Umweltmigration – wenn die große Welle kommt.

Die Bilder der in Griechenland und Italien ankommenden Flüchtlingsboote sind mittlerweile aus den Nachrichten kaum wegzudenken. Allzu oft fällt in diesem Zusammenhang ein Begriff: die Flüchtlingskrise. Ein anderer folgt seltener: die Klimakrise. Doch beide Schlagworte sind kaum unabhängig voneinander zu betrachten, das ist mittlerweile mehrfach bewiesen. Der Klimawandel, der Wetterextreme wie Dürreperioden und flutartige Regenfälle zur Folge hat, der den Meeresspiegel und die durchschnittliche Jahrestemperatur in die Höhe schnellen lässt, macht Regionen unbewohnbar und führt Menschen dazu ihren Wohnsitz zu verlassen. Doch obwohl sich sowohl Wissenschaft, wie auch Politik und Zivilgesellschaft – mal breitenwirksamer, mal im kleinen Kreis – seit Jahrzehnten mit der Thematik beschäftigen, sind die Erkenntnisse dünn. Das hat mehrere Gründe.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 12 min

Es gibt zahlreiche Aspekte, die man berücksichtigen sollte, möchte man Wanderungsbewegungen genauer analysieren. So unterscheidet zum Beispiel die IOM, die Internationale Organisation für Migration, zwischen abrupter (etwa infolge eines unerwarteten Ereignisses) und gradueller Migration, zwischen Wanderungen über Staatsgrenzen hinweg und innerhalb von Staaten, zwischen (mehr oder minder) freiwilliger Migration und Vertreibung, aber auch zwischen einem kurzfristigen und einem länger andauernden Verlassen der Herkunftsregion. Unter diesen Umständen ist eine genaue Einordnung etwaiger Wanderungsbewegungen schwierig. Der Faktor Klima bzw. Umwelt macht die Sache noch komplexer, denn im internationalen Recht gilt als Flüchtling, wer…

 

„aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Staatszugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder besitzen würde, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will [...]“

 

Klimaveränderungen sind somit keine gesetzlich anerkannte Fluchtursache, die Asyl garantiert. Zwar fordern zahlreiche Institutionen eine gesetzliche Verankerung von Klimaveränderung als Grund für Flucht, doch letztendlich schreckt man davor zurück an der seit Jahren im Schlaglicht der Öffentlichkeit stehenden Genfer Flüchtlingskonvention herumzubasteln. Aus diesem Grund vermeiden viele Expert*innen den Begriff des Umweltflüchtlings. Doch was genau nun Umweltmigrant*innen sind, darüber ist man sich auf allen Ebenen seit Jahrzehnten uneinig.. Der Foresight Report spricht 2011 von…

 

„Migration, die durch Umweltveränderungen beeinflusst sind: Wo Umweltveränderungen als Einfluss für die Anlässe für Migration identifiziert werden kann, und diese als Faktor für die Migrationsentscheidung gelten.“

 

Die Schwierigkeit in der Definition führt in weiterer Folge auch zu Problemen bei wissenschaftlichen Analysen. Hinzu kommt auch ein Fehlen an empirischer Basis, also an tatsächlichen Beweisen für Menschen, die aufgrund von Klimaveränderungen längerfristig ihren Wohnsitz gewechselt, gar ins Ausland verlegt haben. Das merkt Wissenschaftler Richard Black an.

Wieso, weshalb, warum.

Aktuelle Studien zeigen, dass es schwierig ist, politische und ökonomische von ökologischen Migrationsursachen zu trennen, manchmal stehen sie sogar in Konkurrenz zueinander. China ist zum Beispiel schon lange geprägt durch Binnenmigration, die sich vor allem auf große Städte konzentriert, in denen sich Migrant*innen ein besseres Einkommen, soziale Aufstiegschancen für ihre Kinder und eine bessere Streuung ihres Gehalts erwarten. Gleichzeitig bedeutet die verstärkte Ansiedelung in Küstenregionen auch eine größere Sensibilität bzw. Verwundbarkeit in Bezug auf Überflutungen, Hurrikans oder Küstenerosion. Beobachtungen im Küstendelta des Senegalflusses zeigen einen anderen entscheidenden Zusammenhang. Flucht steht immer mit einem anfänglichen finanziellen Aufwand in Verbindung, der getätigt werden muss, doch gerade wenn es ökonomische Einschnitte, z.B. als Folge von Dürreperioden, gibt, sind Bewohner*innen nicht in der Lage, diese Ausgaben zu tätigen und gezwungen, in der Region zu bleiben. So können Umwelteinflüsse tatsächlich auch Flucht verhindern. Durch internationale Investitionen in ökologische Maßnahmenpakete, wie in das Anlegen von Grünstreifen in Dürrezonen, wollen hoch entwickelte Länder einen großen umweltbedingten Zuzug verhindern, doch oft flüchten die  betroffenen Menschen, die durch die geförderten Ernteerzeugnisse ein bisschen Geld lukrieren konnten, gerade deswegen.

