Vampiralarm in der Wiener Innenstadt

Fragt man eine beliebig große Anzahl an Menschen danach, was denn das wichtigste Wahrzeichen Wiens sei, so wird wohl die erstgenannte Antwort der Stephansdom sein. An der Hinterseite des gotischen Prachtbaus mitten in der Innenstadt wartet Miriam Weberstorfer.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Doch ihr Interesse gilt nicht dem Dom, vielmehr schwärmt sie von den Katakomben, die unterhalb des Platzes tausende Gebeine beherbergen. Es handelt sich um die größte Gruftanlage Wiens, wie Weberstorfer einleitend erzählt. Die junge Archäologin entwickelt und veranstaltet seit mehreren Jahren Rätselrallyes und Schnitzeljagden durch die Bundeshauptstadt. Dabei ist es das besonders Abgründige, das Prekäre und Unbekannte, das Weberstorfer am liebsten beleuchtet. Und so sind die Katakomben wohl der gemeinhin bekannteste Fixpunkt der Tour, die durch das schaurige Wien führen soll. „Ich hatte noch keinen Kunden, egal wie gut er sich ausgekannt hat, der nichts Neues entdecken konnte“, erzählt Weberstorfer. Das führt dazu, dass ein Großteil der Teilnehmer*innen, die auf den Mix aus spielerischen Elementen und Wissensvermittlung setzen, gar keine Tourist*innen sind. Die gebürtige Oberösterreicherin führte das Archäologiestudium in die Bundeshauptstadt, bald spezialisierte sie sich auf die Arbeit mit menschlichen Skelettresten. Ein heiß umkämpftes Orchideenfach, wie sie selbst sagt. Die Faszination für tote Menschen mit der Arbeit mit lebendigen Menschen verbinden, das war das Ziel. Und so entstand ArchäoNow, ein Unternehmen, das interaktiv Kultur vermittelt.

Ausgestattet mit einem Beutel, in dem ein paar Briefe verstaut sind, einer Karte und einem Rätselbogen starten die Gruppen nun also vom Stephansplatz direkt weiter in die Blutgasse. Um das kleine Gässchen in der Wiener Altstadt kreisen viele Mythen. Der Templerorden, der eine Verbindung aus adeligem Rittertum und Mönchtum darstellte, war eine Eliteeinheit während der Kreuzzüge. Die Potenz und das selbstbewusste Auftreten der weitverzweigten Gruppierung führten letztlich zur Auflösung im Jahre 1312 durch Papst Clemens V. wegen Ketzerei. Durch unterirdische Gänge sollen sich Templer, denen der Tod drohte, in die Blutgasse geflüchtet haben. Im Fähnrichshof, einem gut versteckten Innenhof, in den man durch die Blutgasse gelangt, sollen sie schließlich ermordet worden sein. Die Schätze, die sie bei sich gehabt haben sollen, wurden jedoch nie gefunden. Spätestens wenn man den Durchgang,  über den man in den Fähnrichshof gelangt, erreicht und der mit sogenannten Pawlatschen, also offenen Hauseingängen gesäumt ist, reagieren auch manch eingefleischte Wiener*innen mit Verwunderung. Auch hier wird ein Rätsel gelöst.

Wenig später wird dann in der Rauhensteingasse der erste Brief geöffnet. Hier steht neben dem Sterbehaus von Wolfgang Amadeus Mozart auch ein ehemaliges sogenanntes Kriminalgefangenen- und Schergenhaus. Kurzum: eine Folterkammer. Passend dazu befinden sich im ersten Brief ein paar Knochenreste. Auch im Büro von Gründerin Miriam Weberstorfer gibt es nicht nur ein Skelett. Gepackt hat sie die Faszination für die Archäologie schon früh, wie sie erzählt. Als 1991 die Gletschermumie „Ötzi“ in den Ötztaler Alpen in Südtirol gefunden wurde, packte sie die Spannung. Ägyptische Mumien wurden später ebenfalls zu ihrem Spezialgebiet. Doch auch sie stößt in der Recherche für neue Touren immer wieder auf Informationen, die ihr bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt waren. „Die Geschichten, die ein bisschen abweichen von der Norm, vielleicht auch, weil ich selbst noch nicht so viel darüber wusste, die lohnt es sich am ehesten aufzubereiten, sodass sie alle entdecken können“, schildert Weberstorfer ihre Herangehensweise. Neben der Recherche und der Organisation führt die Wahl-Wienerin neben ihren Mitarbeiter*innen – viele von ihnen selbst Student*innen – ab und an auch noch selbst durch die Stadt. „Ein Kindergeburtstag kann einem wirklich den Tag versüßen“, schwärmt sie.

Auch für Kinder gibt es eine schaurige Führung. Genaueres über die mittelalterlichen Seiten Wiens kann man in „Die Geheimnisse der Altstadt“ entdecken. Zusammengearbeitet wird mit einem Wiener Kinderbuchautor. Abseits des Kinderprogramms gibt es auch Rallyes, wo Erwachsenen der Vortritt gelassen wird. Die Route durch das erotische Wien hat Weberstorfer vor kurzem gemeinsam mit ihrem Freund Emanuel Kaspar, einem gelernten Historiker, entwickelt. Sie erfreut sich vor allem auch bei Pärchen großer Beliebtheit. Ein Klassiker, der gerade Tourist*innen überzeugt, ist eine Führung, die die Highlights der Wiener Kaffeehauskultur präsentiert.

Wir sind mittlerweile am Neuen Markt angekommen. Dort findet sich eine der Residenzen der angeblichen Vampirfürstin Eleonore von Schwarzenberg, die während der großen Vampirhysterie der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verstarb. Sie wurde zeitlebens von schweren gesundheitlichen Problemen geplagt, die sie zum Teil mit stark an Okkultismus erinnernden Methoden zu bekämpfen versuchte. So trank sie Wolfsmilch, um ihre Fruchtbarkeit zu fördern. Dass sie damit dann auch noch Erfolg hatte und im damals geradezu biblischen Alter von 42 Jahren einen Sohn bekam, machte sie zusätzlich verdächtig. Nach ihrem Tod landete ihr Sarg auch nicht in ihrer Familiengruft in der Augustinerkirche, sondern in Krumau in einer eigens gemauerten, separaten unterirdischen Kammer. Da hatte wohl jemand Angst, dass die Fürstin ihr Grab wieder verlassen könnte.

So interaktiv die Touren auch sind, die Miriam Weberstorfer gemeinsam mit ihrem Team kreiert hat, auch die Kulturvermittlung bleibt nicht unberührt von den Entwicklungen des digitalen Zeitalters. So könnten Stadtführer*innen angesichts neuer Technologien bald obsolet werden. Wie reagiert Weberstorfer auf die mögliche Bedrohung? Sie entwickelt – gemeinsam mit Unterstützung in technischen Fragen – eine Augmented Reality Tour. Das Smartphone kann dabei als Fenster in die Vergangenheit genutzt werden und Gebäude wieder auferstehen lassen. Urkunden für die Teilnehmer*innen soll es jedoch trotzdem im A4-Format geben und auch der Griff in die mit Süßigkeiten gefüllte Schatzkiste, die durch den errätselten Code am Ende der Führung geknackt wird, bleibt wohl analog.

Von Franziska Windisch
Am
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