„Wenn etwas gerade brennt, muss es raus.“

Mein erster Blick nach dem Aufstehen ist der auf das Smartphone. Zuerst scrolle ich durch meinen Twitter-Feed, dann checke ich mein Instagram-Profil und zu guter Letzt nehme ich mir Facebook vor. Es folgt der Weg ins Badezimmer. Während ich unter Dusche stehe, höre ich den ersten Podcast. In der Straßenbahn sitze ich mit meinem digitalen Begleiter. Einen kurzen Blick kann ich von dem kleinen Bildschirm abwenden und bemerke, ich bin nicht die Einzige..

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 12 Min

Nahezu 100 Prozent der jugendlichen Österreicher*innen besitzen ein Smartphone, können ihre Accounts immerzu in Sekundenschnelle abrufen. In der täglichen Mediennutzung steht der digitale Alleskönner bei Zwölf- bis Neunzehnjährigen an oberster Stelle. Er ist nicht nur erster Anhaltspunkt frühmorgens, sondern meistens auch spätabends. Gleichzeitig fanden US-amerikanische Forscher*innen heraus, dass sich die Smartphone-Nutzung kurz vor dem Einschlafen negativ auf Schlaflänge und Schlafqualität auswirkt. Das blaue Licht der Bildschirmgeräte hemmt die Bildung des körpereigenen Schlafhormons Melatonin, was dazu führt, dass wir uns nicht müde fühlen. Wenn die abendliche Ruhephase dann auch noch von der E-Mail der Vorgesetzten oder der Nachricht über einen Terroranschlag im Nachbarland gestört wird, stellt sich Stress ein. Wieder runterzukommen dauert. Unsere Smartphones verwenden wir zum Großteil, um uns mit anderen auszutauschen. Eine Stunde bleibt das Handy unbeaufsichtigt – schon prasseln 40 Nachrichten auf mich ein.

Poppt eine Benachrichtigung auf, sind wir aufmerksam und gespannt, Glückshormone schießen ein. Wir kennen unseren täglichen Begleiter gut, aber auch er weiß über uns und unsere Bedürfnisse Bescheid. Facebook und Co spielen mit unserem Wunsch nach Anerkennung, denn letzten Endes ist es ihr Weg, Geld an uns zu verdienen. Es ist kein Zufall, dass Stoppschilder und die Benachrichtigungsmarkierungen unserer Apps dieselben Farben tragen. Und auch mich aktiviert die Zahl 40 inmitten des roten Kreises. Es ist eine Mischung aus Aufregung und Stress. Was habe ich verpasst?

Schädliches Netzwerk

Es gibt zahlreiche Studien, die soziale Medien in den Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen setzen. Personen, die sehr viel Zeit online verbringen, sind öfter schlecht gelaunt und zeigen häufiger Depressions- und Angststörungssymptome, heißt es in einer US-amerikanischen Studie.

Es ist kein Zufall, dass Stoppschilder und die Benachrichtigungsmarkierungen unserer Apps dieselben Farben tragen.

Nicht die Menge, sondern vor allem auch die Qualität der Nutzung ist in diesem Kontext ausschlaggebend, wird anderweitig ergänzt. Shirley Cramer von der Royal Society For Public Health hat einzelne Social Networks auf ihr gesundheitliches Gefahrenpotential hin untersucht und Jugendliche nach ihren Einschätzungen befragt. Instagram und Snapchat kamen in der Untersuchung nicht gut weg.  Ihre These: „Beide Plattformen legen den Fokus auf Bilder, was bei Jugendlichen das Gefühl von Unzulänglichkeit und Unbehagen auslösen kann.“

