Vier Nonnen, die die Gottesliebe etwas zu wörtlich nahmen

Selbstgeißelung, Festhaltesäulen für kirchliche Ekstasen und Eheringe aus heiliger Vorhaut. Die Welt der mittelalterlichen Mystik ist vielschichtig und manchmal zutiefst merkwürdig. Wir haben ein paar ihrer wichtigsten Vertreterinnen genauer unter die Lupe genommen...

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

Bevor es an die Kuriositäten und Fun-Facts geht, heißt es ein wenig Kontext zu schaffen. Alle vier hier genannten Frauen gehörten der Strömung der mittelalterlichen christlichen Mystik an, die eine Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott gesucht hat – die sogenannte „Unio Mystica“. Während die meisten männlichen Mystiker die Vereinigung als geistlich spirituell gesehen haben, verstanden viele Mystikerinnen sie eher wie eine Art Ehe mit Gott, die mitunter auch wirklich ausgelebt wurde. Dieser direkte Draht zu Gott hatte gerade für Frauen einen besonderen Vorteil: Ihnen war es im Normalfall verboten, als Kirchenlehrerinnen tätig zu sein oder Kritik am Klerus zu üben, außer wenn ihnen ihre Lehren direkt von Gott eingegeben wurden. Allen Vieren ist gemein, dass sie diese empfundene göttliche Führung genutzt haben, um in einer vollkommen männerdominierten Welt nicht nur ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sondern auch aktiv starken Einfluss auf die politischen und kirchlichen Geschehnisse in der Welt zu nehmen. Wie ernst die Situation war, zeigt das Schicksal von Marguerite Porète, die ohne den Deckmantel göttlicher Eingebung versucht hat, ähnliche Kritik zu üben und prompt auf dem Scheiterhaufen gelandet ist.

Katharina von Siena

Sie ist mit Abstand die wirkungsmächtigste Person auf dieser Liste. 1970 wurde sie als erste Frau überhaupt in den Rang der Kirchenlehrerinnen erhoben. Von frühester Kindheit an hatte sie Visionen von Jesus, der als Bräutigam auf sie wartete. Als ihre Familie sie mit zwölf Jahren verheiraten wollte, weigerte sie sich eisern, schnitt sich in Anlehnung an die mönchische Mensur die Haare ab, begann zu fasten, sich zu geißeln und forderte die Aufnahme in einem Dominikanerinnenkloster. Als ihr dies zunächst verwehrt wurde, erkrankte sie schwer, woraufhin ihr ihr Wunsch schließlich doch gewährt wurde. Daraufhin wurde sie zu einem Fixum der kirchenpolitischen Bühne, diktierte diverse Lehrbücher, da sie zeitlebens kaum lesen und schreiben konnte, bekämpfte die Teilung des Papsttums und schrieb Herrschern Briefe, in denen sie ihr sündhaftes Leben verurteilte. Sie war etwas, das wir heute salopp als Badass bezeichnen würden. Für uns hier interessant ist aber ihre „mystische“ Beziehung zu Gott und auch diese war ziemlich eigen. Sie hatte eine tiefe Faszination für das Blut Christi, hatte regelmäßig Visionen davon, darin zu baden und feierte letztlich eine ekstatische „Hochzeit“ mit ihm, in der sie buchstäblich ihre Herzen tauschten. Sie behauptete, einen unsichtbaren Ehering von ihm erhalten zu haben. Sie selbst schilderte, dass bei der Beschneidung Jesu die Vorhaut "gerade so wie ein Ring" zurückgeblieben war. Aus diesem Grund gibt es die Theorie, dass sie tatsächlich der Meinung war, ihr unsichtbarer Ehering wäre die Vorhaut Christi. Für einen unterhaltsamen und lehrreichen Nachmittag empfehle ich übrigens die Kontroverse um die „Heilige Vorhaut“ zu googlen. Ja, das ist ein Fachbegriff. Ihre letzten Worte sollen „Blut, Blut!“ gewesen sein.

Beatrijs von Nazareth

Beatrijs wurde um 1200 in eine wohlhabende und fromme Familie geboren. Ihr Vater gründete mehrere Klöster, ihre Mutter starb, als sie noch sehr jung war. Ihre Erziehung übernahmen daraufhin Beginen. Bereits sehr früh verspürte sie den Wunsch, Nonne zu werden und lebte freiwillig als Oblatin des Zisterzienserinnenordens bis zur Aufnahme als Novizin. Obwohl sie zeitlebens kränklich war, lebte sie ein strenges Regiment aus Askese und Selbstgeißelung mit der Begründung, dass erst diese extremen Entbehrungen sie die Schönheit der Seele erkennen ließen. Dieses Muster der Visionen vor dem Hintergrund eines von Fasten und Schmerzen geprägten Lebens trifft auf viele Mystikerinnen zu. In ihrem Hauptwerk „Seven manieren van minne” – „Den Sieben Arten der Liebe“ – beschreibt sie das Verhältnis der Seele zu Gott als das einer Braut zu ihrem Bräutigam.

Angela von Foligno

Auch Angela stammte aus einem reichen Elternhaus und heiratete in eine ähnlich wohlhabende Familie. Mit Mitte dreißig hatte sie, nachdem sie die Predigt eines Franziskaners gehört hatte, ein Bekehrungserlebnis, legte ein Enthaltsamkeitsgelübde ab und entsagte allen weltlichen Gütern. Als nicht lang danach innerhalb kürzester Zeit ihre gesamte Familie verstarb, schloss sie sich einer franziskanischen Bruderschaft an. Auf einer Pilgerreise erlebte sie in der Basilika San Francesco eine mystische Ekstase, die sie so überwältigt hat, dass sie – sehr zur Verwunderung der übrigen Besucher - vor Lust geschrien haben soll. Danach drehte sich ihr Leben fast nur noch um Buße und die Vergebung ihrer Sünden. Die ihr verbleibende Zeit widmete sie der Obsorge für Aussätzige.

Margareta Ebner

Das Leben Margaretas war von schwerer Krankheit geprägt. Episoden von Lach- und Weinkrämpfen wechselten sich mit teils jahrelangen Lähmungserscheinungen ab. Das tiefe Gefühl der Hilflosigkeit, das sie dabei empfand, verdeutlichte ihr, dass sie ganz in Gottes Hand war. Nach diesem Bekehrungserlebnis hatte sie wiederholt ekstatische Visionen, die sie in ihren „Offenbarungen“ niederschrieb. Die direkte Gegenwart Gottes, die sie bei diesen Eingebungen zu verspüren glaubte, beschrieb sie als zugleich beinahe unerträglich schmerz- und lustvoll. Besonders zentral für ihren Glauben war Jesus als Neugeborener. Sie ließ sich sogar eine Krippe in ihr Zimmer stellen, in der sie ein hölzernes Jesuskind in den Schlaf wiegte, wenn es ihrer Ansicht nach nicht schlafen konnte.

Von Gregor Schwayer
Am
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