Studienfortschritt: Ausgebrannt

Wann genau Stress die Überhand ergriff, kann man nicht sagen. Nach und nach zeigen Studien auf, dass er die Ursache für viele Zivilisationskrankheiten unserer Zeit ist: Über Darmprobleme zu Schlafstörungen und Burn-out.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 6 Min

Eine Sozialerhebung des Instituts für höhere Studien aus dem Jahr 2016 ermittelte, dass beinahe 50 Prozent der befragten Studierenden an österreichischen Universitäten Stressfaktoren wie fehlende Studienmotivation, aber auch Konzentrationsschwierigkeiten beklagen. Weitere 42 Prozent gaben an, dass sie unter psychischen Beschwerden wie Versagens- und Existenzängsten leiden würden. Vor allem Student*innen der Kunstuniversitäten nannten letztere häufiger. Insbesondere das Bologna-System wird von vielen als Grund genannt, mehr Stress und Versagensängste zu haben.

Versagens- und Existenzängste können ein Trigger für Vieles sein, doch häufig liegt ein Stichwort nicht weit: Überarbeitung. Mehr lernen, mehr arbeiten, mehr tun. Dass der Tag nur 24 Stunden hat, wird dabei häufig versucht zu ignorieren. Dabei ist der Druck auf der universitären Ebene vor allem durch das Bologna-System gegeben, doch auch auf beruflicher Ebene verspüren viele Stress. Neben der Uni Praktika zu absolvieren, am besten Teilzeit irgendwo unterzukommen, zu netzwerken und zu versuchen, sich einen Namen  im Berufsfeld zu machen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Hinzu kommt, dass die meisten Student*innen, nämlich über 60 Prozent, neben dem Studium erwerbstätig sind.

Was g’scheits

Wer jetzt sagt, dass Kunststudent*innen vielleicht lieber „was G’scheits“ lernen sollten, der sollte zuerst einen Blick auf die Statistiken werfen. Wie bei allen Sozialerhebungen muss miteinbezogen werden, dass viele Menschen sich nicht gerne zu ihren psychischen Problemen äußern oder sich derer sogar nicht bewusst sind.

BWL-, Jus-, Medizin- und alle anderen „fixer Job“-Student*innen können jedoch auch von ähnlichen Sorgen berichten. Dass bei diesen Studiengängen die Anzahl der Student*innen, die sich Hilfe von der studentisch-psychologischen Beratungsstelle suchen, geringer ist als bei Kunststudiengängen, liegt vor allem daran, dass die Möglichkeiten an ihren Universitäten weniger kommuniziert werden und somit einen kleineren Bekanntheitsgrad haben. Auch Wirtschaftsstudent*innen leiden unter Existenzängsten; Gabriel ist 23 und hat Studien in BWL und Politikwissenschaft abgeschlossen. Dass auch er Ängste vor der Zukunft hat, die ihn zeitweise zu Überbelastung angetrieben haben, erklärt er so: „ Nun ja, es gibt wahnsinnig viele Studenten und entweder nicht genug Einstiegsjobs oder welche, die absurd viel verlangen ohne wirklich gut zu bezahlen. Klar gibt es hier und da die richtig krassen Stellen, doch die bekommen dann nur ein oder zwei. Die meisten müssen viel weiter unten anfangen, weil sie wissen, dass man keine andere Wahl hat, als die Stelle anzunehmen. Dann hantelt man sich von schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten, 40 Stunden, und dann haben viele aber noch einen Job neben der Uni, einen Job, der sie finanziell erhält, einen Job für Brot und Wasser, überspitzt formuliert. Wenn man da noch nebenbei das Gefühl vermittelt bekommt, dass man mit Anfang 20 so viel gearbeitet haben muss wie mit Mitte 40, dann ist das Burnout vorprogrammiert.“

Ausgebrannt

Wann genau Stress zu viel wird, kann man schwer sagen. Jeder Mensch hat eine andere Belastungsgrenze, doch was evident ist, ist, dass zu viel Stress zu Burnout führen kann. Burnout ist ein Zustand der körperlichen und emotionalen Erschöpfung. Kategorisiert wird dieser Zustand als „Schwierigkeit zur Lebensbewältigung“ und kann zu Panikattacken oder Depressionen führen. Der Grund lässt sich oftmals nicht auf einen Faktor zurückführen, sondern auf viele aufeinandertreffende Leistungsanforderungen - auch persönliche Anforderungen und finanzieller Druck gehören dazu. Es ist besonders wichtig stark über sein eigenes Verhalten zu reflektieren und Situationen zu entschärfen, bevor es zu spät ist. Oftmals fällt Betroffenen gar nicht auf, was zu ihrem veränderten Gemütszustand führt. Studentin Magdalena kann sich noch genau daran erinnern, wie es bei ihr war. „Oft habe ich das Gefühl gehabt ich würde nicht genug machen, um mit allen mitzuhalten. Dann habe ich mich für wahnsinnig viele Jobs beworben, für Kurse angemeldet, für weitere Studien eingeschrieben und dann kam alles wie eine große Welle auf mich zugerollt. Irgendwann habe ich mich zurückgezogen und nichts mehr mit meinen Freunden gemacht, damit ich alles unter einen Hut kriege. Manchmal habe ich geweint, weil mich alles überrollt hat. Schlafen konnte ich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr. Und trotz allem dachte ich immer „da muss noch mehr gehen, du tust nicht genug“. Irgendwann hat es Klick gemacht und ich wusste da stimmt etwas ganz und gar nicht. Ich wollte mich nicht mehr so fühlen.“

Für Student*innen gibt es die studentisch-psychologische Beratungsstelle bei der man Beratung und ein Gespräch suchen kann.  Diese ist auch über Chat verfügbar und geht weit über die Beratung bei Überbelastung hinaus und inkludiert Hilfe bei Studienwahl, Studienbewältigung sowie Anlaufstellen für psychische und persönliche Probleme wie Traumata und Selbstmordgedanken.

All grown up

Burnout und Stress sind keine Dinge, die mit dem Einstieg ins Arbeitsleben und dem Erwachsenwerden wegfallen. Früher war Burn-Out als Beamtenkrankheit bekannt, weil zum Beispiel Lehrer oftmals weit über ihre Arbeitszeit hinaus arbeiten, da sie ihre Arbeit in der Regel mit nachhause nehmen. So wird es umso schwieriger, eine klare Grenze zu ziehen.

Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeit führen oftmals dazu, dass das Wohnzimmer zum zweiten Büro wird und keine Trennlinie zwischen Arbeit und Privatheit gezogen wird. Dadurch steigt der Druck auch weit außerhalb der Arbeitszeit zu arbeiten und immer verfügbar zu sein.

Wann Stress genau zu Burnout wird, ist schwer zu sagen. Es ist eine Entwicklung, die über lange Zeit stattfindet. Man braucht gleichzeitig auch länger, um sich davon zu erholen. Das Problem bei Burnout ist, dass die Rahmenbedingungen auf der Metaebene dafür von uns selber geschaffen wurden. Der Leistungsdruck unserer Gesellschaft wird die Krankheit weiterhin vorantreiben, wenn nicht gezielt dagegen gesteuert wird.

Von Helena Velaj
Am
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