Was nach der Volkskirche kommt.

Sonntag, 9:15 Uhr, die Kirchenglocken läuten. Das Kirchgebäude thront leicht erhöht über dem Ortsgebiet, das sich an den Rändern des Gebirges ausbreitet. Nach und nach kommen vereinzelt Menschen den Gehsteig entlang und finden ihren Weg ins Innere. Dort soll sonntagfrüh nicht das letzte Mal zusammengekommen werden. Ein langes Wochenende führt mich zurück. Zurück in den Ort, aus dem ich komme, in die Gemeinde, nein die Gemeinschaft, der ich angehörte.

Eine Spurensuche in der Pfarrgemeinde.

 

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 13 Min

Die Messbesucher*innen kennen einander, viele haben angestammte Plätze. Eine Trennung zwischen männlichen und weiblichen Feiernden, wie sie heute noch in vielen anderen Gemeinden üblich ist, gibt es nicht mehr. Die Abläufe sind dennoch routiniert. Wer etwas zu sagen hat im Gemeinschaftsleben sitzt in der Regel vorne, gibt denen, die seltener kommen, vor, wann aufgestanden werden muss und wann man sich niederknien soll. Sie haben meistens auch Aufgaben während des Gottesdienstes: sammeln Spenden, lesen aus der Bibel oder kümmern sich um Ministrant*innen. Es mache schon nachdenklich, wenn man sähe, dass der Sonntagsgottesdienst nicht sonderlich gut besucht sei, meint eine junge Frau an diesem Sonntag. „Die paar Wenigen zwischen 20 und 30 Jahren, die man noch regelmäßig trifft, sind mit einem verwandt.“

„Manchmal frage ich mich, warum es einen Schicksalsschlag braucht, damit ich praktizierender gläubiger Mensch bin“

Ein Bild, das sich in den meisten Gemeinden verdichtet. Die Gläubigen werden weniger, die Kirchenaustritte häufiger und die Sitzbänke sind über Gebietsgrenzen hinweg immer spärlicher besetzt. Und das obwohl neben der Verkündung und Verbreitung des Evangeliums und der Diakonie, dem Dienst an den Menschen in Not, der Gottesdienst einen wesentlichen Bestandteil des christlichen, ja im speziellen des römisch-katholischen Glaubens beschreibt. „Aber in der Realität ist es dann einfach so, dass viele Menschen erst im Bedarfsfall in die Kirche kommen. Manchmal frage ich mich, warum es einen Schicksalsschlag braucht, damit ich praktizierender gläubiger Mensch bin“, meint der Pfarrer mit Blick auf die leeren Sitzreihen. Die katholische Kirche entwickelt sich von einer ehemaligen Staatsreligion und Massenkirche hin zu einer glaubenssicheren Minderheit mit Charakter einer Grassroot-Bewegung, kommentiert der Pastoraltheologe Paul Zulehner die gegenwärtigen Entwicklungen. Eine Tatsache, mit der sich die Kirche im Großen, aber auch die Gemeinden im Kleinen langsam aber sicher zurechtfinden müssen. Man kann es auch so sehen: Es sind wahrlich weniger Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen, aber dafür entscheiden sich die, die noch kommen, bewusst und selbstbestimmt für den Besuch. Nicht aus einer Tradition oder der Gewohnheit heraus. „Ich höre immer die klagenden Worte. Es sind ja keine Leute da. Aber wo genau? Letztendlich hängt es sich immer am Sonntagsgottesdienst auf. Dabei vergisst man oft auf die vielen anderen Aspekte“, gibt die Pastoralassistentin der Pfarrgemeinde zu bedenken. Und tatsächlich, wirft man einen Blick auf die Gegebenheiten abseits der alten Kirchenmauern, so zeigt sich ein anderes Bild. Ein diverseres, aber nicht weniger konfliktbeladenes.

Samstag, 10:30 Uhr.

Auf einem kleinen grünbefleckten Plätzchen, an der Durchfahrtsstraße gelegen, stehen zwei Tische an denen Plakate angebracht sind. Eine Gruppe von Kindern läuft einer Dame entgegen, die gerade den Bäcker verlässt. Ob sie Schokolade kaufen wolle, für die Kinder, bei denen das Trinkwasser schmutzig sei.

