Wie misst man Ungleichheit?

Bei der Beschreibung von wirtschaftlichen Verteilungsverhältnissen in den Medien fällt oftmals ein Name: Gini. Der nach dem Statistiker Corrado Gini benannte Gini-Koeffizient beschreibt die Gleich- oder Ungleichmäßigkeit der Verteilung von Einkommen oder Vermögen in einem Land. Wir erklären euch, was er aussagt, was er nicht aussagt und was seine Probleme sind, damit ihr das nächste Mal, wenn ihr darüber stolpert, wisst, worum es geht!

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Der Gini-Koeffizient errechnet sich über den Unterschied zwischen tatsächlicher Verteilung und totaler Gleichheit, also wenn alle exakt gleich viel verdienen oder besitzen würden:

Die Y-Achse in dieser Grafik entspricht dem Einkommen, die X-Achse der Bevölkerung. Die 45 Grad Linie ist die totale Gleichheit: 20% der Bevölkerung bekommen 20% des gesamten Einkommens, 40% bekommen 40% und so weiter. Real gibt es das natürlich nirgends, aber es ist unser Ausgangspunkt.

Denken wir uns ein Land, in dem die reale Verteilung so, wie auf der Linie in der Grafik aussieht: Die untersten 20% beziehen etwa 3% des Gesamteinkommens, die untersten 40% beziehen etwa 10% und die obersten 20% bekommen ganze 50%. Diese Linie der realen Lohn- oder Einkommensverhältnisse nennt man die Lorenzkurve. Wie kommen wir jetzt auf den Gini-Koeffizienten?

Hier sieht man jetzt unser fiktives Land im Vergleich mit der Basislinie der totalen Gleichheit. Der Gini-Koeffizient ist die schraffierte Fläche dazwischen, also die Abweichung der realen Verhältnisse von der Basislinie. Gehen wir einmal vom absoluten Extremfall aus: In unserem erfundenen Land bezieht eine einzige Person 100% des Einkommens:

In diesem Extremfall wird die gesamte Fläche unterhalb der Basislinie schraffiert – das entspricht einem Gini-Koeffizienten von 1. Würde in unserem fiktiven Land totale Einkommensgleichheit herrschen, wäre die Linie direkt auf der Basislinie und es gäbe keine Fläche zu schraffieren – das entspricht einem Gini-Koeffizienten von 0.

Immer noch zu viel? Okay, kein Problem, hier die tldr-Version: Der Gini-Koeffizient ist ein Wert zwischen 0 und 1, der die Einkommens- oder Vermögensverteilung angibt: Je niedriger der Wert, desto gleichmäßiger die Verteilung. Mit Werten in der Einkommensverteilung zwischen 0.2 und 0.35 gelten Länder als vergleichsweise fair verteilend, ab etwa 0.5 wird es kritisch. Manchmal wird auch der sogenannte Gini-Index verwendet – das ist einfach der Koeffizient mit 100 multipliziert.

Auch wenn der Gini-Koeffizient einen guten ersten Überblick gibt, ist er nicht ohne seine Macken. Zum einen werden die Daten, die für eine saubere Berechnung gebraucht werden, nur in den wenigsten Ländern so genau erhoben, wie es nötig wäre. Zum anderen sagt er nichts über den generellen Wohlstand eines Landes aus. Ein Land mit einem extrem guten Wert kann insgesamt so arm sein, dass der Gini-Koeffizient nur aussagt, dass es allen relativ ähnlich schlecht geht.

Und wie sieht es bei uns aus? Österreichs Gini-Koeffizient liegt aktuell bei etwa 0.3. Ziemlich gut, oder? Jein. Noch vor zwanzig Jahren standen wir bei etwa 0.26, also bewegen wir uns langsam aus der grünen Zone hinaus. Österreich ist damit aber immer noch im globalen Vergleich top aufgestellt. Anders sieht die Sache bei der Vermögensverteilung aus – hier spielt Österreich mit einem satten Koeffizienten von 0.78 zwar in einer anderen Liga, steht international aber im Mittelfeld. Zum Vergleich: Die USA steht bei 0.86, Russland bei 0.92.

Von Gregor Schwayer
Am
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