What Science does

Die genannten Beispiele zeigen die Schwierigkeit Schätzungen beim derzeitigem Wissensstand abzugeben. Gerade weil regionale Unterschiede eine wesentliche Rolle spielen – seien sie sozial, ökonomisch oder kulturell – betreiben immer mehr Wissenschaftler Feldforschung. Sie gehen direkt in betroffene Gebiete, um die  Bevölkerung nach Gründen für ein Wegziehen und Dableiben zu fragen und die politischen Maßnahmenpakete und ihre Wirkung auf Wanderungstendenzen der Ansässigen zu untersuchen. So zeigt sich zum Beispiel am Horn von Afrika, in Staaten wie Äthiopien und Uganda, dass Flüchtlinge laut einer UN-Studie von 2011 vor ihrer Flucht zwar Veränderungen des Klimas wahrgenommen haben, Wanderungsbewegungen aber vor allem aufgrund von aufkommenden Nutzungskonflikten passiert sind. Gleichzeitig wurden auch andere Strategien zur Handhabe der umweltbedingten Stressfaktoren gefunden wie das Bauen von Wasserreservoirs oder das Umstellen von Anbaumethoden. Wenn Bewohner*innen sich für Migration entscheiden, dann vor allem für Binnenmigration, insbesondere in städtische Gebiete. Erst gewaltsame Konflikte und das Zusammenbrechen staatlicher Strukturen wie im Sudan und in Somalia führen dazu, dass sie auch über Ländergrenzen hinweg flüchten. In einer ähnlichen Studie, die sich die Auswirkungen verstärkter Regenfälle in Thailand angesehen hat, zeigt sich, dass in diesem Fall Migration nicht die erste Reaktion auf klimabezogenen Stress ist. Durch infrastrukturelle Investitionen des Staates können viele Bedrohungen vermindert werden. Nur sehr wenige der Befragten gaben an, dass sie wegen der Umwelteinflüsse ihre Heimat verlassen. Dennoch zeigen die Regionen ein erhöhtes Migrationsvorkommen, welches sich vor allem durch den sozio-ökonomischen Wandel der Region, durch die Integration der abgelegenen Landstriche in ein globales Wirtschaftssystem, erklären lässt. Die Risiken, die Umweltveränderungen in diesem Kontext mit sich bringen, sind dabei nicht unwesentlich. Sie steigern, vor allem in Kombination mit ökonomischen und sozialen Pushfaktoren, die Tendenz zur Migration. Spannend ist auch die Beziehung zwischen Herkunfts- und Ankunftsgebieten, zum Beispiel die finanziellen Ströme, die zwischen ihnen existieren. Außerdem kann ein geringerer Bevölkerungsdruck zur Regeneration von Umweltfaktoren und somit zu einer längerfristigen Wiederansiedlung führen, die Resilienz verbessern, oder, im Falle vom Ausbleiben ökonomischer Mittel, verschlechtern.

Was sagt die Statistik…

Das Internal Displacement Monetoring Centre (kurz: IDMC) stellt, gemeinsam mit dem Norwegian Refugee Council, jährlich Statistiken zu Personen, die aufgrund von Naturkatastrophen vertrieben worden sind, zur Verfügung. Hier wird dokumentiert, wie viele Menschen unmittelbar nach einschneidenden Bedrohungen, wie zum Beispiel Erdbeben, Tsunamis oder Buschbränden, ihren Wohnsitz verlassen müssen. Da es sich um  Einmalereignisse handelt, die ein Verbleiben in der Region praktisch unmöglich machen, ist es vergleichsweise einfach, valide Daten zu generieren. Im 2015 erschienenen Bericht schätzt man, dass durchschnittlich um die 22,5 Millionen Menschen aufgrund von klima- oder wetterbedingten Katastrophen in den letzten sieben Jahren vertrieben worden sind. Das entspricht 62.000 Menschen pro Tag. Und die Anzahl von Klimakatastrophen, insbesondere von Überflutungen, steigt,  fasst das IDMC zusammen. Aktuelle historische Modelle zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit aufgrund einer Naturkatastrophe seinen Wohnsitz verlassen zu müssen, heute 60 Prozent höher ist als noch vor 40 Jahren. Besonders betroffen seien China, Indien und die Philippinen.

Und jetzt...

Während Definitionen oft nicht trennscharf, die Daten nicht ausreichend, und die wissenschaftlichen Studien teilweise unausgereift sind, steht außer Zweifel, dass einzelne Regionen der Erde aufgrund des Klimawandels auf Dauer unbewohnbar werden. Wie damit umgehen? Im Arbeitspapier des deutschen Bundesamtes Migration und Flüchtlinge wird eine Reihe von Vorschlägen gemacht: Der Klimawandel soll mithilfe von Klimaabkommen eingeschränkt werden, des weiteren brauchen besonders betroffene Regionen finanzielle Unterstützung, um ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Aber auch das Schaffen von legalen Strukturen, wie eine Form des Resettlements, also der Umsiedelung, steht, da das geltende Recht in Bezug auf Asyl nicht auf Umweltmigration angewendet werden kann, im Raum. Inwiefern diese Vorschläge aber tatsächlich umgesetzt werden können, hängt vom politischen Willen zahlreicher Institutionen ab. Immerhin zeigt die aktuelle Situation um das Asylwesen in Europa, dass die einzelnen lokalen, regionalen, nationalen und globalen Akteure, selbst ohne die explizite Versorgung von Umweltmigrant*innen,  insbesondere wenn es um die Zusammenarbeit miteinander geht, überfordert sind.

Von Franziska Windisch
Am
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