 

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das eine große Reform der katholischen Kirche in den Sechzigerjahren markiert, erhält eine vierte Grunddimension auch in der theologischen Verankerung eine verstärkte Bedeutung: Communio, also die Gemeinschaft. Denn die Arbeit der Pfarrgemeinde und auch das Engagement in dieser hört nicht beim Gottesdienst auf, insgesamt zählt man im Ort zehn Pfarrgruppen. Sie alle sind aus ganz unterschiedlichen Überlegungen heraus entstanden und weitaus größer als der Kreis, der den sonntäglichen Gottesdienst besucht. So gibt es neben Bibelrunden und Gebetskreisen auch explizite Angebote für Ältere und Jüngere, die dem Glauben (noch) nicht ganz so nahestehen. Jede zweite Woche treffen zum Beispiel Senior*innen im „Café 55+“ aufeinander, um sich zu unterhalten, um gemeinsam Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nicht alle sind besonders katholisch, für viele bietet der Pfarrhof einen Raum, in dem man ohne großen Aufwand zusammenkommen kann. Einen Anlass, um regelmäßig Anschluss zu finden und sich aus den großen Mehrfamilienhäusern herauszuwagen, die man länger schon alleine bewohnt. Die Älteste von ihnen ist 95 Jahre alt. In einer Stadt, in der man einander kennt und die dennoch von Zuzug aus der Großstadt geprägt ist, gibt es seit dem letzten Jahr auch das Café Kinderwagen. Dort können Mütter und Väter zusammenkommen, sich austauschen und vernetzen. Auch die Organisatorin, die gerne schon Enkelkinder hätte, kann sich hier einen Wunsch erfüllen. Während die Eltern froh sind, ein bisschen zur Ruhe zu kommen, tobt sie mit den Sprösslingen durch den Pfarrhof. „Man muss, um eine Pfarrgemeinde erfolgreich zu begleiten, nicht nur schauen, was man persönlich möchte, sondern auch darauf achten, was sich im Ort tut. Welche Talente gibt es, welche Bedürfnisse hat die Bevölkerung. Um hier Angebote zu schaffen, muss man die Menschen vor Ort gut kennen“, erläutert die Pastoralassistentin ihren Zugang.

Einen Anlass, um regelmäßig Anschluss zu finden und sich aus den großen Mehrfamilienhäusern herauszuwagen, die man länger schon alleine bewohnt.

Und so kommt es, dass die Katholische Jungschar, die im Moment circa 70 Mitglieder zählt, frühmorgens am Tag vor dem Weltmissionssonntag Schokolade für den guten Zweck verkauft. Sie ist eine der ältesten und gleichzeitig florierendsten Gruppierungen im Ort. Wenn nicht wichtige Anlässe im Zuge des Kirchenjahres die „Jungscharkinder“, die alle zwischen acht und vierzehn Jahre alt sind, zu besonderen Aktionen verleiten, treffen sie einander, je nach Alter und Geschlecht in Untergruppen für eine Stunde in der Woche im örtlichen Pfarrhof. Dort wird dann gespielt, gebastelt, aber – und das ist vor Ort vergleichsweise neu entdeckt – auch hin und wieder gebetet. Man mache mittlerweile ganz gute Erfahrungen damit, zu Beginn der Gruppenstunde, sozusagen als Anfangsritual, das Jungschargebet zu beten. Überhaupt merke man bei Kindern – auch ob der ständigen Reizüberflutung – den Bedarf nach etwas Ruhe. Dass das Beten in der katholischen Organisation aber keineswegs selbstverständlich ist und damit behutsam umgegangen werden sollte, gibt man dennoch zu bedenken. Die Jungschar sieht sich, in ihrer Dachorganisation, aber auch in der praktischen Umsetzung vor Ort, durchaus mit den Dissonanzen einer immer heterogener geprägten Gesellschaft – auch im ländlichen Raum – konfrontiert. Neue „Splittergruppen“, die als eher traditionell und konservativ gelten, erfahren viel Zuspruch. Darauf hat auch die Erzdiözese Wien reagiert und ebendiesen in einer organisatorischen Umstrukturierung im vergangenen Jahr mehr Bedeutung eingeräumt. Nicht unbedingt zur Freude der als progressiv geltenden Katholischen Jugend und Jungschar, deren Selbstverwaltung eingeschränkt wurde. Angehörige der Pfingstkirche nehmen seit diesem Jahr auch in der örtlichen Jungschar einen Platz ein. Im Pfarrhof wohnt seit einigen Monaten eine syrische Flüchtlingsfamilie, deren Kinder hat man ebenfalls eingeladen. #Jungscharistfüralleda postet das Social-Media-Team der Dachorganisation auf Facebook. Während man im Fußballverein geschickt mit dem Ball umgehen muss und in der Musikschule rhythmisch nicht gänzlich unbegabt sein sollte, sieht man den niederschwelligen und abwechslungsreichen Zugang in der Jungschar als Alleinstellungsmerkmal. Kinder, die keiner gängigen Norm entsprechen, finden hier oft einen geschützten Raum, einen Ort, an dem sie genügen, so wie sie sind. Sich zu freuen über den Ansturm und die Dankbarkeit der Eltern, wenn man die Kinder auch am Wochenende für eine Stunde gut aufgehoben weiß, aber gleichzeitig auch die Entfremdung der Gemeinde mit den traditionellen Werten, dem sonntäglichen Kirchenbesuch oder dem intensiveren Engagement in der Pfarrgemeinde zu bemerken, das sei dennoch ein Dilemma, mit dem man sich konfrontiert sähe. Denn, und das zeigt der Blick in die Organisationsstrukturen und deren Veränderung im Laufe der Zeit: Noch immer erklären sich viele Dorfbewohner*innen bereit, in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig zu sein, doch die vollkommene Verschriebenheit der Organisation gegenüber, die geht deutlich zurück. Das Engagement in einer Untergruppe setzt nicht mehr die Bereitschaft voraus, auch darüber hinaus tätig zu werden. Das liegt unter anderem auch an den Familienstrukturen, die sich maßgeblich verändert haben. Das Ehrenamt ist nicht mehr nur geprägt von ein paar Familienbünden, die sich diesem mit absoluter Leidenschaft verschrieben haben, es wird diverser und kleinteiliger.

