Wie Einbildung Europa bildet

Wenn in der Öffentlichkeit über Schule gesprochen wird, dann sind es meist negative Angelegenheiten, die hervorstechen: Brennpunktschulen, schlechte Ergebnisse beim PISA-Test oder die steigende Leseschwäche bei Schüler*innen. Zwischen den Diskussionen zu Deutschklassen und zu Steigerung der Lernkompetenzen, geraten Fragen rund um den Lernstoff, und die Perspektive, aus der er betrachtet wird, weiter in den Hintergrund. Es sind für uns Europäer*innen selbstverständliche Gegebenheiten wie die Ausrichtung der Weltkarte oder die Bestimmung der Zeitzone, die kaum Eingang in die kritische Diskussionsrunde finden. Wer sich jetzt fragt, warum ausgerechnet das zu einem Problem erhoben wird, die*den lade ich ein, ein Stück weit in die verwobenen Wege unserer eurozentristischen Blase einzutauchen. Doch lasst uns vorab eines klären: Was genau ist Eurozentrismus?

Von Katharina Kulesza
Am
Lesezeit 7 Min

Der Eurozentrismus ist eine einverleibte Denk- und Handlungsweise, die die europäische Kultur als Bewertungsmaßstab für das gesamte Weltgeschehen heranzieht. Was sich zunächst wie eine weit entfernte Banalität anhört, bestimmt unseren Lebensstandard weitaus mehr als uns bewusst ist. Sie schleicht sich in unsere tägliche Erlebniswelt ein, die wir durch Medien, Freunde, aber auch in unserer Ausbildung erfahren. Spätestens im Geschichte- und Geographieunterricht fallen immer wieder Begriffe wie „Dritte Welt“, „Entwicklungsländer“ oder „Naher/Mittlerer Osten“. Es sind Begriffe, unter denen wir uns bestimmte Weltregionen vorstellen können und die sich hervorragend als sprachliches Mittel für eine Unterhaltung oder eben für den Unterricht eignen. Dabei haben diese Bezeichnungen eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf Europa bzw. auf von Europa ausgehende Standards als Referenzpunkt. Das „Entwicklungsland“ kann nur als solches benannt werden, wenn es mit schon „entwickelten“ Ländern verglichen wird. Und das sind - große Überraschung - europäische bzw. westliche Länder. Das liegt der Vorstellung zugrunde, dass der Westen in Sachen Entwicklung den Ton angibt, wobei die Geschichte Europas gerne als Vorbild hergenommen wird. Auch die Bezeichnungen „Naher“, „Mittlerer“ und „Ferner Osten“ können nur unter der Berücksichtigung der geographischen Lage Europas und ihrer Dominanz verwendet werden. Würden wir in einer sinozentristischen Welt, also mit China als ideologisch überlegene Nation, leben, so würden wir zum Beispiel in der Berichterstattung zum Syrienkrieg wohl vom mittleren Westen sprechen.

Dazu gehören nicht nur einzelne Begriffe. Ganze Sprachen, wie das Lateinische und das Griechische, bilden die Basis für wissenschaftliche und technische Kommunikationsmittel, die heute weltweit gebräuchlich sind. Wie wir Europa und andere Kontinente sehen, hängt stark von der Ausrichtung des „Framings“ ab. Spricht man von Europa als der Hochburg der Demokratie, der Menschenrechte, des Fortschritts und der Aufklärung, so liegt es nahe, dass diese Attribute die Europäer*innen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen als überlegen „framen“. Geschichtlich und gesellschaftlich andere Perspektiven fallen damit wortwörtlich aus dem Rahmen.

Im Hamsterrad?

Kritiker*innen des Eurozentrismus wie etwa etliche Geograph*innen, Anthropolog*innen und Sozialwissenschaftler*innen belassen es nicht nur bei einer kritischen Betrachtung von Begrifflichkeiten. Es ist auch entscheidend, wie sich eine Herrschaftsposition in Bildern ausdrückt. So ist es kein Zufall, dass in der geläufigen Darstellung der Weltkarte Europa zentral liegt. Oder dass London in der Kategorisierung der Zeitzonen den Referenzpunkt bildet, nach dem sich alle anderen Zeitzonen der Welt richten.

Die Vermittlung der eurozentristischen Lebensweise schließt aber keineswegs die Anerkennung von kulturellen und materiellen Erzeugnissen anderer Kulturen aus. Allerdings ist die Eigenheit der eurozentristischen Weltanschauung, dass Errungenschaften von Nicht-Europäer*innen zu oft mit dem Einfluss von Europa in Verbindung gebracht werden. Das findet schon vor hunderten Jahren statt, als im 19. Jahrhundert mehr und mehr pseudoarchäologische Ausgrabungen von europäischen Reisenden auf afrikanischem Boden betrieben worden sind. Beispielsweise sollen Bauwerke der Kabylen, einer Bevölkerungsgruppe im heutigen Algerien, laut europäischen Reisenden gar nicht von ihnen selbst errichtet worden sein. Seitdem hielt die Behauptung, Franzosen hätten jene Bauwerke in Algerien im Mittelalter errichtet, hartnäckig an. Diese und andere Gerüchte über das fremde Afrika oder das exotische Asien konnten mittlerweile durch tatsächliche Archäologie und Forschungen entkräftet werden. Trotzdem schlagen stereotype Vorstellungen von nicht-westlichen Lebensweisen in Köpfen vieler Europäer*innen hohe Wellen.

James M. Blaut, anerkannter Geograph und Anthropologe, geht sogar weiter und sieht die eurozentristische Denkweise als Grundlage für den erfolgreichen Kolonialismus und die neuzeitliche Sklaverei. Die Konsequenzen dieser gravierenden Ereignisse in der Weltgeschichte begleiten uns auf unseren täglichen Wegen. Das Konsumverhalten, Lexika im Bücherregal, wissenschaftliche Schriften an der Uni, mediale Berichterstattung und Schulbücher seien davon derart geprägt, sodass die Wertvorstellungen einer Überlegenheit Europas kaum mehr wegzudenken sind.

Das lässt in Bezug auf Bildungsinstitutionen Fragen aufkommen: Wird die heimische Schule als möglichst neutraler Wissensvermittler ihrer Rolle gerecht? Werden Schüler*innen mit einem kritischen und vor allem einem vielseitigen Blick auf Weltgeschehnisse ausreichend geschult? Und zu guter Letzt:  Sind wir nach der Absolvierung einer Allgemeinbildenden Höheren Schule wirklich allgemein gebildet?

Von Katharina Kulesza
Am
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