Wie Städte zukunftsfit gemacht werden.

Umweltveränderungen sind mittlerweile weltweit spürbar. Die Risiken, die der Klimawandel mit sich bringt, ballen sich in urbanen Gebieten. Dort lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, dort stehen die meisten Gebäude und dort konzentrieren sich wirtschaftliche Aktivitäten. Extreme Regenfälle, Überschwemmungen und Hitzewellen wirken sich in Städten somit verstärkt auf das Verkehrs- und Abwassersystem und auf die Lebensmittelversorgung aus. Während wir im ersten Teil unserer Serie zu „Smart Cities“ von sogenannten Retortenstädten berichtet haben, sehen wir uns in diesem Artikel mitteleuropäische Städte und die Probleme, mit denen die Beteiligten konfrontiert sind, im Detail an.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 9 min

Im Jahr 2011 erschütterten massive Regenfälle die dänische Hauptstadt Kopenhagen, die Innenstadt stand unter Wasser, das Stromnetz gab für ein paar Stunden den Geist auf. Starkregen könnte außerdem zu Erdrutschen führen, die Ballungsräume für eine gewisse Zeit von der Außenwelt abschneiden. Vor allem die harte Infrastruktur hält den klimawandelbedingten Wetterextremen oft nicht stand, erklärt der ehemalige Regionaldirektor des ICLEI, einem Verband von Städten, Gemeinden und Regionen für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung, Holger Robrecht. Aber auch sogenannte weiche Infrastruktur leide unter den Folgen des städtischen Klimawandels. Das Gesundheitssystem sei, wenn die Temperaturen im Sommer nach oben schießen und Städte häufiger zu Hitzeinseln werden, immer öfter überfordert.

Dabei könnten Städte, so sind sich viele Expert*innen einig, eine Vorbildfunktion für den Umweltschutz einnehmen. Stadtpolitische Maßnahmen erreichen viele Menschen und Politikfelder. Sie wirken sich auf die Gebäude, die Energieversorgung, den Verkehr, aber auch die Industrie aus. Im Idealfall sollen die positiven Effekte smarter Initiativen im urbanen Biotop globale Handlungsschritte einleiten können und Menschen davon überzeugen, selbst im Kampf gegen die Erderwärmung aktiv zu werden. Das sind hehre Ziele, die sich Stadtregierungen, insbesondere in Nord- und Mitteleuropa gestellt haben. Aus der Praxis kennt man unterschiedliche Zugänge und länderspezifische Probleme.

Die soziale Innovation

Während sich technokratisch organisierte, neu erschaffene Smart Cities in Indien und Abu Dhabi ihre Bewohner*innen aussuchen können und so soziale, ökologische und ökonomische Probleme im wahrsten Sinne des Wortes aus den urbanen Brutkästen ausschließen, sind bestehende Städte tagtäglich mit Interessenkonflikten konfrontiert. Armut und Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsdruck und Platzprobleme, schlechte Luft und Verkehrsstaus sind allgegenwärtig. Ganze Systeme umkrempeln ist schwierig.

Deshalb möchte die Stadt Wien, so heißt es in ihrem Strategiepapier, lokale Projekte aufbauen, ausweiten und verknüpfen. Ein schleichender Wandel in die Moderne also. Die Stadtregierung hat jedoch trotzdem viel vor. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 35 Prozent pro Kopf gesunken sein, bis 2050 sogar um 80 Prozent. Von diesem Ziel sind die Städte noch meilenweit entfernt, einzelne Projekte gibt es aber dennoch. Ein Fokus liegt dabei auf Mobilität. Schon heute wird die Bewegungsenergie, die beim Bremsen der städtischen U-Bahn freigesetzt wird, ins Gleichstromnetz zurückgespeist und beim Anfahren der nächsten Fahrzeuggarnitur verwendet. In näherer Zukunft soll die Bremsenergie aber auch ins Mittelspannnetz umgelenkt werden, um so im Versorgen von Rolltreppen und Liften noch effektiver eingesetzt werden zu können.

