Was macht jemanden unberührbar?

Stand und Klasse teilten in Europa lange Zeit die Gesellschaft ein. Ein ähnliches Modell, das auf religiösen Werten basiert, herrscht einige tausend Kilometer weiter von uns – das Kastensystem in Indien. (Teaserbild Credit: Jorge Royan)

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 7 Min

Wenn man durch Freunde und Bekannte in die indische Kultur eintaucht, so wird man früher oder später mit einem Begriff konfrontiert – die Kaste.

Doch was ist die Kaste? Das Wort selbst kommt aus dem portugiesischen und bedeutet rein. Eine Kaste ist eine gesellschaftliche Gruppe, die aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Arbeit von anderen abgetrennt wird.

Entstanden ist das indische Kastensystem schätzungsweise im zweiten Jahrtausend vor Christus. Wann und wie es sich durchgesetzt hat, ist höchst umstritten und die Meinungen spalten sich ganz stark zwischen Leuten, die das Kastensystem unterstützen, und Leuten, die es abschaffen wollen. Gegner des Kastensystems argumentieren, dass es ein System ist, das schon lange vor der Kolonialzeit etabliert war. Befürworter*innen hingegen behaupten, dass englische Kolonialherren es eingeführt hätten, um eine größere soziale Spaltung der Gesellschaft zu ihren Gunsten zu etablieren. Die Entstehung wird von vielen weiteren Theorien durchzogen, doch fest steht, dass das Kastensystem seit Jahrhunderten eine strenge hierarchische Einteilung der Gesellschaft vorsieht.

Aufbau

Aufgebaut ist das Kastensystem durch die vier Hauptkasten – Varna genannt. Die oberste Kaste sind Priester und Geistliche, die Zweite sind Krieger und Beamte, die Dritte sind Kaufmänner und Bauern, die Vierte sind Arbeiter und Knechte.

Außerhalb dieser vier Varnas gibt es jedoch noch eine weitere Gruppe – die Unberührbaren.  Die vier Varnas und die Kaste der Unberührbaren sind jedoch nur eine grobe Einteilung der Gesellschaft. Differenzierter wird es, wenn man sich die Jatis ansieht. Jati ist die Bezeichnung für eine Community innerhalb einer Kaste, früher waren diese nach der Arbeit eingeteilt. So konnte man sich am Nachnamen daran orientieren, zu welchem Jati und weiterhin zu welcher Kate jemand gehörte. Beispielsweise waren Leute mit dem Nachnamen Patel Händler*innen oder Landbesitzer*innen, also gehörten sie einer höheren Kaste an. Unberührbare werden als Dalit bezeichnet. Sie kann man besonders häufig in der indischen Region Punjab antreffen. Dalits verrichten Berufe wie Schuhmacher*in, Lederarbeiter*in oder andere Arbeiten, die als nieder oder „unrein“ empfunden wurden. Um sich selbst nicht zu verunreinigen, musste man Abstand zu ihnen halten und sie vom Rest separieren.

Aktuelle Lage

Es ist ein System, das vor allem polarisiert. Theoretisch ist laut indischem Gesetz die Diskriminierung aufgrund der Kaste verboten, praktisch ist es jedoch noch immer in Kraft. Unterschiede herrschen vor allem zwischen Stadt und Land, da in der Stadt nicht so streng zwischen den Kasten getrennt werden kann. Am Land werden die Regeln des Kastenwesens auch im Alltag strenger gelebt. Besonders problematisch ist die Heirat außerhalb der eigenen Kaste oder Subkaste. Diese wird oftmals entweder verboten oder ist mit großen familiären Schwierigkeiten verbunden, die bis zum Ausstoß aus der Familie führen kann. Vor allem für viele junge Inder*innen, die langsam versuchen veraltete Traditionen und Theorien zu verwerfen, stellt die Kaste in Fragen Liebe ein großes Problem dar. So finden arrangierte Ehen besonders häufig innerhalb der eigenen Kate statt.

Dalit-Frauen sind oftmals Opfer von sexueller Gewalt und so kommt es, dass viele der Vergewaltigungsskandale in Indien an Frauen aus unteren Kasten oder an Unberührbaren verübt wurden. Männer aus höheren Kasten nehmen sich oftmals aufgrund ihrer sozial und wirtschaftlich besseren Stellung das Recht heraus, Dalit-Frauen sexuell zu missbrauchen. Gewalt gegen Unberührbare steht häufig auch an der Tagesordnung. Wenn nach den Gründen gefragt wird, rechtfertigen sich Täter häufig damit, dass Unberührbare in ihrem früheren Leben Kriminelle gewesen sein müssen, denn sonst wären sie nicht als Unberührbare wiedergeboren worden.

Doch auch in anderen Ländern mit großen indischen Minderheiten ist die Kaste nach wie vor ein prominentes Thema. Die britische Bloggerin Raveeta Banger befasst sich auf ihrem Blog umfassend mit den Problemen des Kastensystems, vor allem jenen außerhalb Indiens. Sie selbst ist keine Hindu, sondern den Ravidassia angehörig, einer Untergruppe der Sikhs, und wurde von klein auf mit Diskriminierung konfrontiert. Da Sikhs keine Hindus sind, werden sie automatisch aufgrund der Glaubensdifferenz zu unteren Kaste gezählt. Dass das Kastenwesen keinesfalls auf Indien beschränkt ist und auch unter Generationen von indischen Familien in Europa vorzufinden ist, schildert sie ausführlich. Junge britische Inder*innen suchen sich nach wie vor vorzugsweise einen Partner aus der eigenen Kaste, um nicht auf Ungunst in der Familie zu stoßen. Auch Diskriminierung am Arbeitsplatz soll aufgrund der Kaste stattfinden und es gibt Berichte von Angehörigen unterer Kasten, in denen sie schildern, dass sie  in der Arbeit regelrecht rausgemobbt wurden. Zeugnisse davon, dass das Kastensystem keinesfalls, wie von vielen Leuten behauptet, ein Hirngespinst, sondern inmitten der Gesellschaft vorzufinden ist.

Von Helena Velaj
Am
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