„Während Mädels streiten, was eine gute Mutter ist, wird andernorts Karriere gemacht“

„Ich habe immer gedacht, ich werde mich nicht unterkriegen lassen, in dieser männerdominierten Welt. Dann bekam ich Kinder - und alles war anders…“ Diese und ähnliche Erkenntnisse sind symptomatisch für die scheinbare Freiheit, die vermeintlichen Gleichheit zwischen Männern und Frauen, die wenn nicht schon im Heranwachsen als Kind, im Zuge der Ausbildung oder im Laufe der Karriere, dann spätestens an folgendem Punkt kräftig ins Wanken gerät: in der Rolle als Mutter…

 

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 10 Min

Es gibt kaum etwas, dass das Leben so auf den Kopf stellt wie die Mutterschaft. Sie verändert den Alltag, die Beziehung(en) und Freundschaften, den Körper und die Karriere, vor allem aber setzt sie einen in all diesen Veränderungen mächtig unter Druck. Willkommen in deiner neuen Rolle, ab jetzt kannst du nichts mehr richtig machen.

Wie muss eine Mutter sein? Unterschiedliche Adjektive fallen einem da ein: fürsorglich, aufopfernd, eine ständige Begleiterin, Kompass bei schwierigen Entscheidungen. Doch das war nicht immer so. Das Konzept der idealisierten Mutterliebe ist, so schreibt die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, ein „altehrwürdiges Produkt des Protestantismus“. Während das christliche Ideal von Weiblichkeit vor der Reformation vor allem durch die keusche, spirituelle Nonne geprägt wurde, entwickelte es sich im Protestantismus zur gottgefälligen Hausfrau und Mutter. Das Öffentliche und Private erfuhr eine Trennung. Während Frauen und Männer zuvor gemeinsam am Bauernhof für Lebensunterhalt und Kinderbetreuung verantwortlich waren, verschoben sich im Zuge der industriellen Revolution die Rollen. Die Frau blieb zuhause bei den Kindern, war verstärkt verantwortlich für die Erziehung und der Mann brachte das Geld nachhause. Kinder gerieten in den Fokus der Aufmerksamkeit und die ersten Mütterratgeber wurden herausgegeben. Daran hat sich bis heute in seinem Grundkonzept nicht wirklich viel geändert. Doch nicht überall in Europa nahm die Frauengeschichte auf diese Art und Weise ihren Lauf. In Frankreich, wo es bei adeligen Frauen früh akzeptiert wurde, dass Kinder bei Ammen blieben und von Kindermädchen betreut wurden, sprangen bürgerliche Frauen auf den Zug auf. Auch heute ist, so meint Élisabeth Badinter, französische Philosophin und Gallionsfigur der emanzipierten Mutterschaft, die Französin mehr Frau als Mutter. Allen voran geprägt durch die kulturellen Weichenstellungen, die die französische Geschichte gelegt hat, und staatliche Leistungen wie flächendeckende Krippenplätze und ganztägige Kinderbetreuungsangebote, die Frauen schneller wieder in den Arbeitsmarkt integrieren sollen.

Gesellschaftliche Weichenstellungen

Ein ähnliches Bild zeichnen aktuelle Daten zu Teilzeitarbeit und Karenzzeiten. Während im Jahr 2016 in Frankreich circa 30 Prozent der Frauen einen Teilzeitjob haben, sind es sowohl in Deutschland, als auch in Österreich fast 50 Prozent. Im Vergleich dazu arbeiten weniger als zehn Prozent der österreichischen und auch der französischen Männer in Teilzeit. Während Frauen in Frankreich also häufiger Vollzeitstellen haben, bedeutet das jedoch nicht, dass Männer eher aktiv werden und verstärkt Betreuungsfunktion übernehmen. Die gesetzliche Dauer des Mutterschutzes beträgt in Österreich zwei Mal 8 Wochen und ist verpflichtend, in Frankreich sind es 16 freiwillige Wochen. Hinzu kommt die - im internationalen Vergleich - in beiden Ländern sehr gut dotierte Karenzzeit, die jedoch in Österreich bis zu fast drei Jahre dauern kann, während in Frankreich nur vier Monate bezahlt werden. Männer gehen deutlich seltener und vor allem kürzer in Karenz. Ein Musterkandidat in Sachen Väterkarenz ist Island. 2009 blieben 96,4 Prozent der isländischen Väter für einige Zeit beim Kind. Grund dafür ist das Karenzmodell, das nach einem 3/3/3-System funktioniert. Drei Monate stehen für die Mutter, drei Monate für den Vater und drei Monate für die freie Einteilung zur Verfügung. Nimmt der Vater seine drei Monate bezahlte Karenz nicht in Anspruch, so verfallen sie.

