Verliebt in Mr. Robot

Sie sind schlank, haben eine große Oberweite und eine schmale Taille. Ihre vollen Lippen sind leicht geöffnet, ihre Haare sind glatt und lang. Für Mara, Keira oder Simone zahlt man 6.000 Euro. Sie sind Sexpuppen und mit künstlicher Intelligenz ausgestattet. Sie interagieren, sagen einem, dass man gut aussieht, können selbst philosophische Fragen beantworten und erfüllen - so der Entwickler - sexuelle Begierden jeglicher Art. Wie bitte? Beginnen wir von vorne…

Von Franzsika Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Roboter erobern schon seit Jahrzehnten den Markt. Man findet sie in Lagerhallen und Produktionsstätten, im Auto, in den eigenen vier Wänden und vereinzelt auch schon in unseren Betten. Es gibt sie in unendlichen Ausführungen und für verschiedene Zwecke. Optisch sind sie oft gar nicht miteinander in Verbindung zu bringen. Was genau ein Roboter ist, darüber scheiden sich die Geister. Was macht einen Roboter also zum Roboter? Bill Gates formulierte einmal, ein Roboter sei ein Desktopcomputer, der einen immerzu begleitet. Mobilität spielt also eine große Rolle, das erklärt auch die Roboterpsychologin Martina Mara in einem Interview mit dem Standard. In der Regel kann sich ein Roboter außerdem bewegen und hat etwas Objekthaftes. Unser Bild von Robotern ist geprägt von der popkulturellen Science-Fiction-Welt. Humanoide Roboter, also Gerätschaften, die menschengleich aussehen, gehören jedoch eher der Seltenheit an. Mara, Keira und Simone sind ebenfalls Randerscheinungen - wenn auch welche, die öffentlich große Aufmerksamkeit erfahren. Wir wissen ja, sex sells! Viel öfter zum Einsatz kommen sogenannte Industrieroboter, die Arbeiter*innen ersetzen, selbstständig am Fließband stehen, Knöpfe bedienen oder Pakete schlichten. Oder solche, die mit Menschen zusammenarbeiten und ihnen Unterstützung bieten sollen. Und dann gibt es auch noch die Staubsauger- und Rasenmäherroboter - Geräte, die vielfach zur Standardausstattung gehören.  

Die Existenz all dieser Roboter und insbesondere die Entwicklungen, die wir noch vor uns haben, schüren Ängste und Erwartungen, vor allem aber werfen sie Fragen auf: Müssen wir bald nicht mehr arbeiten, weil hoch-intelligente Maschinen unseren Job übernehmen? Können Pädophile mit Sexrobotern geheilt werden? Ziehen wir Roboter bald Menschen und Tieren vor? Und kommt es irgendwann zur großen Roboterapokalypse? Die meisten dieser Fragestellungen sind getrieben von Vorstellungen, die wir aus Filmen kennen. Wenige dieser Annahmen spielen auf dem wissenschaftlichen Parkett eine so bedeutende Rolle. Aber dennoch muss man sich - möchte man humanoide Roboter oder diejenigen, die mit uns kooperieren sollen, entwickeln - intensiv mit dem Menschsein auseinandersetzen. Denn um Roboter in der Arbeitswelt integrieren zu können, müssen sie vom Menschen akzeptiert werden. Deshalb arbeiten in der Robotik viele wissenschaftliche Disziplinen zusammen. Von Techniker*innen, über Expert*innen für künstliche Intelligenz bis hin zu Sozialpsycholog*innen und Kognitionswissenschaftler*innen. Sie alle sind notwendig, um gut funktionierende komplexere Roboter zu entwickeln. Solche, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen, sondern auch in der Lage sind, zu kommunizieren, auf ihre Umwelt zu achten und ihr Verhalten dementsprechend zu verändern. Anthropomorphismus nennt man dieses Phänomen, eine Beziehung zu einer Maschine aufzubauen, in der Fachsprache. Es beschreibt die Neigung, unbelebten Dingen oder Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Studien zeigen, dass insbesondere das Empfinden von Schmerz auf Roboter übertragen wird. Wenn der selbstfahrende Staubsauger also gegen die Bettkante knallt, empfinden wir Mitleid. Wenn der Militärroboter von Soldat*innen zu Testzwecken gestoßen wird, dann sind wir böse auf die Soldat*innen und wollen dem Roboter zur Hilfe eilen. Doch bei all dieser Emotion darf nicht vergessen werden, dass die Roboter selbst rein gar nichts empfinden.

