Wie ist das jetzt genau mit dem Gender Pay Gap?

Frauen verdienen bei gleicher Arbeit im Durchschnitt weniger als Männer. Diese Tatsache ist - unabhängig davon, welchen Statistiken man folgt - bewiesen. Bei der Frage, wie groß die Unterschiede am Ende des Monats dann aber tatsächlich sind, scheiden sich die Geister. Wir haben uns den Gender Pay Gap genauer angesehen.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Herr Turner und Frau Semper arbeiten beide im mittleren Management eines Versicherungskonzerns. Beide haben auf der Wirtschaftsuniversität ihren Abschluss gemacht, verfügen über ähnliche Qualifikationen, sind gleich lange - und ohne Unterbrechung - in der Firma angestellt, auch ihre Aufgaben sind vergleichbar. Trotzdem verdient Herr Turner monatlich 500 Euro mehr als Frau Semper. Dieser bereinigte Lohnunterschied, der von Frauen und Männern mit denselben Merkmalen ausgeht, liegt in Österreich gegenwärtig - den Berechnungen der Statistik Austria zufolge -  im Durchschnitt im Jahr 2014 bei 13,6 Prozent. Über die Gründe für diese Lohndifferenz kann man nur spekulieren: Vielleicht hat der Vorgesetzte von Herrn Turner und Frau Semper befürchtet, Herr Turner würde sich - wie für einen karriererorientierten Mann üblich - um einen anderen Job umsehen, wenn sein Gehalt nicht um einen gewissen Beitrag steigt. Vielleicht möchte er nicht allzu viel Geld in Frau Semper investieren, weil sie doch sowieso bald in Karenz gehen könnte wie Frauen es eben so machen. Vielleicht hat Herr Turner auch aktiv nach einer Gehaltserhöhung gefragt, hat besser verhandelt. Insbesondere letzteres wird oft als Begründung genannt. Diesbezügliche Gehaltsunterschiede zeigen sich vor allem bei Besserverdiener*innen, da sie mehr individuellen Spielraum in den Verhandlungen um ihre Bezahlung haben. Deshalb schwanken auch die Berechnungen des wirtschaftsliberalen Think Tanks Agenda Austria. Den Ökonom*innen zufolge liegt der unerklärte Teil des Gender Pay Gaps zwischen 3,4 und 11,3 Prozent, je nachdem in welcher Einkommensklasse man sich befindet.

Österreich unter den EU-Schlusslichtern

Aber es gibt nicht nur den bereinigten, sondern auch den unbereinigten Gender Pay Gap. Dieser beschreibt - gemäß EU-Definition - den Unterschied zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten der männlichen und weiblichen Beschäftigten in Prozent der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste der männlichen Beschäftigten. Das klingt erstmal kompliziert. Mit Blick auf die Praxis wird es jedoch verständlicher. Der österreichische Wert für den unbereinigten Gender Pay Gap liegt 2017 bei 19,9 Prozent und ist im Sinken begriffen. Im Vergleich dazu liegt der EU-Schnitt im selben Jahr bei 16 Prozent. Frauen verdienen also 20,1 Prozent weniger als Männer. Höhere Werte weisen nur Großbritannien, Deutschland, Tschechien und Estland auf. Ganz im Gegensatz zu Rumänien, das im EU-Vergleich den vordersten Platz mit nur 3,5 Prozent Gender Pay Gap belegt. Auch Italien, Luxemburg, Belgien, Slowenien und Polen weisen Werte unter 10 Prozent auf. Länder, die teilweise sehr unterschiedlich sind. Denn es gibt verschiedene Faktoren, die den Pay Gap bestimmen und die verschieden kombiniert zu teilweise paradoxen Ergebnissen führen. So kann eine steigende Erwerbsbeteiligung der Frau als Faktor gewertet werden, der den Gender Pay Gap vergrößert. Während gut qualifizierte Frauen, die dann auch deutlich höhere Einkommen haben, die ersten sind, die am Erwerbsleben teilnehmen, sind es gerade Geringverdiener*innen, die erst nach und nach und oftmals in Teilzeitjobs einsteigen. Bei höherer Frauenerwerbstätigkeit gibt es also auch mehr Frauen im Niedriglohnsektor und somit insgesamt breitere Gehaltsspannen. Doch dieser Faktor ist nicht alleine ausschlaggebend. Nehmen wir die skandinavischen Länder als Beispiel zeigt sich eine hohe Erwerbsbeteiligung und ein vergleichsweise niedriger Gender Pay Gap. Es gibt also noch andere Gründe, die die Verdienstunterschiede erklären… 