Die böse Stiefmutter

Die „klassische“ Familie ist jedoch nur ein Schauplatz, in Österreich gibt es mittlerweile circa 57.000 sogenannte Patchwork-, bzw. Stieffamilien. Das entspricht einem Anteil von immerhin 8,7 Prozent aller Familien. Hier lassen sich verschiedene Typen unterscheiden: von der Stiefmutter- zur Stiefvaterfamilie bis hin zu zusammengesetzten und komplexen Stieffamilien - je nachdem wer der leibliche Elternteil ist, ob beide Partner Kinder mit in die Familie bringen oder ob es gar auch ein weiteres gemeinsames Kind gibt. Besonders häufig sind Stiefvaterfamilien, also jene Familien, in denen die Kinder gemeinsam mit dem neuen Partner im Haushalt der Mutter verbleiben. Jede zweite Familie ist eine solche, während jeweils nur jede vierte Familie eine Stiefmutter- bzw. eine Patchwork-Familie ist. Eine besonders komplexe Rolle kommt jedoch der Stiefmutter zu. Ein schlechter Ruf eilt ihr hinterher: als Fremde, als Tyrannin, als Familieneindringling findet sie Eingang in die Literatur- und Kunstwelt, doch auch im realen Leben muss sie eine Rolle erfüllen, die kaum fassbar ist. Barbara Tóth spricht in ihrem 2018 erschienenen Buch, das sie ganz der Rolle der Stiefmutter widmet, von dem anfänglichen Anspruch, alles besser zu machen, als in der vergangenen, der gescheiterten Beziehung und der schnellen Erkenntnis, dass man weder Mutterersatz sein will, noch sein kann, sondern vielmehr eine neue Rolle finden muss. Auch statistisch gesehen sind Stieffamilien anders aufgestellt als die klassischen Kernfamilien. Es gibt häufiger drei oder mehr Kinder, sie leben öfter in einer nicht-ehelichen Partnerschaft und Stiefmütter sind häufiger erwerbstätig, gerade auch in Vollzeitjobs.

Um rechtliche Anerkennung müssen Stieffamilien jedoch schwer kämpfen, immerhin basiert das österreichische Ehe- und Familienrecht auf dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch aus 1811. Gerade nach der Scheidung verstärken sich oft altmodische Rollenbilder, weil das Kind bei der Mutter bleibt und der Vater oft gänzlich aus der Familie verschwindet oder zum „Wochenendpapa“ degradiert wird. Erst seit 2015 wurde die sogenannte „Doppelresidenz“ durch den Verfassungsgerichtshof gesetzlich ermöglicht. Dieses Prinzip sieht vor, dass Kinder abwechselnd beim Vater und bei der Mutter unterkommen. Auch Studien zeigen, dass sich die gemeinsame Obsorge in der Regel positiv auf den Nachwuchs auswirkt. Alles in allem sind vor allem die räumliche Distanz zwischen den Elternteilen, ihre Beziehung, das Alter der Kinder bei der Trennung sowie das soziale Milieu von Vater und Mutter ausschlaggebend für eine gelingende Vereinbarung. Erst seit 2009 scheinen Stiefmütter und Stiefväter im österreichischen Gesetz auf. Sind sie mit dem leiblichen Elternteil verheiratet, so unterliegen sie der sogenannten Beistands- und Vertretungspflicht, was bedeutet, dass sie bei der täglichen Erziehung und Pflege und auch in Obsorgeangelegenheiten Verantwortung übernehmen müssen. Sind sie nicht verheiratet, unterliegen sie lediglich der sogenannten Schutzpflicht gegenüber Minderjährigen im gemeinsamen Haushalt, sie müssen also alles Zumutbare tun, um das Kindeswohl zu schützen - keine besonders eklatante Rolle.

