Vaginismus: Das Leben als Präventivmaßnahme

Sara weiß nicht genau, wann das Problem bei ihr angefangen hatte. Es war schon immer so gewesen. Sich etwas einzuführen, erfüllte sie mit Angst, mit Unwohlsein, mit Scham...ein Tampon, ein Finger... Also tat sie es nie. Doch irgendwann konnte und wollte sie sich dem nicht mehr entziehen. Aus ihrer Unruhe entwickelte sich schnell Angst und Panik.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 7 Min

Was Sara erlebt hat, lässt sich allgemein als Vaginismus bezeichnen. Vaginismus ist eine sexuelle Funktionsstörung, die manchmal organische, aber sehr häufig psychische Ursachen hat. Dabei verkrampft sich die Scheiden- und Beckenbodenmuskulatur so sehr, dass die Einführung eines Penis, eines Fingers oder sogar eines Tampons so gut wie nicht möglich ist. Vor allem aber ist es extrem schmerzhaft für die betroffene Frau. Die Verkrampfung stellt eine Art Abwehrmechanismus des Körpers dar. Medizinisch wird zwischen zwei Arten unterschieden: dem primären und dem sekundären Vaginismus.

Der primäre Vaginismus kann in sehr jungem Alter auftreten, zum Beispiel, wenn ein Mädchen ihre Tage bekommt und es nicht schafft, sich einen Tampon einzuführen. Oder wenn man das erste Mal anfängt, sich selbst zu erkunden und man plötzlich ein Ziehen untenrum spürt. Es kann einem aber auch erst auffallen, wenn man bereit ist, Sex zu haben und plötzlich nichts mehr geht. Der sekundäre Vaginismus kommt bei Frauen vor, die mit einem sexuellen Trauma kämpfen wie mehrmaligem schmerzhaften Sex, Vergewaltigung, aber auch der Geburt eines Kindes, die bei Frauen ihre Spuren hinterlassen kann.

“Wenn es darum ging, Sex zu haben, kam alles zusammen.”

Bei Sara handelt es sich um den ersten Fall. Sie hatte noch nie Sex, aber so sehr sie es auch will, ihr Körper will es nicht zulassen. Anfangs war sie sich dessen noch nicht ganz bewusst. Sie hatte sich zwar nie die Zeit genommen, sich selbst sexuell zu erkunden und bei der Periode statt zu Tampons zu Binden gegriffen. Vor allem letzteres erschien ihr nicht seltsam. Sie fand es so hygienischer. Dass sie wirklich ein Problem hatte, wurde ihr erst bewusst, als sie sich Vaginalkapseln gegen einen Pilz einführen musste und es einfach nicht konnte. Sie verkrampfte sich so sehr, dass es ihr nicht möglich war, ihre Hand weiter als bis zum Scheideneingang zu führen. Zunächst fand sie es vielleicht ein wenig merkwürdig, doch auf keinen Fall hätte sie es als zu behandelndes Problem bezeichnet. Bis sie wirklich realisierte, was bei ihr los war, sollte noch einige Zeit vergehen. Wenn es darum ging, Sex zu haben, kam alles zusammen. Sie hatte immer ein bisschen Angst davor gehabt, hatte von Freundinnen unangenehme Geschichten gehört, die ihr sehr lebhaft in Erinnerung geblieben waren, doch als es wirklich soweit war, merkte sie erst das Ausmaß dessen, was sie lange Zeit als Lappalie beiseite geschoben hatte. Sie verfiel beim Sex in eine Art Panik, musste unkontrolliert weinen und konnte sich kaum beruhigen. Ihre Beine gingen wie eine Zange zusammen, so dass es unmöglich war in die Vagina einzudringen. Mit jemanden darüber sprechen, wollte sie allerdings nicht: „Reiß dich mal zusammen und tu es einfach!“, würde sie zu sich selbst sagen. Doch egal wie sehr sie sich bemühte, ihre Beine zu entspannen, es funktionierte nicht. So sah sie sich nach einigem Hin und Her gezwungen, ihr Problem anders anzugehen und fing an, mit Freundinnen und ihrer Familie darüber zu sprechen. Zunächst dachten alle, es würde sich dabei um Nervosität handeln, doch mit zunehmender Zeit schien immer klarer zu werden, dass da etwas weitab von Nervosität war.

“Sara hatte schon geahnt, dass sie ihr eine Sexualtherapie nahelegen würde.”

