"Was nicht sein darf, kann auch nicht sein."

Benjamin ist 27 Jahre alt und hat einen Master in Kunstgeschichte. Im Kunsthistorischen Museum kennt man ihn unter anderem auch als die Tiefe Kümmernis, denn Benjamin gibt Führungen in Drag. Sein Interesse an queeren Themen in der Kunstgeschichte hat er mit uns besprochen. (Fotocredit Teaserbild: Christoph Leithe-Jasper)

Von Redaktion
Am
Lesezeit 10 Min

GRAD: Kannst du kurz zu deiner Drag-Identität und zur Volksheiligen Kümmernis erzählen?

Benjamin: Als ich nach einem Namen gesucht habe und ich ab und zu Drag mit Bart gemacht habe, bin ich auf eine katholische Volksheilige gestoßen, die auch mit Bart dargestellt wird. Das ist die heilige Kümmernis. Ihre Geschichte ist, dass sie eine Christin war, die an einen heidnischen König verheiratet werden sollte. Daraufhin hat sie gebetet, dass das nicht passiert und Gott hat sie davor bewahrt, indem er ihr über Nacht einen Bart wachsen hat lassen. Ihr Vater hat sie dahingehend bestraft, sie kreuzigen zu lassen und so ist sie letzten Endes für ihren Glauben gestorben. Eine Märtyrerin also. Lange Zeit hat die katholische Kirche diese Heilige unterstützt, aber es gab auch immer wieder Gegenstimmen, die einwarfen, es hätte sie nicht gegeben. Im 20. Jahrhundert haben sie dann beschlossen: Nein, die gab es gar nicht wirklich, das war ein Missverständnis, da haben einfache Bauern eine Christusfigur am Kreuz falsch verstanden. Der war halt besonders hübsch dargestellt und hatte ein antikes Gewand an. Das sah ein bisschen aus wie ein Kleid. Da haben sie halt gedacht: "Naja, das könnte eine weibliche bärtige Gekreuzigte sein." Die Geschichte fand ich so interessant, dass ich sie dann als meine Namenspatronin hergenommen habe. Ich habe dann auch angefangen im Kunsthistorischen Museum, wo ich arbeite, Führungen in Drag zu machen. Mein Vorschlag stieß auf positive Resonanz, die ersten Durchführungen waren super erfolgreich und seitdem mache ich das mehr oder weniger regelmäßig. Da geht es hauptsächlich auch um queere Themen in der Kunst, sofern sie im Kunsthistorischen Museum vorkommen. Ich möchte nicht einfach irgendeine Überblicksführung machen in Drag, sondern ich finde das sollte inhaltlich schon miteinander zu tun haben.

GRAD: Was ist deiner Meinung nach queer?

Benjamin: Queer ist eigentlich ein Überbegriff, der sich aus dem Negativen heraus definiert. Also queer ist alles das, was nicht der heteronormativen Norm entspricht. Heteronormativ bedeutet die Annahme, es gibt zwei klar voneinander getrennte Geschlechter: Mann und Frau. Männer sollen biologisch begründet notwendigerweise Frauen lieben und Frauen notwendigerweise Männer. Dann zeugen sie gemeinsam Nachkommen und das ist die Ordnung unserer Welt. Queer ist das Gegenteil davon, alles was da rausfällt.

GRAD: Bei einem modernen Begriff wie Queerness denken wahrscheinlich viele, dass sich die Thematik auch eher in der modernen Kunst findet. Ist das so?

Benjamin: Die moderne Kunst, jetzt hauptsächlich die Kunst ab 1860 so ungefähr, zeigt natürlich viel mehr Queerness, weil in dieser Zeit die Begriffe, die Identitäten und auch die öffentliche Auswirkung dessen entstanden sind. Das bedeutet, dass man im späten neunzehnten Jahrhundert und im frühen zwanzigsten Jahrhundert zum ersten Mal theoretisiert hat: Es gibt Frauen, die tatsächlich nur Frauen lieben. Es gibt Männer, die wollen nur Männer lieben. Und Personen, die sich ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Und es gibt Menschen, die haben Geschlechtsmerkmale, die nicht eindeutig sind und nicht nahtlos in eines der beiden Geschlechter männlich und weiblich hineinpassen. Das beginnt man also im späten neunzehnten Jahrhundert zum ersten Mal wissenschaftlich aufzuarbeiten, dem Namen zu geben. Mit diesen Begriffen identifizieren sich Leute. Dann wird das auch in den öffentlichen Diskurs hineingetragen und natürlich sind diese Leute dann auch teilweise Künstlerinnen und Künstler und verarbeiten das in ihren Werken. Deswegen beginnt fast jedes Buch über Queerness in der Kunstgeschichte mit dem späten neunzehnten Jahrhundert, aber ich finde es interessant darauf zu schauen: Was ist vorher passiert, als es diese Begriffe und Identitäten zwar noch nicht gab, aber diese Arten zu sein und zu lieben eben schon.