Mutterliebe reloaded

Aber wie ist das mit der mütterlichen Liebe? Ist Blut tatsächlich dicker als Wasser? Und sollen Stiefmütter überhaupt traditionelle Mutterrollen übernehmen oder sich vielmehr vom bestehenden Ideal der aufopferungsvollen Mutter lösen? Die Mutterliebe ist geprägt durch biologische und kulturelle Faktoren. Einerseits stellen hormonell gesteuerte Gefühle der Zuneigung sicher, dass Kinder versorgt und der Nachwuchs gesichert ist. Sie fungieren also als eine Art Motivationssystem. Hier wird vor allem die Zeit unmittelbar nach der Geburt als prägend beschrieben. Andererseits sind es insbesondere auch persönliche Vorerfahrungen, soziale Rahmenbedingungen und der finanzielle Background, der die Beständigkeit der Mutterliebe definiert. So bestätigen Studien zwar bis zu einem gewissen Grad den sogenannten „Aschenputteleffekt“, der sich darin äußert, dass Kinder häufiger von nicht-leiblichen Elternteilen missbraucht werden, der „Aschenputteleffekt“ wird jedoch durch die obengenannten Faktoren stark beeinträchtigt.

Élisabeth Badinter, die in ihrem Bestseller „Der Konflikt. Die Frau und die Mutter“ für eine individualisierte Form der Mutterschaft eintritt, sieht die Mutterliebe weniger biologisch, sondern vor allem kulturell geprägt. Dabei plädiert sie nicht für eine starke Bindung, sondern für eine stärkere Distanz zwischen Mutter und Kind, die die Unabhängigkeit der Frau - sowohl in finanzieller, als auch in beruflicher, persönlicher und sexueller Hinsicht - stärke. In zu langem Stillen, dem Trend hin zu Stoffwindeln und einer verstärkten Warnung vor Krippen sieht sie eine Gefahr für die Selbstbestimmung der Frau. „Während Mädels streiten, was eine gute Mutter ist, wird andernorts Karriere gemacht“, so der Tenor Badinters. Eine Position, die in Frankreich vielfach zum common-sense gehört, ist in Deutschland und Österreich wesentlich umstrittener.

Dass die Schattenseiten des Mutterseins ein Tabuthema sind, das zeigt auch eine Studie der Soziologin Orna Donath, die 23 israelische Mütter unterschiedlichen Alters, die zuvor angegeben haben, ihre Mutterschaft zu bereuen. Intensiv zu ihrer Mutterrolle befragt hat. Ihre Veröffentlichung sowie die Kommentierung ebendieser unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood haben großes Aufsehen und viel Irritation ausgelöst. Denn während pränataler Angst und postnataler Depression in der Forschung relativ viel Aufmerksamkeit zukommt, wurde darüber zuvor kaum ein Wort verloren. Doch Überforderung, Schlafmangel, die Veränderung des eigenen Körpers, der Druck, der auf einem lastet, die Verantwortung, die man mit sich trägt, und der Verlust der Selbstbestimmung, all das sind Faktoren, die das Leben einer Mutter auf den Kopf stellen. Es ist Zeit, darüber ehrlich ins Gespräch zu kommen.

*Aufgrund fälschlicher Informationen zum Mutterschutz in Österreich wurde der Artikel aktualisiert.

Von Franziska Windisch
Am
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