Was ist smart an der intelligenten Stadt?

Immer mehr Menschen leben in Städten. In Europa sind es mittlerweile 75 Prozent der Bevölkerung, bis 2020 sollen es – UNO-Schätzungen zufolge – 80 Prozent werden. In Asien, Lateinamerika und Afrika bieten Megacities Wohnraum für über 20 Millionen Menschen. Gleichzeitig produzieren Städte 80 Prozent der Treibhausgase und verbrauchen 70 Prozent der globalen Ressourcen. Ohne Zweifel wird diese Tendenz unsere Welt verändern. Fragen drängen sich auf. Wie gelingt ein Miteinander, wie Sicherheit? Wie können Städte in Anbetracht des massiven Bevölkerungsdrucks zukünftig organisiert werden? Wie kann Wohlstand generiert werden? Darauf müssen Antworten gefunden werden. Antworten, die auch in eine nachhaltige, ökologisch tragbare Zukunft führen können. Eine Idee, das Konzept der „Smart Cities“, ist derzeit in aller Munde. Hält es auch dem Praxistest stand?

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 10 min

Es gibt kaum ein Land, das sich nicht damit rühmt in „Smart Cities“ zu investieren. Fragt man aber genauer nach, was die jeweiligen Konzepte eint, was „Smart“ eigentlich bedeutet, so bleibt eine schnelle, einfache Antwort aus. Städte sollen ökologisch sinnvoll gebaut bzw. weiterentwickelt werden und dabei die Lebensqualität  steigern und/oder ein wirtschaftliches Plus einspielen. Soweit sind sich die meisten Staaten – zumindest am Papier – einig. Doch während in Europa Modernität in bestehende Stadtstrukturen gepackt wird, ist es in den Emiraten oder in Indien mittlerweile Gang und Gäbe, dass intelligente Retortenstädte aus dem Nichts gestampft werden. Wesentlich dafür sind viel Platz und viel Kapital. Im ersten Teil der Serie wechseln wir den Kontinent und machen uns auf die Suche nach Reißbrettstädten.

Holpriger Start

Abu Dhabi, Teil der Vereinigten Emirate, im Südosten der arabischen Halbinsel gelegen, ist vor allem für seine Ölreserven bekannt. Auf diesen fußt eine jahrzehntelange Wirtschaftsstrategie, die dazu geführt hat, dass sich die Region zu einer der wohlhabendsten der Welt entwickelt hat.  Aber seinen Wohlstand auf einer knapper werdenden Ressource aufzubauen, kann auch gefährlich sein, denn noch weiß niemand, was passiert, wenn der Rohstoff ausgeht. Schon jetzt gibt es böse Zungen, die behaupten, die Königsfamilie agiert, was das Ölvorkommen betrifft, mit geschönten Daten.

Masdar City sollte ursprünglich ohne Erdöl und Müll auskommen, außerdem eine positive CO2-Bilanz aufweisen und so zum Brutkasten für Ökounternehmen werden. Pläne, die vor der großen Wirtschaftskrise 2008 geschmiedet wurden, und von denen heute nicht mehr allzu viel übrig ist. Schlagwörter wie „Zero Waste“ oder „Zero Carbon“ wurden aus dem Portfolio gestrichen. Gerade weil man auf private Unternehmen angewiesen ist, passieren Zahlungsausfälle relativ kurzfristig. Übrig blieb ein Projekt, das,  befragt man Beteiligte, im Kern ein staatliches, kommerziell betriebenes Unternehmen ist, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kapital anzuziehen und Geld zu machen. Das funktioniert, bis zu einem gewissen Grad, sehr gut. Firmen wollen investieren, sind interessiert daran, ihre eigenen Unternehmensstandorte mitzugestalten. Letztendlich sind sie wohl auch heiß auf die Daten, die sie zu generieren erhoffen. Das wirft bei namhaften Forschern Kritik auf. Adam Greenfield warnt in seinem Manifest „Against the Smart City“ vor der Macht von privaten Investoren in solchen Städten.