Und tatsächlich, wenn ich meinen Instagram-Feed betrachte, die Accounts mit großer Anhängerschaft durchforste, dann treffe ich auf Models, Fitnessstars und Fashionblogger*innen. Neun von zehn Teenager*innen sind unglücklich über ihren Körper. Und nun klettern die makellosen, perfekt gebräunten Körper von ihren Plakatkampagnen und erwachen im Netz zum Leben. Dabei geht es jedoch nicht nur ums Aussehen. In Untersuchungen zum Thema berichten Jugendliche auch über ein anderes Phänomen - „FOMO“, kurz für: Fear Of Missing Out, also die Angst davor, etwas zu verpassen. Nicht auf der Party zu sein, von der die Schulkolleg*innen auf ihren Online-Profilen berichten, oder schmerzlich daran erinnert zu werden, dass man in den Winterferien nicht zum Schifahren oder in die europäische Großstadt fährt. Zurück bleibt ein dumpfes Gefühl, ein schlechtes Gewissen, weil man nicht mithalten kann... finanziell, emotional, physisch und psychisch. Das ist die eine Seite der Instagram-Medaille. Die, die der Plattform den Rang des gesundheitsschädlichsten Social Networks beschert hat. Wir verfolgen Promis, Freund*innen und Bekannte, nehmen Teil an ihrem scheinbar perfekten Leben, sehen, was sie wollen, dass jeder sehen kann und vergessen dabei, was oft nicht Teil der Erzählung ist. Dinge, die online keinen Platz haben, die nicht in die Öffentlichkeit gehören... Aber, was ist, wenn doch?

Tabubruch

Jaqueline Scheiber ist seit über acht Jahren auf unterschiedlichen Plattformen im Internet anzutreffen. Begonnen hat sie auf Tumblr mit einem Lyrikblog, seit 2012 ist sie auch auf Instagram aktiv. Auch sie kennt die Vorwürfe, die man der App macht und die Konsequenzen, die die ständige Auseinandersetzung mit verzerrten Wirklichkeiten gerade für junge Menschen bedeuten können. Doch Jaqueline und ihre mittlerweile über 17.000 Follower*innen haben sich dazu entschieden, auf Instagram ein anderes Netzwerk zu schaffen. Eines, das den Namen sozial auch wirklich verdient.

„Wenn ich die App aufmache, dann treffe ich dort auf Leute, die über psychische Erkrankungen, über Körper reden, die versuchen, sehr authentisch zu sein. Mein thematischer Fokus liegt auf psychischer Gesundheit, Body Positivity, auf Trauerarbeit und natürlich auch auf anderen gesellschaftlichen Themen, die mir ein Anliegen sind. Die Plattform ist für mich ein Rahmen für Dinge, die ich nicht mit Freunden besprechen kann oder möchte, oder bei denen ich irgendwie den Anspruch habe, Sprache ein bisschen ästhetischer zu machen.“ Einem größeren Publikum bekannt wurde Jaqueline Scheiber, die unter dem Nicknamen „minusgold“ schreibt, als sie öffentlich über den Tod ihres Freundes und ihre Trauerarbeit geschrieben hat. Sie veröffentlichte Bilder, auf denen sie weinend abgebildet war und unter denen sie ihre Gedanken in den schwierigsten Phasen ihres Lebens geteilt hat. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse packt die 24-Jährige in kunstvolle poetische Texte. Für sie ist es ein Weg, mit dem Erlebten umzugehen. „Wenn etwas gerade brennt, muss es raus. In dem Moment, in dem jemand anderer seine Sachen in meine Texte reinlegt, werden sie so verfremdet, dass sie nicht mehr meine eigenen sind und das finde ich eigentlich sehr schön.“ Auf ihre Bilder, und die darunter verfassten Texte, bekommt Jaqueline viel Resonanz. Follower*innen liken, kommentieren und schreiben ihr vor allem auch persönliche Nachrichten, in denen sie von ihren ganz persönlichen Problemen und Erfahrungen berichten. Die deutsche JIM-Studie bestätigt diese Beobachtung. Jugendliche suchen im Internet verstärkt nach Anknüpfungspunkten bei persönlichen Problemen.