Der smarte Campus

Innovative Projekte aus Wissenschaft und Wirtschaft sollen ein Antriebsmotor für eine nachhaltige ökonomische Entwicklung der Bundeshauptstadt sein. Die Rahmenbedingungen dafür will die Politik schaffen. Auch der neuerrichtete Campus der Wiener Wirtschaftsuniversität soll – dem Smart City Programm zufolge – dabei behilflich sein.  Er ist mit modernen technischen Geräten ausgestattet, bietet viel Platz für Studierende und wurde nach dem „Green Building“-Konzept entworfen. Die Energieversorgung erfolgt über die thermische Nutzung des Grundwassers. Abgesehen davon setzt die Universität ganz bewusst auf den sogenannten „Public-Private-Partnership“, einer Zusammenarbeit von öffentlicher Hand (den Universitäten) und Unternehmen. Doch das Schaffen eines Raumes ist nicht per se smart, erst deren intelligente Nutzung kann Innovationen schaffen. Hier stößt die sanfte Stadterneuerung oftmals an ihre Grenzen. Die Planung und Erneuerung gesamter Systeme, des Verkehrs zum Beispiel oder der Energieversorgung, sei in Wien aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten in der Verwaltung besonders schwierig, meint Brigitte Bach vom Austrian Institute of Technology (AIT). Doch nur mit tiefgreifenden Konzepten könne man die hoch gesetzten ökologischen Ziele erreichen. Auch die Aufklärung und das Einbeziehen der Bewohner*innen sei essentiell.

Und alle machen mit

Zu dieser Erkenntnis kommt auch die Stadt Amsterdam. Um bis 2025 40 Prozent des CO2-Ausstoßes zu reduzieren und den Energieverbrauch um 20 Prozent zu senken, soll die Hauptstadt zur Smart City werden. Eine niederländische Studie zeigt jedoch, dass zwar Ideen vorhanden sind und Konzepte entwickelt werden können, die Implementierung in den Alltag jedoch oft zum Stolperstein wird. Es fehlt an der Kooperation mit den Bürger*innen. Potentielle Nutzer*innen müssen das Gefühl haben von den Neuerungen profitieren zu können. Das ist die Konsequenz, die die Amsterdamer Stadtregierung zieht, fasst Joost Brinkmann, der bis 2012 die Smart City Initiative geleitet hat, zusammen. Teil dieser Initiative ist zum Beispiel „The Green Living Lab“, ein Glas-Iglu, das mitten im Grünen steht und in dem jedes Jahr ein Bootcamp, eine Art Trainingslager für 45 Studierende, stattfindet. Dort treffen sie auf Expert*innen, forschen und diskutieren. Jede Woche steht eine neue Challenge an – unter anderem wird kompostiert. Ziel des Ganzen: Die Bürger*innen sollen nicht nur mittels Apps über ihren Energieverbrauch informiert werden, sie lernen auch Möglichkeiten kennen, ihr eigenes Handeln zu verändern.

Ein anderes Projekt ist die „Amsterdam Rainproof“, eine Plattform, die Initiativen zusammenbringt, die sich mit den urbanen Folgen von extremen Regenfällen auseinandersetzen. Eine Studie des Weltklimarates warnt davor, dass durch Starkregen in manchen Städten bis zu 40 Prozent des Abwassers in die Umwelt gelangen können. Veraltete Abwassersysteme, die durch wahllos vergrößerte Städte und steigende Bevölkerungszahlen schon überstrapaziert sind, können den neuen Witterungsbedingungen schlicht nicht standhalten.

Auch am Energiemarkt tut sich einiges. In einer Initiative möchte man über Solarpanels, die in den zahlreichen Gewässern Amsterdams schwimmen, einzelne Stadtteile versorgen. Beginnen möchten die Entwickler mit dem Start-Up-Dorf im Science Park Amsterdam. Das Projekt steckt allerdings erst in den Kinderschuhen, entwickelt und designet wurden die Solaranlagen noch nicht. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es im größeren Rahmen überhaupt funktionieren kann.

Stolpersteine

Niederländische Entwickler*innen haben diesbezüglich nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Ein Stromversorger hat Solarpanels auf Wohnhäusern installiert, um sie dann mit Garagen zu vernetzen, in denen Ladestationen für Elektroautos stehen. Soweit, so gut. Die Ausweitung des Projekts scheiterte an den Behörden. Ein gemeinsames Nutzen von Solarpanels ist illegal. Unternehmer*innen beklagen zahlreiche Gesetzeshürden – egal, ob in Wien oder in Amsterdam. Das führe zu fehlender Investitionssicherheit und schließlich zu weniger Projekten. Gleichzeitig warnen Jurist*innen in einem anderen Kontext vor zu wenig gesetzlicher Kontrolle. Technologien, die in den Städten zur Anwendung kommen, werden häufig in den USA oder in China entwickelt, in Staaten, in denen Datenschutz keine große Rolle spiele. Der Gesetzgeber müsse hier behutsam vorgehen. Alles eine Frage des Blickwinkels.

Von Franziska Windisch
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