Nach der Sonntagsmesse findet eine Taufe statt.

Während die Tauffamilie in den Sitzreihen der rechten Seite der Kirche Platz nimmt, sind links von ihnen einige Kinder aufgestellt. Sie sind Teil des Kinderchores, der neuerdings Taufen musikalisch untermalt. Auch zwei Vertreterinnen des Pfarrgemeinderats sind gekommen.

 

Jede Ortschaft hat ihre zwei, drei Familien. Sie spielen immer noch eine bedeutende Rolle und an ihnen hängt ein Großteil der Aufgaben. Das Engagement in der Pfarre ist dabei für viele eine Aufgabe, die sie tagtäglich erfüllt. Man ist in einzelnen Gruppierungen aktiv, schreibt für die Pfarrzeitung oder putzt die Kirche. Man spült Gläser bei Pfarrfesten, kümmert sich um die Firmvorbereitung oder verrichtet kleinere Reparaturen im Pfarrhof. „Wer mehr arbeitet, gehört mehr dazu!“ heißt es dazu aus unterschiedlichen Studien, in denen man sich das Funktionieren des Gemeindelebens genauer angesehen hat. Dabei geht es um mehr, als nur um Freizeitbeschäftigung, aber auch um mehr, als um die starke religiöse Bindung, die im Gemeinschaftsgedanken gestärkt werden soll. Es geht um Identität, um Macht und Aufgaben, um Funktionen und Verantwortlichkeiten. Letztendlich vielfach auch um Eitelkeiten. Wichtig sei, dass man zumindest im Pfarrgemeinderat unterschiedliche Personen habe und hier auch tatsächlich die Entscheidungen für die Gemeinschaft getroffen werden. Nicht am Mittagstisch oder bei Familienfeiern. Doch selbst eine größere Durchmischung im Leitungsgremium kann nicht vor Konflikten schützen. Konflikte, die jedoch nicht nur in den Vertretungen bleiben, sondern die aufgrund der vielen Verflechtungen immer auch ins Persönliche abzugleiten drohen. „Dort wo Bestehendes angegriffen wird, muss mir auch klar sein, dass ich etwas verändere, worüber sich Leute vor zehn, fünfzehn Jahren Gedanken gemacht und aus einem bestimmten Impuls heraus, etwas im Visier gehabt haben. Wenn ich an etwas aber wirklich glaube, dann muss ich auch bereit sein, dafür einzustehen und damit leben können, auch einmal jemanden zu enttäuschen.“ Nicht einfach wegfahren zu können, sondern mit den beruflichen Entscheidungen auch im Privaten konfrontiert zu sein, das sei schon auch ein schwieriges Unterfangen, gibt die Pastoralassistentin, die vor Ort zuhause ist, zu bedenken.

Jede Ortschaft hat ihre zwei, drei Familien.

