Wo Mann noch Mann sein kann

Matthias ist Rapidfan und das schon so lange er denken kann. Wie es dazu kam, wieso man ihn immer mal wieder im Stadion antreffen kann und was das Fantum für ihn bedeutet erzählte er uns in einem Interview.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 9 Min

GRAD:

Wie lange bist du schon Rapidfan und wie bist du einer geworden?


Matthias:

Als Kindergartenkind habe ich zwei Jahre im 13. Bezirk gelebt und Rapid ist aus dem 14. und das war nur zehn Minuten zum Stadion. In der Siedlung und im Kindergarten waren alle Rapidfans und dann wird man so sozialisiert.

GRAD:

Kann man als Kind denn schon ein so großer Fußballfan sein?


Matthias:

Natürlich, weil sobald man sprechen und laufen kann, kann man auch einem Ball hinterherlaufen und mit den anderen Kindern fußballspielen. Vor allem, wenn die anderen dann auch Rapid Trikots anhaben, identifiziert man sich damit leicht, um kein Außenseiter zu sein. Und mein Vater schaut auch gerne Fußball und hat mich ins Stadion mitgenommen…

GRAD:

Also ist dein Vater auch Rapid Fan?


Matthias:

Nein. Der ist LASK Fan, denn der ist Oberösterreicher aber dadurch, dass er in Wien gelebt hat ist ihm nichts anderes übrig geblieben, als mit mir zu Rapid zu gehen.

GRAD:

Also ist das schon ein Stück weit von den Eltern vermittelt.

 

Matthias:

Ein bisschen schon, weil dadurch, dass mein Vater Fußball mag und ihn nicht verachtet, weil er vielleicht findet es ist ein Proletensport, hat er mich ins Stadion mitgenommen. Wäre das nicht der Fall, dann wäre der Funke vielleicht nicht übergesprungen. Aber eben dadurch, dass mein Vater mich ins Stadion mitgenommen hat und im Fernsehen Fußball gesehen hat, und als kleiner Bub schaut man eben mit und kann sich kaum gegen diese Sozialisierung wehren.

GRAD:

Und jetzt gehst du regelmäßig auf Matches?

Matthias:

Ja, ich habe ein Abo und gehe auf die ganzen Heimspiele.

GRAD:

Und wie viel hat das Abo gekostet?

Matthias:

240€

GRAD:

Zahlt sich das deiner Meinung nach aus?

 

Matthias:

Ja, das zahlt sich aus. Nicht wegen der fußballerischen Qualität, sondern um mit Freunden zusammen zu sein.

GRAD:

Also geht es da auch viel ums Feeling?

 

Matthias:

Viel mehr als um Fußball. Der Fußball ist uns relativ egal mittlerweile, weil der in Österreich auf so einem schwachen Niveau ist. Ich würde nie ins Stadion gehen, um Fußball zu schauen. Da könnte ich mir ein SKY-Abo kaufen, um die Deutsche Bundesliga zu sehen, bei der das Niveau viel höher ist. Bei Rapid geht es darum, dass wir immer eine Partie, so 20 Burschen sind, uns jedes zweite Wochenende treffen, ein paar Bier trinken und ins Stadion gehen. Wir stehen gemeinsam im Block West, singen Rapid Lieder, feuern die Mannschaft an. Also dieses Stadion-Erlebnis mit zwei Stunden davor treffen, ein paar Bier trinken das macht es aus. Dieser Zusammenhalt mit Freunden anstatt nur hinzugehen um Fußball zu schauen. Fußball ist quasi auch ein Vorwand dafür.

GRAD:

Das bedeutet der Sport bzw. das Fantum begleitet dich auch außerhalb der Matches, weil es ja mehr um den Freundeskreis geht als um den Sport an sich.

 

Matthias:

Genau so.

GRAD:

Das heißt, nehmen wir an, es können die meisten der Burschen nicht zum Match gehen, dann gehst du auch nicht?

Matthias:

Manchmal ist es so, dass nur wenige können, dann sind wir nur zu dritt oder zu zweit aber dann gehe ich trotzdem. Denn es ist so, dass man über die Jahre Bekanntschaften geknüpft hat, da sieht man hin und wieder wen den man kennt “Ja Hallo Franz”, also ist man nie alleine.

GRAD:

Würdest du sagen es fühlt sich wie zuhause an? Ist es eine Wohlfühlzone für dich?

 

Matthias:

Ja, schon. Das ist schon auch eine Wohlfühlzone, weil es teilweise auch ein Platz ist, um Dinge zu tun, die man nicht im Alltag tun würde. Man geht nicht raus und trinkt fünf Bier aus einem Plastikbecher und beschimpft seinen Gegner als “Fotze”. Das wäre ja asozial aber im Stadion ist das quasi eine archaische Plattform wo Mann noch Mann sein kann, ohne gesellschaftliche Zwänge. Es hat noch etwas archaisches an sich.

GRAD:

Da wird der Urinstinkt des Mannes geweckt?
 

Matthias:

Genau, da lässt man den Proleten raus.

GRAD:

Und das Gefühl hast du sonst nicht?


Matthias:

Nein, weil ich bin auch keiner und würde das auf der Straße nie reden oder skandieren wie im Stadion. Es ist einfach den inneren Proleten rauslassen, man lässt sich in der Masse fallen.