GRAD: Was wären zum Beispiel queere Motive, die sich durch die ganze Kunstgeschichte ziehen?

Benjamin: Queere Motive, die sich durchziehen, sind beispielsweise die von Ganymed und Zeus für die männliche Homoerotik. Für die Frauen ist es immer wieder Sappho und ihre Dichterinnen, die auf der griechischen Insel Lesbos gelebt haben, die es auch wirklich gab. In der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts kommen dann zum Beispiel Sappho und ihre Partnerinnen oft vor. Dann gibt es die Amazonen, die eigentlich immer wieder als Prototyp der emanzipierten, starken Frau hergehalten haben. Dann gibt es die Geschichte von Hermaphroditus und Salmakis, die so als Paradebeispiel für Intergeschlechtlichkeit gilt. Schon bevor diese Geschichte von Ovid erfunden wurde, gab es den Hermaphroditus als einzelnes Motiv in der antiken Skulptur und in der Vasenmalerei. Das heißt, diese Geschichte, die Ovid da geschaffen hat, erklärt ein Phänomen oder ein Bild, das schon seit Jahrhunderten in der Antike zirkuliert ist. Und da gab es die verschiedensten Ausformungen. Mal waren es die Hermaphroditen mit ganz riesigen Brüsten und ganz riesigem männlichen Geschlecht und mal waren sie ganz jugendlich androgyn, wo beides nicht so stark ausgeprägt war. Manchmal waren sie eher grotesk. Zum Beispiel als Brunnenstatuen, wo sie dann aus den Brustwarzen und aus dem Penis Wasser geschossen haben. Und ein anderes Mal waren sie ganz einfühlsam dargestellt. Also das hat eine ganze Bandbreite.

GRAD: Was hat sich in der Wahrnehmung queerer Identität verändert?

Benjamin: Also zunächst mal war queere Identität etwas Neues. Identität meine ich jetzt als Selbstbezeichnung, als etwas Öffentliches, was ich vor mir herzeige, was ich auch mit anderen teile. Das ist tatsächlich neu im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Vorher gab es als Bezeichnung beispielsweise den Akt der Sodomie und es gab so etwas wie Wiederholungstäter der Sodomie. Aber Texte der damaligen Zeit sprechen nicht von Männern, die Männer lieben und das ist halt so. Man hat das unter den Teppich gekehrt. Oder vielleicht hat man die Identität bis zu einem gewissen Grad auch absichtlich negiert, damit sie keinen Fuß fassen kann. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

GRAD: Wer kommt so zu deinen Führungen?

Benjamin: Zu meinen Führungen in Drag kommen einerseits Leute, die das Museum wahnsinnig gut kennen, die den Newsletter kriegen und mitbekommen haben, dass ich mal was Ungewöhnliches mache. Leute, die unsere Kunstwerke schon gut kennen, aber relativ wenig wissen über queere Identitäten und wie die auch in alter Kunst vorkommen könnten. Und dann gibt’s Leute, die ich aus der Szene teilweise kenne, die in der einen oder anderen Weise queer sind, queer leben, damit Berührungspunkte haben und noch gar nicht wussten, dass das auch in alten Kunstwerken vorkommen kann und die die Kunstwerke an sich noch nicht so gut kennen. Das ist eine ganz interessante Mischung. Also teilweise die 70 bzw. 75-jährigen Omis und Opis und dann die ganz jungen Leute, die ich vom fortgehen kenne. Das ist eine coole Mischung.  

GRAD: Wurdest du schon einmal mit Hass konfrontiert?

Benjamin: Wurde ich schonmal mit Hass konfrontiert… Blöde Kommentare in der U-Bahn oder auf der Straße, ja. Aber nicht so, dass ich mich gefürchtet hätte. Ich denke Übergriffe gibt es bestimmt, aber ich habe Gott sei Dank noch keinen erlebt. Ich würde schon sagen, dass ich, je länger ich Drag mache, resistenter werde gegen die Meinung anderer Leuten und wie ich in deren Augen sein sollte. Das ist ein ganz netter Nebeneffekt, weil man selbstbewusster wird und sagt: “So bin ich und so will ich das machen und entweder du findest es auch lässig und cool oder wir müssen auch nicht miteinander, ist auch ok.”

GRAD: Vielen Dank!

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