Der Pfarrer ist vor vier Jahren in die Gemeinde entsandt worden. Nach Jahrzehnten, die er in Wien verbracht hatte. Er berichtet von einer Hemmschwelle, erstmal alles kennenzulernen, hinzuhören und sich zurückzunehmen. Er selbst sähe sich als Hirte. „Als Pfarrer möchte ich im Alltag den Überblick bewahren. Die Gemeinde „grast“ dort und da, die Mitarbeiter sind da und gestalten das Leben, die wissen quasi, wo die gute Weide ist, die wissen, was fehlt im Ort.“ Ob das genügt? Freiwillige übernehmen in Pfarrgemeinden viele und gerade auch heikle Aufgaben. Sie kümmern sich um Kinder und Alte, sie dringen in die intimsten Lebensbereiche der Menschen vor und gehen dabei selbst mitunter ans Äußerste. Freiwilligenarbeit zu reflektieren, das finde zu selten statt. Darüber sind sich viele engagierte Pfarrmitglieder einig.

Später wird die Abendmesse gefeiert.

Gestaltet von einer Gruppe Jugendlicher der Gemeinde. Die Musik wird beschwingter, die Inhalte aktueller, das Publikum etwas jünger. Die Veranstaltung endet mit einer Agape, einem kleinen Ausschank, vor der Kirche. Es gibt Aufstrichbrote und Wein, man steht zusammen in der sich verdunkelnden Nacht.

 

Was soll passieren mit einer Organisation, die sehr lange von der kritiklosen Unterwürfigkeit der Gläubigen geprägt war und davon, dass sie die gesellschaftlichen Werte wesentlich mitgeprägt hat und nicht passiver Teilnehmer von Entwicklungen ist. Sie findet sich in einer Welt wieder, in der Menschen anspruchsvoller und das Angebot größer geworden ist. Die spirituellen Möglichkeiten genauso wie auch die Freizeitbeschäftigungen im Allgemeinen. Möchte die Kirche ihre gemeinschaftliche Funktion behalten und weiterentwickeln, so ist es notwendig, sich dieser veränderten Gesellschaft anzunehmen.

Inwiefern aber ist die Auswahl von Liedern tatsächlich entscheidend für Fragen der Zukunftsfähigkeit? In dieser Diskussion entlädt sich ein Konflikt darum, wer letzten Endes den Ton angeben soll.

Aber wie? Rund um den Altar sind Mikrophone aufgestellt, auf der rechten Seite prangt eine weiße Wand, auf die mit einem Beamer Songtexte projiziert werden. Neben Leonard Cohens Halleluja werden poppige Kirchenschlager gesungen. Nach der Predigt wird ein Video der Vereinten Nationen gezeigt, in dem Nachhaltigkeitsprojekte vorgestellt werden. Zitate rund um Fragen zu Armut – das Thema dieser Messe – sind im ganzen Kirchenraum angebracht. Niederschwellige Angebote seien wichtig, meint auch die Pastoralassistentin. „Ich glaube, dass sich Glaubensleben nur über die Gemeinschaft entfalten kann und deswegen sehe ich das durchaus als die Grundbedingung, dass wir mal Gemeinschaften schaffen und Gemeinschaft kann ich nur dann schaffen, wenn ich Menschen so aufnehme wie sie sind.“ Letzten Endes sei auch die eigene Motivation entscheidend. Aus welchem Anspruch heraus man selbst agiere. Der Pfarrer bleibt hier verhaltener. „Natürlich kann ich durch Gebetsformen, durch Lieder, eine Ebene herbeibringen, aber ich sehe das kritisch. Wenn das Jugend heute anzieht, was bietet man ihnen dann morgen, wenn sie fünf Jahre älter sind. Ich glaube nicht, dass es das ist, womit man sie holt. Die Ernsthaftigkeit des Lebens steht immer auf der Probe.Je niederschwelliger wir werden, desto weniger haben wir aber auch zu sagen. Weil irgendwann bleibt nichts übrig.“ Inwiefern aber ist die Auswahl von Liedern tatsächlich entscheidend für Fragen der Zukunftsfähigkeit? In dieser Diskussion entlädt sich ein Konflikt darum, wer letzten Endes den Ton angeben soll. Darüber, ob die Kirche vielleicht ein demokratischerer Ort werden sollte. Während Kirche im Großen oft bei der Ausgrenzung ansetzt – was man nicht tun darf, wie man nicht sein soll – kann sie im Kleinen immer wieder genau das Gegenteil bewirken. Wie würde also eine Kirche aussehen, die von den Werten der heterogenen Glaubensmasse getragen wird? Wäre sie fortschrittlicher, wäre sie konservativer? Und kann man darüber überhaupt entscheiden…

Von Franziska Windisch
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