Suchst du noch oder tinderst du schon?

Mit dem Jahr 2012 scheint eine neue Ära in Sachen Online-Dating angebrochen zu sein: Tinder wird gegründet, Lovoo erfährt ungeahnte Beliebtheit und Grindr ist schon längst eine etablierte Applikation für die LGBTQ+ Community. Seither steigt die Anzahl der Nutzer*innen solcher Apps weltweit um das Millionenfache an. Kaum jemand kann sich dem Hype rund um Tinder & Co entziehen. Doch machen diese Apps das Kennenlernen einfacher, wie es Hersteller oft weismachen wollen? Und welche Tücken verbergen sich dahinter? Wir haben uns ein wenig umgehört und einige Erfahrungen zu Online-Dating-Apps zusammengetragen.

Von Katharina Kulesza
Am
Lesezeit 12 Min

Luisa, weiblich, 22*

Ich habe mir Tinder heruntergeladen, obwohl ich mich zu dieser Zeit in einer Beziehung befand. Ich sollte die App für meine Mitbewohnerin, die ziemlichen Respekt vor dem ganzen Tinder-Hype hatte, testen. Es folgte ein überaus unterhaltsamer WG-Tag und mein erstes Tinder-Date. Wir trafen uns zum Tee - meine WG schlürfte am Nebentisch Kaffee. Die Angst war genommen, die App wurde gelöscht.
Zwei Jahre später, als meine Beziehung dann doch zerbrochen auf dem Boden lag, installierte ich mir die App wieder und „erwischte“ die unterschiedlichsten Zeitgenossen. Es ist die perfekte Plattform für (wort-)spielsüchtige Menschen wie mich.
Manchmal, wenn ich ein Match nicht annahm, weil ich kein Interesse hatte oder der Tinder-Algorithmus nicht auf unserer Seite stand, trudelte eine Freundschaftsanfrage auf Facebook ein. Einmal schrieb mir ein Typ, dass er sich in mich „so verschossen hätte wie saure Gurke und Mettbrötchen.“ Aus Jux antwortete ich, dass ich beeindruckt sei und er mich wie den Zwiebelgeruch, nie wieder loswerden würde. Die Reaktion: Er schickte mir eine Beziehungsanfrage auf Facebook. Der Grundstein für High-Speed-Romanze, von der ich bestimmt noch meinen, aber nicht seinen Enkelkindern erzählen werde…
Bei unserem ersten und einzigen Treffen rannten wir aufeinander zu, er wirbelte mich durch die Luft und ich küsste ihn, um meine Eier-Stöcke unter Beweis zu stellen. Umschlungen spazierten wir durch die Gegend und verstanden uns ausgesprochen gut (Wir beendeten sogar die Sätze des Anderen und so Kram!), aber nach drei Stunden durchlebten wir unsere erste (und einzige) Krise: Er wollte Ketamin mit mir nehmen – ich fiel aus allen Wolken und landete vom siebten Himmel direkt im Matsch („Ah, but it’s a ‚Matsch‘!“).
Andere Story:
Ich schrieb mit einem Kerl. Wir trafen uns. Wir gingen spazieren. Es war ok, aber auch nicht mehr, und so verabschiedete ich mich mit einer gekonnten “Ich-hab-kein-Interesse-bitte-küss-mich-nicht-Umarmung” vor meiner Haustür. Schwerer Fehler! Eine Woche später bekam ich eine Postkarte von dem Kerl. Ich löschte die App, zog mich an der Nase und fragte meine Eltern, wieso sie mich zu einem so unvorsichtigen Menschen herangezogen haben.