Roboter als Schlüssel zur gewaltfreien Welt

Dies gilt es auch in Sachen Sexrobotern oder “Love Dolls”, wie sie zu Werbezwecken oftmals umbenannt werden, zu bedenken. Vielleicht ist es möglich, uns in Roboter in dem Sinn zu verlieben, als das wir die Kommunikation mit ihnen schätzen, uns ihre Anwesenheit glücklich macht und wir sie nicht mehr missen wollen. Ein guter Roboter kann Liebe zwar faken, er kann sie jedoch nie empfinden. Diese Tatsache wird uns wohl irgendwann einen Strich durch die Rechnung machen und uns zwangsläufig daran erinnern, dass wir es hier lediglich mit einer unbelebten Maschine zu tun haben. Dennoch gibt es Expert*innen, die sich sicher sind, dass Sexroboter bald unsere Schlafzimmer besiedeln werden. David Levy geht zum Beispiel davon aus, dass bis 2050 Sex mit Robotern zur gängigen Praxis wird. Dem ist per se nichts entgegenzusetzen. Immerhin ist die Erweiterung sexueller Befriedigung ja durchaus positiv zu bewerten. Sex-Toys sind immerhin eine Erfindung steinzeitlicher Kulturen. Doch die Frage ist, was der Sex mit Robotern aus uns macht? Das bietet Anlass zur Diskussion darüber, ob es im Umgang zwischen Mensch und Robotern Regeln, ja Gesetze, geben sollte. Was macht es mit Menschen, wenn sie an Sexpuppen jegliche - auch gewaltvolle - Fantasie folgenlos ausleben können.. Psycholog*innen befürchten, dass durch den Kontakt mit Sexrobotern Hemmschwellen abgebaut werden, die letztendlich zu mehr Gewalt führen. Entwickler*innen propagieren oft  genau das Gegenteil. Ihnen zufolge sind Sexroboter der Schlüssel zu einer gewaltfreien Welt. Pädophile sollen ihre Neigungen einfach an Puppen ausleben. Problem gelöst - so der Tenor.

Aber wie realistisch ist die Levys Prognose, die besagt, dass in knapp dreißig Jahren, Sexroboter zu unserem Alltag gehören, wirklich? Der Weg dorthin ist lange noch nicht geebnet. Denn der Kundenstamm von Mara, Keira und Simone ist noch vergleichsweise klein. Derzeit kaufen vor allem junge, technik-affine Männer die Puppen. Sie sind es auch, die die Roboter entwickeln und das zeigt sich im Aussehen. Einerseits sollen sie nämlich so menschenähnlich wie möglich sein, andererseits werden weibliche Stereotype und Klischees übertragen - Mara, Keira und Simone haben Modelmaße. Die Tatsache ist genauso frustrierend, wie sie irgendwie auch erleichternd ist. Denn die künstliche Intelligenz, mit der ausgewählte Roboter ausgestattet sind, basiert vor allen Dingen auf maschinellem Lernen. Die Roboter sind also einerseits durch den Algorithmus und das Aussehen geprägt, das ihnen ihre Schöpfer*innen geben und entwickeln sich andererseits auf Basis des Verhaltens der Besitzer*innen weiter. Sie sind also nicht in der Lage ein Eigenleben zu entwickeln, sind aber - unglücklicherweise - auch nicht klüger als ihre “Mitmenschen”. Abgesehen davon werden Menschen von humanoiden Robotern eher abgeschreckt. Dieses Phänomen erklärte der japanische Robotiker Masahiro Mori schon 1970. Die von ihm entwickelte “Uncanny Valley”-Hypothese besagt, dass die Menschenähnlichkeit eines Roboters mit der positiven emotionalen Reaktion solange einhergeht, bis man sich - für einen kurzen Moment - getäuscht fühlt. Dann sinkt die Akzeptanz rapide ab, man hat das finstere Tal erreicht. Wenn also Roboter täuschend echt aussehen, aber dennoch Merkmale an sich haben, die sie als solche verraten, gruseln wir uns vor den Figuren. Der “Uncanny Valley”-Hypothese zufolge kommt nach dem Tal wieder ein Aufstieg, nämlich dann, wenn wir es mit perfekten Robotern zu tun haben, solchen, die wir nicht mehr vom Menschen unterscheiden können. Bleibt die Frage, wann sie entwickelt werden können und ob wir uns dann auch in sie verlieben.

Von Franzsika Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

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