Dass Sara sich wirklich professionelle Hilfe suchen müsste, um ihre Verkrampfung in den Griff zu bekommen, dämmerte ihr, doch bis es wirklich so weit war, sollte noch Zeit vergehen. Zuerst ging sie zu ihrem Gynäkologen, der ihr eine Salbe verschrieb mit der es besser funktionieren sollte. Inwiefern ihr ein teures Gleitgel aus der Apotheke gegen Verkrampfungen helfen sollte, war ihr schleierhaft, aber sie versuchte es trotzdem damit, ahnend, dass der Arzt ihrem geschilderten Problem nicht wirklich Beachtung geschenkt hatte. Nach gescheiterten Versuchen damit wechselte sie zu einer Frauenärztin, die ihr durch Hörensagen empfohlen worden war. Diese war viel einfühlsamer als der Arzt zuvor und sagte ihr gleich, dass sie ihr damit selber nicht helfen kann, aber eine gute Sexualtherapeutin kenne. Menschen seien verkopft, sagte sie, eine kleine negative Erfahrung könne schon große Probleme nach sich ziehen. Sara hatte schon geahnt, dass sie ihr eine Sexualtherapie nahelegen würde. Sie hatte alles gelesen, was sie zu ihrem Problem finden konnte. Im Internet standen einige Behandlungsansätze: Mit einer Therapeutin zu reden, ist nicht der einzige. Manche Ärzt*innen empfehlen ihren Patientinnen mit Dillatoren zu arbeiten. Das sind konische, glatte Stäbchen in verschiedenen Größen, die in die Scheide eingeführt werden, um sie schrittweise an das Einführen zu gewöhnen. Es ist allerdings keine Dehnung der Vagina. Die Vagina muss nicht gedehnt werden. Andere wiederum empfehlen ein Beckenbodentraining, um gezielt zu lernen, die Muskulatur zu entspannen. Viele jedoch raten zu einer Kombinationstherapie. Da Sara jedoch noch keinen Sex hatte, kam vor allem die Behandlung mit Dillatoren nicht in Frage. Es handelte sich bei ihr um ein rein psychisches Problem.

“Das Leben als Präventivmaßnahme.”

Seit einiger Zeit geht sie nun zur Therapie und hat viel durchgesprochen. Dabei ist ihr vor allem aufgefallen, dass sich in ihr die Angst vor Schmerzen beim Sex so stark verankert hat, dass sie unbewusst schon vorab komplett in den Verteidigungsmodus geht, um sich vor diesen Schmerzen zu schützen. Das Leben als Präventivmaßnahme sozusagen. Angst vor Intimität hat sie allerdings nicht. Sie hat gerne Oralverkehr, sie genießt ihn sogar, weil sie weiß, ihr kann nichts passieren. Sollte sie es unangenehm finden, kann sie einfach wegrobben. Trotz eines verständnisvollen, geduldigen Partners hat Sara eine unterbewusste Angst davor, dass ihr Nein irgendwann nicht mehr als Nein gilt, dass Stopp nicht mehr Stopp heißt und sie sich nicht mehr der Schmerzen, die sie erwartet, entziehen kann. Sara ist frustriert. Ihre rationale Seite weiß, dass der erste Sex nicht zwangsläufig schmerzhaft sein muss, dass nur, weil viele ihrer Freundinnen eine unangenehme Erfahrung hatten, ihr das nicht auch passieren muss, dass diese Frauen trotzdem ein schönes, erfülltes Sexualleben haben, doch Sara hat deren Erlebnisse so auf sich selbst bezogen, dass sie die kollektive Nervosität und Angst aller auf sich übertragen hat und dadurch gelähmt wird. Die irrationale, unterbewusste Seite in ihr ist diejenige, die beim leichten Einführen des Penis beginnt zu wimmern: “Er soll bitte raus.”

Wenn Sara sich selbst einen Rat geben könnte, dann wahrscheinlich den, schon früher mit ihren Freundinnen über ihre Probleme zu sprechen. Dann hätte sie vielleicht schon viel früher erfahren, dass auch eine Freundin von ihr mit Vaginismus zu kämpfen hat.

Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, hätte sie sich auch bereits viel früher nach einer Empfehlung für eine gute Gynäkologin erkundigt und so schon früher mit ihrer Sexualtherapie begonnen. Doch den wichtigsten Rat, den sie sich geben würde, ist der, sich selbst lieb zu haben. Oft ist sie in einer Mischung aus Verzweiflung und Frust über ihr Problem mit einer der natürlichsten Sachen der Welt, in so starkem Selbsthass verfallen, dass sie nur noch gelähmter war. Die Sexualtherapie hat bei ihr schon erste Erfolge erzielen können, ihre massive Panik ist mittlerweile weg und sie versteht die Ursachen ihres Vaginismus besser. Dass Sara einen sehr verständnisvollen und empathischen Freund hat, hilft in diesem Fall sehr. Eine unsensible Handhabung hätte in diesem Fall das bestehende Probleme nur verstärkt.

 

Kontakte

Beratungsstelle Courage
 

Notrufberatung für Vergewaltigte Frauen und Mädchen
 

Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie

 

Von Helena Velaj
Am
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