es giftig ist, tat der Beliebtheit der aus Bleiweiß hergestellten Schminke absurderweise keinen Abbruch. Regelmäßige Anwendung führte zu starken Entzündungen, die die Haut langsam vernarbten und ledrig und hart werden ließen. Die Lösung? Mehr Bleiweiß, um die Folgen zu verdecken. Und damit entstand ein Teufelskreis. Es folgten Zahnausfall, Mundfäule und schließlich nach weiterer Anreicherung des Bleis im Körper auch alle übrigen Anzeichen einer Bleivergiftung. Da insbesondere Frauen dem permanenten sozialen Zwang unterstanden, stets so schön und modisch wie möglich auszusehen, haben sich so viele in ein frühes Grab geschminkt.

Aber jetzt wissen wir es besser...?

Die Eigenschaften von Bleiweiß als Farbstoff sind so optimal, dass es bis vor erstaunlich kurzer Zeit noch in Wandfarben Verwendung fand. Blei wurde auch lange für Wasserleitungen verwendet. Während es in Europa bereits vor hundert Jahren weitgehend verboten wurde, dauerte es in den wenig regulierungsfreudigen USA wesentlich länger, weshalb es dort nach wie vor regelmäßig Probleme mit weitverbreiteter Bleibelastung gibt. Der wohl prominenteste Fall ist das Städtchen Flint in Michigan, dessen Wasserversorgung nach wie vor bleidurchseucht ist.

Von Gregor Schwayer
Am
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