Aleks, männlich, 25

Meine Eindrücke zu Online-Dating-Apps sind sehr unterschiedlich. Einerseits finde ich, dass es eine gute Idee ist. Man kann sich schnell kennenlernen und viele Erfahrungen in einer kurzen Zeit sammeln. Wenn man sich nicht überwinden kann jemanden anzusprechen, ist es oft viel leichter einfach nur zu tippen und trotzdem mit jemanden ins Gespräch zu kommen. Außerdem steht einem quasi die ganze Welt offen! Man hat eine viel größere Auswahl, im Gegensatz zu einem begrenzten Raum wie zum Beispiel einem Club. Andererseits sollte man diese Apps mit Vorsicht genießen. Zwar ist das Treffen, das durch die Dating-App zustande kommt, eine spannende Erfahrung. Denn man weiß nicht ganz, was auf einen zukommt. Doch ich hab festgestellt, dass man sich im Laufe des Schreibens auf eine „verfälschte Weise“ kennenlernt. Man baut beim Schreiben ein Bild im Kopf auf und dann beim Treffen kann man ganz schön vom Gegenüber enttäuscht werden. Was mir außerdem aufgefallen ist, war der Umstand, dass viele Mädels Lovoo und Tinder verwenden, um auf sich aufmerksam zu machen. Offensichtlich wollen sie dadurch mehr Follower auf Instagram bekommen und gar keine neue Kontakte knüpfen. Das macht es für die „echten“ Singles schwieriger, solche Apps optimal zu nutzen. Prinzipiell bin ich der Meinung, dass man das mal ausprobiert haben muss, da ich viele Eindrücke und Erfahrungen sammeln konnte.

Julian, männlich, 34

Ich war einige Zeit auf auf Websingels, Lovoo und Tinder angemeldet. Websingels scheint dabei das Schlimmste zu sein. Sieht aus wie aus den Neunzigern, Karteileichen aus der Zeit gibt es auch noch. Ganz gut dabei ist allerdings, dass die Profile zum Teil sehr ausgiebig beschrieben sind. Auf Lovoo und Tinder ist ja scheinbar Minimalismus Trumpf. Auf Tinder treibt sich viel Clickbait rum, Werbung, bezahlte Promotions und wohl Fake-Profile, die zum Spaß angelegt wurden. Lovoo düfte etwas seriöser sein, hat aber auch weniger Nutzer. Cool an Lovoo ist die Radarfunktion, dabei sieht man angemeldete Nutzer in der Umgebung. Das kann an manchen Weggehabenden schon zu Erheiterung führen.

Prinzipiell zieht sich aber bei fast all diesen Plattformen als Mann durch, dass man geduldig sein muss. Ein komplettes, aussagekräftiges Profil ist besser als nur ein Foto und ein Einzeiler zur Beschreibung. Viele Frauen antworten entweder gar nicht oder ghosten einen nach den ersten paar Konversationsbruchstücken. In dieser Hinsicht würde ich mir etwas mehr Anstand wünschen. Inzwischen habe ich meine Partnerin zum Glück gefunden.

Sarah, weiblich, 21

Ich hatte bis jetzt nur zwei Tinder-Dates und die verliefen ziemlich unspektakulär. Die Burschen waren so nervös, dass sie ja gut performen, dass sich die Gespräche nicht natürlich entwickelten, sondern total unentspannt verliefen. Sie wollten wohl meinen vermeintlichen Erwartungen gerecht werden, obwohl ich das nie so von ihnen verlangt habe. Auf weitere Treffen habe ich dann verzichtet, weil es sich einfach nicht gut und natürlich angefühlt hatte.

Viktoria, weiblich, 29

Als Frau bekommt man auf solchen Plattformen zuhauf einschlägige oder zumindest zweideutige Angebote. Oder auch schon mal Penisbilder von über 60-Jährigen, wie es auf Lovoo passiert ist. Das Benehmen vieler ist absolut unterirdisch. Sie denken, nur weil man als Frau auf Lovoo ist, kann man gleich mal seinen sexuellen Druck ablassen. Hier fragt man sich schon, was mit der Erziehung der Menschen los ist. In einer Bar würde das wohl kaum jemand machen, da sind dann alle zu schüchtern. Die Hemmschwelle im Internet ist doch deutlich geringer.