“In dem Moment, in dem jemand anderer seine Sachen in meine Texte reinlegt, werden sie so verfremdet, dass sie nicht mehr meine eigenen sind und das finde ich eigentlich sehr schön.“

Vor allem Frauen, die zwischen 25 und 30 Jahre alt sind, haben @minusgold abonniert. Auch sie bekommt oft sehr lange, private Nachrichten über intime Geschichten. Gerade wenn das Kontakte knüpfen in der Schule, an der Universität oder am Arbeitsplatz schwierig ist, man gerade erst in eine neue Stadt gezogen ist oder man in Situationen kommt, in denen einem sein gewohntes Auffangnetz keinen Rückhalt bieten kann, findet die Vernetzung von Personen mit ähnlichen Erfahrungen im Internet besonders häufig statt. Wenn man selbst nicht mehr weiter weiß, so bestätigen auch Forscher*innen der University of Pennsylvania und der University of Miami, fällt die  Äußerung über soziale Netzwerke leichter.

Beziehungskiste

Dass aus Online-Beziehungen durchaus auch Offline-Freundschaften werden können, das hat Jaqueline ebenfalls erlebt. „Damals, als mein Freund gestorben ist, hat sich mein Freundeskreis stark verändert. Viele sind nicht damit zurecht gekommen, waren überfordert, mir Unterstützung zukommen zu lassen. Auch Instagram war ein Thema und viele Freunde haben gemeint, sie finden es furchtbar, wie offen ich mich äußere, haben gefragt, was ich damit bezwecken will. Ich war dann recht schnell sehr einsam und dann hat sich ein Mädchen über Instagram bei mir gemeldet, mich in ihren Freundeskreis eingeladen und mir angeboten, dass ich gerne mal mit meinem Hund auf einen Spaziergang mitkommen könnte. Das waren alles Menschen, die ich schon irgendwie online gekannt hab, aber nie auf die Idee gekommen wäre, sie zu treffen und das ist jetzt eigentlich mein nächster Freundeskreis.“ Der Online-Aufritt ist aber auch in Jaquelines Fall immer auch eine Gratwanderung.

„Ich unterscheide mich kaum von anderen, außer dass ich diesen Funken Egozentrik habe, die Dinge auf Social Media zu stellen.“

Schon öfters hatte sie das Gefühl, etwas posten zu müssen, weil ihre Community sich das erwarte. Das Handy ab und an mal wegzulegen, auch das fällt gerade bei steigender Resonanz nicht immer leicht. „Man kriegt auch hier schnell das Gefühl, dass man Teil von etwas sein muss. Dann mache ich auch einen bewussten Schritt zurück, unterhalte mich mit Leuten, die keinen Bezug zur Online-Welt haben.“ Denn so sagt sie: „Ich unterscheide mich kaum von anderen, außer dass ich diesen Funken Egozentrik habe, die Dinge auf Social Media zu stellen.“

Informationsnetz

Soziale Netzwerke bieten jedoch nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf einer gesundheitspolitischen Ebene neue, nicht unumstrittene, Möglichkeiten. PopUp-Warnungen bei gesundheitsgefährdendem Content sollen Aufmerksamkeit schaffen. Es werden auch Markierungen für manipulierte Bilder gefordert. Der Wunsch nach Austausch zwischen Gesundheitsbehörden und Social-Media-Plattform bei auffälligem Verhalten wird immer lauter. Ob eine solche Maßnahme datenschutzrechtlich möglich ist, steht in Zweifel. Gleichzeitig wirft dieser Vorschlag auch moralische Fragen auf. Oft fällt der Weg ins Netz leichter als der zur professionellen Beratung. Die Anonymität und Unverbindlichkeit geben Halt und schaffen Sicherheit. Doch die Auskunft, die im Netz auf einen wartet, ist nicht immer ungefährlich. „Wenn ich das Gefühl habe, dass Leute akut Hilfe brauchen, verweise ich auf professionelle Stellen.“, meint auch Jaqueline Scheiber.

Von Franziska Windisch
Am
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