Die schicke Enklave

Auch Indien setzt auf Smart Cities. Das Land sieht sich mit einem rapiden Bevölkerungswachstum konfrontiert, immer mehr Menschen streben in Städte, und auch der Anspruch an diese verändert sich. In Indien hat sich eine gut ausgebildete, moderne Mittel- und Oberschicht entwickelt, große IT-Unternehmen haben sich auf dem Subkontinent angesiedelt. Sowohl Arbeitnehmer*innen, als auch Arbeitgeber*innen suchen nach Städten mit hoher Lebensqualität und Top-Standortqualitäten. Sicherheit ist ein großes Thema im Land. Mit einer „Smart City“-Strategie versucht die Regierung auf diese Bedürfnisse zu antworten. Präsident Modi will im Zuge eines Wettbewerbs rund um das beste Konzept insgesamt 100 Smart Cities errichten. Eine davon ist Amaravati. Obwohl ein milliardenschweres Konzept entwickelt wurde und zahlreiche Institutionen ihren Sitz schon in die Stadt verlagert haben, ist die Idee vom urbanen Hotspot am Krishna-Fluss noch längst nicht vollständig in die Tat umgesetzt worden. Im Weg stehen die Landbesitzer. Zahlreiche Bauern sind schon Deals mit der Regierung eingegangen. Sie überlassen dem Staat ihr Land, diese bauen die Stadt auf und übergeben dann ungefähr ein Viertel des Landes wieder an den ursprünglichen Besitzer. Die Aufwertung des Grundes ist attraktiv, entzieht den Bauern jedoch ihre ursprüngliche Lebensgrundlage. Dagegen stellen sich wiederum einige Landbesitzer, die von der Regierung nicht selten unter Druck gesetzt werden. Oppositionelle rechnen mit Verlusten für die Bauern, manche sprechen von Landraub.

Projekt für Eliten

Aber nicht nur die Art und Weise des Zustandekommens  dieser Projekte wirft Fragen auf. In einem Land in dem Slums zum Stadtbild gehören, Millionen Menschen ohne funktionierende Toiletten  leben und keinen Zugang zu Elektrizität haben, nimmt auch die Kritik am Konzept „Hi-Tech-City“ selbst nicht ab. Der Regierung wird vorgeworfen, lediglich Wohnraum für die Reichen zu planen. Blickt man nach Magarpatta City, in die erste fertige Smart City, scheint sich dieser Vorwurf zu bestätigen. Sie beherbergt ein Geschäftsviertel, Wohngegenden, ein großes, modernes Krankenhaus, ein Shoppingcenter, Restaurants, Fitnesscenter, Schulen und zahlreiche Grünflächen. Die verglasten Häuserfronten glänzen, Bäume säumen breite Alleen, teure Autos bewegen sich reibungslos durch den Verkehr, es gibt keinen Smog. Der Kontrast zum hektisch-dreckigen alten Indien ist groß. In Margarpatta sorgt ein privater Dienst mit 850 Kameras für Sicherheit. Das private Konsortium, dem die Stadt gehört, verfüge über große Mengen an Daten, könne bestimmen, wer in die Stadt darf, wer draußen bleiben muss, und wurde dennoch nie demokratisch legitimiert, kritisiert Preeti Sampat, Soziologin aus Neu Dheli. Die indische Mittel- und Unterschicht wohnt am Stadtrand und pendelt zu ihrem Arbeitsplatz. Die privat-geführte Musterstadt wurde für die finanzkräftige Elite geplant. Diese Trennung zwischen „Zitadelle und Ghetto“, meint der Stadtplaner Sai Balakrishnan, verstärke die große Ungleichheit im Land, die Spaltung der Gesellschaft, und fördere schließlich auch die Gewalt. Die Nachfrage nach Wohnungen in Magarpatta City ist jedoch ungebrochen hoch. Um sie zu decken, möchte das Konsortium in den nächsten Jahren drei weitere, identisch aufgebaute Stadt-Klone bauen.

Indien versucht eine Antwort auf sein rapides Bevölkerungswachstum, auf den Traum vom unendlichen Wirtschaftswachstum, auf sein Sicherheitsproblem zu finden. Viele Fragen bleiben jedoch offen. Die Städte, die im Zuge der Initiative gebaut werden, sind – ohne Frage – zukunftsweisend. Ob sie auch wirklich nachhaltig sind?

Von Franziska Windisch
Am
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