Lässt man sich davon allerdings nicht abschrecken und ergreift als Frau auch mal die Initiative, so kann das auch zu Erfolg führen. Wer darauf wartet vom Prinzen gefunden zu werden, wartet lange. Meinen jetzigen Freund habe ich angeschrieben und wir sind seit 1,5 Jahren ein glückliches Paar.

Franco, männlich, 28

„Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Dating-App meinen Erwartungen gerecht wird. Denn mit Hilfe von Tinder kannst du Situationen erleben, die du davor nicht erlebt hast. Du kannst komplett andere Leute treffen, die du sonst in deinem Freundeskreis oder im Arbeitsumfeld nicht kennengelernt hättest. Du agierst fast jeden Tag mit denselben Personen und hast so kaum Möglichkeiten auf Menschen zu stoßen, von denen du nicht einmal wusstest, dass es sie gibt. Diese Dating-Apps bekräftigen dich darin, jemanden Neuen kennenzulernen. Für mich haben sie mehr Vorteile als Nachteile. Also schätze ich auch, dass Tinder weiterhin bestehen wird, weil die Leute es brauchen. Doch weißt du, eine schlechte Sache an Tinder ist die hohe Kommerzialisierung und das profitgeile Business dahinter. Ich weiß, es ist ein Geschäftsmodell, aber die zusätzlichen Pakete, die man zahlen muss, nur um weitere Funktionen zu nutzen, sind Bullsh*t. Trotzdem denke ich nicht, dass diese Kommerzialisierung des Kennenlernens und Verabredens unsere Perspektive auf Liebe und Beziehungen beeinflusst. Sie wird sich nicht ändern, denn Tinder und andere Dating-Apps sind einfach nur einige der Medien, die es uns ermöglichen Menschen kennenzulernen.“

Michael, männlich, 34

Ich habe in Sachen Online Dating eigentlich nur Parship ausgiebig ausprobiert. Tinder war mir vom Prinzip her etwas zu schnelllebig und oberflächlich – man bekommt ja beinahe null Information über sein Gegenüber. Deshalb schien mir Parship mit dem Persönlichkeitstest und der Möglichkeit, umfangreiche Profile zu erstellen, die bessere Variante und ich bin interessiert und motiviert durchgestartet. Zwei Jahre später sehe ich sowohl Online-Dating, als auch Parship im Speziellen etwas nüchterner. Gerade in der Anfangszeit habe ich sehr viele meiner Onlinebekanntschaften auch so schnell wie möglich getroffen und sehr flott festgestellt, dass Onlinesympathie nicht gleich Reallifesympathie ist. Gut 80% der Dates waren einfach langweilig für beide Beteiligten, weil null Chemie vorhanden war. Trotzdem sitzen es beide aus, weil man ja nicht unhöflich sein will. Bitte nicht falsch verstehen: Beinahe alle, die ich so kennengelernt habe, waren sehr nett. Kennst du das, wenn du jemanden sehr nett findest, es dir aber nie einfallen würde, die Person anzurufen und mit ihr auf ein Bier zu gehen? So. Die übrigen 20% teilen sich in 10% gute Dates und 10% skurril schlechte Dates. Beide Varianten haben etwas für sich. Natürlich ist ein springender Funke was Feines, aber beispielsweise einen Abend lang mit einer Hardcore-Monarchistin darüber streiten, ob arme Menschen frei sein sollten, ist schon auch was für die Memoiren. Ich glaube halt, dass ich dieses “Erfolgsverhältnis” mit jedem anderen Service auch hätte. Viele Parship-Features funktionieren nur in der Theorie. Ich sehe den Persönlichkeitstest beispielsweise eher als Hindernis, als als Hilfe. Die „besten“ Matches, die ich in der Parship-Skala hatte – um 120 herum – waren konsequent die, mit denen ich am wenigsten konnte. Und da man Matches unter einem bestimmten Wert nicht angezeigt bekommt, sind eine Menge Möglichkeiten von Haus aus weg. Das mit den Profilen ist auch so eine Sache – theoretisch top, wirklich ausfüllen tut sie halt kaum jemand. Und dann sind es meistens Allgemeinplätze. Der perfekte Tag ist immer, wenn man mit einem Lächeln schlafen gehen kann. Die Antwort auf „Was ich gerne könnte...“ ist Fliegen. Eines der drei Adjektive, die einen beschreiben ist scheinbar gesetzlich auf „reiselustig“ festgelegt. Die Kontaktaufnahme passiert meistens auch via „Lächeln“ – einem einfachen Buttondruck – was letztlich auch nix anderes als Swipen ist. Am Ende vom Tag ist es sauteures Tinder mit verschwommenen Fotos.