Typisch Frau, typisch Mann

Wechseln wir von Frau Semper und Herrn Turner zu Frau Nilsen und Herrn Hadic. Herr Hadic hat eine Installateur-Lehre abgeschlossen, Frau Nilsen zuerst die kaufmännische Fachschule absolviert und schließlich in der Abendschule ihre Matura nachgeholt. Auf dem Papier weist Frau Nilsen also eine höhere Ausbildung auf. Auch statistisch verfügen Frauen im Durchschnitt über einen höheren Bildungsabschluss als Männer. Doch trotzdem verdient Herr Hadic als Installateur deutlich mehr als Frau Nilsen in ihrem Job als Sekretärin. Das liegt zum einen an der Branche, in der die beiden tätig sind, und zum anderen am Beruf, den die beiden ausüben. Frau Nilsen arbeitet in einem klassischen Frauen-, Herr Hadic in einem klassischen Männerberuf. Während Herr Hadic seit seiner Lehre im selben Betrieb tätig ist, hat Frau Nilsen ihren Job schon mehrmals gewechselt. Grund dafür sind auch ihre längeren Karenzzeiten. Deswegen war Frau Hadic auch lange Zeit teilzeitbeschäftigt. All diese und noch ein paar weitere Faktoren können die Gehaltsunterschiede bis zu einem gewissen Grad erklären. Grund genug, dass vielfach davon die Rede ist, dass das Ausmaß des Gender Pay Gaps viel zu hoch geschätzt wird. Dass Frauen es Männern lediglich gleichtun sollen, ihre Arbeitszeit erhöhen, ihre Berufswahl überdenken und ihre Karenzzeiten verkürzen sollen. Und doch werfen diese Ergebnisse mehrere Fragen auf. Wieso in Berufen, in denen vermehrt Frauen tätig sind, weniger Gehalt gezahlt wird. Oder warum es immer noch Frauen sind, die beruflich zurückstecken müssen, sobald sie Kinder bekommen. 

Mutterschaft als Gehaltskiller

Letzteres - nämlich die Mutterschaft - wirkt sich besonders stark auf die Verdienstunterschiede aus. Das zeigt eine aktuelle Studie, die Vergleiche zwischen drei Ländertypen macht und für Österreich eine langfristige Auswirkung auf die Verdienste von Frauen nach der Geburt des ersten Kindes von 51 Prozent attestiert. Während bis dorthin die Verdienstunterschiede vergleichsweise gering sind, kommt es bei Frauen im Zuge der Mutterschaft zu deutlichen Gehaltseinbußen, die Männergehälter bleiben konstant. Dennoch gibt es große Differenzen zwischen verschiedenen Staaten. So weisen Dänemark und Schweden lediglich einen langfristigen Verlust von 21 bzw. 27 Prozent und die USA und Großbritannien einen Verlust von 31 bzw. 44 Prozent auf, im Gegensatz dazu kommt Deutschland auf einen Verlust von stolzen 61 Prozent. Das liegt einerseits an staatlichen Maßnahmen wie Karenzzeiten, Kinderbetreuungsgeld und öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten, ein viel größerer Einfluss zeigt sich jedoch durch Rollenbilder und Geschlechternormen. 

Fassen wir also zusammen: Betrachtet man den Gender Pay Gap, so lässt sich ein erklärbarer und ein unerklärbarer Teil ausmachen. Der erklärbare Unterschied wird durch die Wahl von Beruf und Branche, durch Ausbildung, Beschäftigungsausmaß und Erwerbsunterbrechungen begründet. Das ist bei Herrn Hadic und Frau Nilsen der Fall. Der unerklärbare Unterschied wird in vielen ökonomischen Analysen mit Diskriminierung gleichgesetzt. Ökonomische Diskriminierung liegt dann vor, wenn sich die Gehaltsunterschiede nicht lediglich an der Leistung orientieren, sondern an von den Personen nicht veränderbaren persönlichen Merkmalen. Das ist bei Frau Semper und Herrn Turner der Fall, sie unterscheidet nur das Geschlecht. In diesem Zusammenhang gibt es mehrere Sichtweisen, die den Anteil diskriminierender Aspekte jeweils als unter- bzw. überschätzt einordnen. So wird argumentiert, dass viele der als erklärt geltenden Faktoren letztlich ebenfalls Folge von Diskriminierungen sein können. So stellt sich die Frage, ob Mädchen tatsächlich immer ganz freiwillig einen schlechter bezahlten Beruf ergreifen, der als typisch weiblich gilt. Oder ob es Männern im selben Ausmaß möglich ist, Karenzzeiten in Anspruch zu nehmen.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.