GRAD:

Also bist du im Stadion und in deinem privaten Leben zwei verschiedene Personen?

 

Matthias:

Verschieden nicht. Es kommen nur unterschiedliche Aspekte zu Tage. Aber natürlich anders.

GRAD:

Dann fühlst du dich dort vielleicht ein wenig zwangloser?


Matthias:

Ja, zwangloser ist ein gutes Wort.

GRAD:

Kannst du dir vorstellen irgendwann nicht mehr ins Stadion zu gehen? Einfach damit aufzuhören? Oder ist das unvorstellbar?

Matthias:

Manchmal reden wir darüber und fragen uns wie das ist wenn wir Kinder haben und ob wir uns dann noch immer in den Block West setzen, aber dann werden wir wohl auf die Sitzplatztribüne gehen und entspannter sein. Dass wir nicht hingehen wird eigentlich weniger thematisiert, eher, dass wir uns woanders hinsetzen. Nicht mehr in den Block West, wo man steht und schreit, sondern auf die Sitzplatztribüne auf chillig, wo die älteren Herren sitzen und dann sitzen wir halt da mit kleinem Bierbauch und einem Bier in der Hand und entspannen. Nehmen vielleicht ein kleines Kind mit damit das auch gleich den Rapid-Virus intus hat und das so über Generationen weitergeben.

GRAD:

Also magst du schon deine Kinder mitnehmen falls du welche hast?

 

Matthias:

Falls es so ist, dann ja. Aber keine Mädchen.

GRAD:

Ist das kein Ort für Mädchen?

 

Matthias:

Ohja, es sind immer mehr Frauen dort aber ich weiß nicht, ich finde es ein wenig grauslich, wenn Mädls dort stehen und teilweise ur schimpfen “du Oaschloch” und da mit dem Bier und der Tschick stehen und sich aufführen. Wenn ich eine Tochter habe, dann will ich nicht, dass sie so ist. Die soll lieber kultivierte Sachen machen.

GRAD:

Erkläre mir mal bitte den Unterschied zwischen Block West und dem Rest.


Matthias:

Naja, das ist ein Standort im Stadion hinterm Tor und dort stehen seit Jahrzehnten Ultras und die Hardcore Fans.

GRAD:

Würdest du dich als Ultra bezeichnen?


Matthias:

Nein. Das ist nur ein geringer Teil, der nur für Rapid lebt und jeden Tag die Choreographien und Fahnenzeichen durchgeht und die haben ihr Leben wirklich Rapid und dem Fantum vermacht. Für mich ist das mehr ein Hobby alle zwei Wochen. Die machen das jeden Tag und bereiten alles vor. Für mich ist das mehr Eskapismus als Lebensinhalt. Ich würde Rapid nie als Lebensinhalt bezeichnen, sondern eher als angenehmes Hobby.

GRAD:

Hast du Freunde, die Ultras sind?

 

Matthias:

Ein paar schon, ja.

GRAD:

Gehst du dann mit denen gemeinsam hin und steht ihr beieinander?


Matthias:

Nein, die stehen in der Mitte und singen dauernd mit und geben Gas und wir stehen lieber rechts oben, wo man noch gemütlich ein Bier trinken kann. Früher sind wir öfter unten gestanden aber mittlerweile wird man auch schon älter und will es gemütlicher.

GRAD:

Merkst du bei deinen Freunden, dass das eure Freundschaft beeinflusst und sich im Alltag abzeichnet?

 

Matthias:

Ja, das beeinflusst schon teilweise, weil wenn jemand nicht zu den Spielen geht sieht man sich einfach seltener und das  kann eine Freundschaft negativ beeinflussen. Vor allem ist auch ein Gruppenzwang dabei und wenn einer nicht kann schreibt man gleich “Herst du Woama, geh aufs Match” oder “Wieso triffst du dich mit deiner Freundin?”. Also man ist auch einem sozialen Druck ausgesetzt erscheinen zu müssen.

GRAD:

Wärst du auch mit Leuten befreundet, die - ich weiß nicht - Austrianer sind? Oder ist das ein No Go?

 

Matthias:

Mir wäre das wurscht. Also ich kenne keine Austrianer, weil die eine Minderheit sind in Wien, aber ich hatte in der Schule ein paar Kollegen, befreundet waren wir nicht aber wir waren uns sympathisch. Einen Freund, der Austrianer ist, habe ich nicht, aber das liegt nicht daran, dass ich nicht will, sondern weil ich keine kenne. Wenn ich jetzt in der Uni jemanden kennenlernen würde, der Austrianer ist, dann würde ich mit dem auch auf ein Bier gehen. Das ist mir vollkommen egal.

GRAD:

Also du würdest nicht sagen, dass die Fankultur einen großen Teil deiner Identität ausmacht? Du bist da nicht so tief drinnen?

 

Matthias:

Nein, nein. Es ist eher eine Teil-Identität.

GRAD:

Wenn du abschalten möchtest und dich wie ein “Mann” fühlen möchtest, dann ist das der richtige Ort, aber das ist nicht dein Alltags-Du?

 

Matthias:

Genau, allerdings identifiziere ich mich schon als Rapidler und als Wiener. Das gehört dazu, aber nicht so stark, dass ich für den Sport lebe.


GRAD:

Vielen Dank.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 9 Min

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