Vietnam in Osteuropa

Offiziell wohnen dreißig- bis fünfzigtausend Vietnamesinnen und Vietnamesen in Polen und sind somit eine der größten Minderheiten des Landes. Inoffiziell kann sich diese Anzahl jedoch sogar verdreifacht haben. Warum leben so viele Vietnames*innen in Polen und wie lebt es sich in einem Land, das oftmals durch seine Ausländerfeindlichkeit die Medien beschäftigt? Um dies herauszufinden, haben wir einen wichtigen Ort für viele Ostasiat*innen in Warschau besucht:

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 6 Min

Die Markthallen sind gigantisch und fast menschenleer, die Händler*innen flitzen auf Rollern durch die langen, grauen Gänge zwischen den Ständen.  Die meisten Vietnamesinnen und Vietnamesen kommen aus dem Norden des Landes und sind bereits während der Achtziger- und Neunzigerjahre nach Polen gezogen, der Großteil von ihnen kam ursprünglich zum Studieren. Grundlegend waren die guten diplomatischen Beziehungen beider Länder, die den Umzug nach Polen erleichterten. In Zeitschriften liest man, wie gut sich die mittlerweile dritte Generation von Vietnames*innen in Polen in die Gesellschaft integriert. Vor allem die Jüngsten sprechen inzwischen besser Polnisch als Vietnamesisch und sehen Polen als ihre Heimat an. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Nicht überall hat die Integration gut funktioniert. Viele führen isoliert in Vorstädten wie in Wolka Kosowska ein komplett anderes Leben, als der Rest der Bevölkerung. Bilinguale Billboards, massenhaft asiatische Restaurants und vor allem riesige Markthallen füllen die Ortschaft. Ein sonderbarer Anblick für jemanden, der den Rest des Landes kennt.

Das Ziel ist der Gewinn

Im Jahr 1994 errichtete das chinesische Handelszentrum “GD Poland investments Sp. Z o.o.” das erste Gebäude in Wolka Kosowska, das bis heute als Markthalle dient. Die Location bietet viel Platz, ist in einer kostengünstigen Gegend angesiedelt und eine halbstündige Autofahrt von der Warschauer Innenstadt entfernt. Nicht nur Vietnames*innen arbeiten in den Markthallen, viele Mitarbeiter*innen kommen auch aus Polen, China oder der Türkei. Dennoch: Die Preisschilder und Informationen zu den angebotenen Produkten sind häufig nicht auf Polnisch verfügbar. Viele der in Wolka Kosowska lebenden Vietnames*innen und Chines*innen sprechen kein Polnisch und waren selbst noch nie in Warschau. Auch die fehlende Infrastruktur erschwert es vielen, daran etwas zu ändern. Die nicht vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel machen es einem nahezu unmöglich ohne Auto nach Warschau zu gelangen.

Wie ist es vor Ort?

Das erste, was beim Betreten einer der Markthallen auffällt, ist der stechende Geruch des billigen Plastiks sowie die rauen Mengen der ausgestellten Produkte.

Da wenig Kundschaft vor Ort ist, versuchen einige Verkäufer*innen umso aggressiver ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Händler*innen selbst wirken gepflegt und gut situiert. An den Wänden der Markthallen stapeln sich etliche leere Kartons, auf den Fliesenböden liegen Staub und Papierreste verteilt, die Glasscheiben zieren bunte Aufkleber, die noch aus den Nullerjahren stammen. Vor den Hallen warten teure Autos auf die Inhaber*innen der Marktstände. Das Fortbewegungsmittel innerhalb der Hallen sind einfache Roller. Die Preise der Produkte sind sogar für osteuropäische Verhältnisse spottbillig. Die Händler*innen unterhalten sich, scherzen und plaudern in gebrochenem Polnisch miteinander.

Ist Wolka Kosowska tatschächlich ein “Problemviertel”? Das kann man so nicht sagen. Zu Besuch scheint das Dorf eher skurril und weniger problematisch zu sein. Doch was hinter den Ständen passiert, ist nicht auf den ersten Blick sichtbar. Demnach bleiben die durch Medien und Bevölkerung kreierten Mythen und vermeintlichen Geheimnisse, die vom Handel anderer Dinge als Spielsachen und Kleidung erzählen, unaufgeklärt. Vielleicht sind es ja diese Geschichten, die den Ort so ausgefallen machen.

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 6 Min

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