Tau Taus, Tanz und Tote

Der Tod gehört zum Leben dazu – so viel ist klar. Trotzdem nimmt er im Alltag unserer Gesellschaft eine Randposition ein. Gestorben wird immer öfter nicht in vertrauter Umgebung, nicht im Kreise der Familie, sondern im Krankenhaus oder im Altersheim. Danach übernimmt bis zur Beerdigung ein Bestattungsunternehmen den Leichnam. Noch vor 100 Jahren war das völlig anders. Es war üblich den oder die Verstorbene/n tagelang zuhause aufzubahren. Auch das Waschen und Umkleiden für die Bestattung war Sache der Familie. (Teaserbildcredit: Arian Zwegers @Flickr)

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Während zwar technologische Fortschritte in Sachen Tod und Bestattung voll im Trend liegen, geraten solche alten Bräuche bei uns langsam in Vergessenheit. Es gibt Organisationen, die aktiv gegen diese Entwicklung ankämpfen und das Sterben wieder „persönlicher“ machen wollen, wie beispielsweise den „Order of the Good Death“. Aber sogar ihnen wäre wohl der Grad an persönlichem Engagement, den die Bestattungsriten der Toraja beinhalten, zu viel.

Opa schläft nur...

Die Toraja sind ein Volk, das in den Bergen im Süden der indonesischen Insel Sulawesi lebt. Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit haben sich bei ihnen trotz weitestgehender Christianisierung ihre althergebrachten Bestattungsriten und Elemente der Jenseitsvorstellung erhalten. Das Diesseits ist in der Vorstellung der Toraja nur ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg ins Jenseits. Der Tod nimmt damit eine, wenn nicht gar die, zentrale Rolle im Leben ein. Verstirbt ein Familienmitglied, wird der Körper einbalsamiert und getrocknet. Danach wird er prachtvoll eingekleidet und zumeist im eigenen Bett aufgebahrt. In diesem Zustand verbleibt er oft mehrere Jahre. In der Vorstellung der Toraja gilt ein Mensch erst in dem Moment als tot, in dem er oder sie bestattet wird. Entsprechend wird der aufgebahrte Leichnam wie ein lebendiges Familienmitglied behandelt: Die Kleidung wird regelmäßig gewechselt und die Kinder bringen ihm Mahlzeiten, während der Haushalt den nächsten Schritt plant. Und der hat es in sich.

Party like it's Armageddon!

Bestattungen sind bei den Toraja Monumentalereignisse. Da die gesamte erweiterte Familie anwesend sein muss, kann allein die Terminfindung Jahre dauern. Die Feier selbst dauert dann mehrere Tage und involviert oft mehrere hundert Gäste, Festessen, Tänze bis tief in die Nacht, zahlreiche Tieropfer als Wegzehrung für den oder die Verstorbene/n und jede Menge Alkohol.

Abschließend findet die Bestattung je nach sozialem Rang meist in Kammern in speziellen, landschaftlich besonders schön gelegenen Felsklippen oder in Särgen direkt daran statt. Auch „Mausoleen“, die an die traditionellen Langhäuser der Toraja erinnern, werden verwendet. Eine weitere Besonderheit stellen die „Wächter“ dieser Begräbnisorte dar. Von jedem/jeder Bestatteten/m werden kunstvolle, lebensgroße Holzpuppen – sogenannte Tau Tau – geschnitzt, in zu Lebzeiten getragenen Kleider gehüllt und auf eigenen „Aussichtsterrassen“ – wieder entsprechend ihres sozialen Rangs - drapiert.

Tree of… life?

Anders sieht es bei Babies aus. Verstirbt ein Baby, bevor es zahnt, gilt es als in Unschuld verstorben und benötigt damit nicht die umfangreichen Riten der Erwachsenen. Sie werden in Hohlräumen spezieller, besonders harzreicher Bäume bestattet, die anschließend mit Brettern versiegelt werden. Das Harz der Bäume soll dabei die Muttermilch ersetzen.

Und dann wäre da noch…

Doch die tiefe Verbundenheit der Toraja zu ihren Toten geht noch weiter. Im August findet das viertägige Fest Ma’Nene statt, bei dem die Verstorbenen aus ihren Gräbern geholt, gereinigt und neu eingekleidet werden. Bei der erneuten Bestattung werden ihnen häufig auch gleich persönliche Gegenstände mitgegeben. Allerseelen wirkt da im Vergleich etwas zahm.

Von Gregor Schwayer
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