Marie, weiblich, 23

Bei Lovoo ist mir eine ganz bestimmte Sache aufgefallen: Es gibt die einen Männer, die lieb sind und sich bemühen, meine Gunst zu gewinnen. Dann gibt es die anderen, die einfach nur ungut sind. Oft bekam ich Nachrichten mit der Frage, ob ich mir nicht ein wenig Geld durch Sex dazuverdienen möchte. Manche möchten wissen, ob ich devot und versaut bin, um bei ihren Spielchen mitzumachen. Solche Nachrichten lösen einfach nur bloßes Schaudern bei mir aus. Ich würde mich niemals trauen mich alleine mit solchen Menschen zu treffen, auch wenn mir dafür eine große Geldsumme blühen würde. Schließlich weiß man echt nicht, was einen da erwartet. Zwar gibt es bei jedem Typen, den ich nicht kenne oder bisher nicht live gesehen habe, ein gewisses Restrisiko, dass er verrückt ist. Aber einige Unschuldigere lassen sich auf Lovoo trotzdem finden. Alles in allem würde ich sagen, dass das Verwenden der Dating-App Spaß macht, abgesehen von den seltsamen Typen. Vor allem tut es gut, jeden Tag so viele Komplimente und aufmerksame Nachrichten zu bekommen!“

Markus, männlich, 25

„Ich habe Tinder über zwei Jahre intensiv durchgetestet. Drei Adjektive beschreiben diese Erfahrung am besten: unterhaltsam, sexy, sozialkritisch. Mir haben die vielen Flirtereien große Freude gemacht, aber auch die zahlreichen Treffen mit den unterschiedlichsten Menschen. Problematisc finde ich jedoch das Swipe-System sowie die latente Manifestation traditioneller Rollenverteilung, die sich nachteilig auf sensiblere Frauen und Männern auswirkt. Nach zwei Kurzbeziehungen, die sich sogar daraus ergaben, aktivierte ich Tinder ein letztes Mal und wurde mit zahlreichen sexuellen Erfahrungen überrascht. Offenbar macht auch hier Übung (in Sachen Flirten) den Meister! Irgendwann wurde auch das fad und ich habe Männer dazugeschaltet. Diese Option hat meinen Flirthorizont erweitert, da auf homosexueller Ebene deutlich mehr Ehrlichkeit und weniger Oberflächlichkeit zu finden ist und sich sehr positive Begegnungen ergaben. Letztendlich glaube ich, dass Online-Dating wie ein Schwimmreifen ist. Es lehrt einem das Schwimmen, aber niemals das Tauchen und letzteres ist im Sturm lebensnotwendig. Nach nun circa einem Jahr glücklicher Partnerschaft, zugegebenermaßen in Real Life kennengelernt, war und wird Tinder für mich immer ein interessantes Kapitel bleiben.

 

 

 

* Alle Namen von der Redaktion geändert.

Von Katharina Kulesza
Am
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