Risse in der Festung

„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“ Mit diesen Worten eröffnete der damalige Bürgermeister Karl Seitz 1930 den Karl-Marx-Hof. Seitdem thront der monumentale Gemeindebau am Rande des 19. Gemeindebezirks, bis heute ist er der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Kaum ein Gebäude steht so symbolisch für die Ära des Roten Wien. Kein Wunder, dass Sozialdemokrat*innen – 100 Jahre nach der Errichtung des ersten Gemeindebaus – in Reminiszenz auf eine Zeit zurückblicken, die einen ersten Höhepunkt in einem radikalen wohnungspolitischen Umbruch markiert. (Teaser-Foto Credit: Rosmarie Voegtli @Flickr)

 

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Erst im Jahre 1858 wurde die Wiener Stadtmauer geschleift. Lange sah der Kaiser davon aus sicherheitstaktischen Überlegungen ab, als aber klar war, dass die Stadtmauer und der zugehörige Linienwall im Angriffsfall keinen Schutz bieten würden, leitete man die großräumige Ausdehnung der Stadt ein. Der Kaiser ließ die monumentalen Ringstraßenpalais errichten, immer mehr Menschen kamen in die Stadt, der Bauboom forderte Arbeitskraft und die Industrialisierung tat ihr Übriges. Während in den eingemeindeten Vororten vor allem Bürgerliche ihre neu errichteten Unterkünfte bezogen, schliefen die Arbeiter*innen unter katastrophalen Bedingungen in fabrikseigenen Wohnkasernen. Die Schilderungen Viktor Adlers, Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, über die menschenunwürdigen Wohn- und Arbeitsbedingungen der sogenannten „Ziegelböhm“, die in den Ziegelfabriken am Wienerberg arbeiteten, führten zu ersten Sozialreformen und sind ein wesentliches Element der österreichischen sozialdemokratischen Gründungsidentität.

Die Idee des neuen Menschen

Nach dem ersten Weltkrieg waren es vor allem die sozialdemokratischen Bürgermeister Reumann und Seitz, die den Wohnungsbau als zentrales Politikfeld erkannten. Die Bevölkerung war arm, Menschen aus den ehemaligen Kronländern zogen nach Wien und die Wohnungsnot war groß. Ein Mieterschutz, der noch heute vergleichsweise günstige Mieten im Altbau beschert, wurde eingeführt. Private Immobilien-Investments lohnten sich nicht mehr, die Stadt, die mittlerweile ein eigenes Bundesland war und so selbstständig eine Wohnbausteuer eintreiben konnte, hatte die Möglichkeit, günstig zu bauen. Doch die ersten Gemeindebauten waren keineswegs lediglich zweckmäßig. Namhafte Architekt*innen beteiligten sich an der Planung, die Wohnungen wiesen vergleichsweise hohe Wohnstandards auf, der Karl-Marx-Hof selbst verfügt über ein riesiges Areal an Grünflächen. Die dahinterstehende Idee war die des neuen Menschens, eines gebildeten, selbstbewussten Arbeiters. Städtische Büchereien fanden im Gemeindebau genauso Platz wie Kindertagesheime und Theater. Das Rabenhoftheater im dritten Wiener Gemeindebezirk ist wohl die bekannteste Spielstätte. Die Partei durchzog das Leben der Bewohner*innen, sie durchzog die Stadt. Bereits im Jahr 1934 wohnte jede/r zehnte Wiener*in im Gemeindebau. Nachdem die Kriegsjahre eine Zäsur im Ausbau des städtischen Wohnbaus darstellten, wurde nach 1945 mit dem Wiederaufbau begonnen. In den Sechzigerjahren kommt es zur Stadterweiterung, jedes Jahr entstehen 9.000 weitere Gemeindewohnungen.

Licht, Luft, Sonne

In den Siebzigerjahren zieht es immer mehr Menschen aufs Land. Der Wunsch nach einem Eigenheim, dem Haus mit Garten am Stadtrand wird größer. Die Stadtregierung reagiert mit neuen Wohnkonzepten, der Wohnpark Alt-Erlaa entsteht. Das Motto: Luft, Licht und Sonne. Die von Harry Glück geplanten Wohntürme bestimmen das Stadtbild. Wer sie nur vom Blick aus den Fenstern der U6 kennt, den mag verwundern, dass es kaum wo höhere Wohnzufriedenheit gibt als in den Alt-Erlaa-Bauten. Auf den Wohntürmen befinden sich große Pools, auf fast jedem Stockwerk kleine Hallenbäder. Die Türme verfügen außerdem über ein eigenes Abfallsystem, bei dem in jeder Wohnung ein Müllschacht platziert ist über den der Abfall zu einer Sammelstelle geschleust wird. In den Neunzigerjahren wird dann der Bau neuer Gemeindewohnungen aber zurückgefahren und ein neues Konzept gewinnt an Bedeutung: die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften. Die Wohnbaugenossenschaften bauen und verwalten, die Stadt fördert unter der Bedingung der Gemeinnützigkeit und sozialen Treffsicherheit. Ob der Notwendigkeit von teils hohen Genossenschaftsbeiträgen, adressiert man hierbei seltener Geringverdiener. Aufgrund der mittlerweile langen Wartezeiten im sozialen Wohnbau, verspricht die Stadtregierung im Wien-Wahlkampf 2015 schließlich nach dem jahrelangen Baustopp eine neue Gemeindebau-Initiative. Von der Deckung des Bedarfs kann jedoch nicht die Rede sein.

Sag mir, wo du wohnst,…

Die Statistik ist durchaus beeindruckend. 220.000 Gemeindewohnungen gibt es, bewohnt werden sie von circa 500.000 Menschen. Das ist immerhin ein Viertel des gesamten Wiener Wohnungsbestandes. Berechnet man Genossenschaftswohnungen mit ein, wohnen alles in allem 60% der Wiener*innen im geförderten Wohnbau. Das liegt auch an den relativ hohen Einkommensgrenzen, die vielfach für Aufruhr sorgen. Kritiker*innen klagen über zu wenig soziale Treffsicherheit. Es könne nicht sein, dass Gutverdiener in billigen Wohnungen leben und denjenigen Wohnraum verwehrt bleibt, die ihn dringend brauchen. Vertreter*innen der Stadtregierung verteidigen das System. Wenn der soziale Wohnbau mehr Menschen offensteht, verhindere man Ghettobildung. Es komme zur sozialen Durchmischung – zumindest am Papier. In der Realität sieht man sich durchaus auch mit Gemeindebauten konfrontiert, in denen das Konfliktpotenzial groß und der soziale Ausgleich ins Wanken gerät. Das zeigt sich auch in den Wahlergebnissen. Bei der letzten Wien-Wahl war die FPÖ der SPÖ in den Gemeindebau-Sprengeln dicht auf den Fersen. Um Wähler*innen zu gewinnen, genügt es nicht mehr, günstigen Wohnraum zu stellen. Michael Ludwig, 2015 noch Wohnbau-Stadtrat und heute Bürgermeister, kommentiert daraufhin knapp: „Das Wahlergebnis im Gemeindebau ist nicht zufriedenstellend.“ Dennoch sehen viele europäische Politiker*innen aus der sozialdemokratischen Parteifamilie die Wiener Wohnpolitik als Vorbild.

Enteignen!

Im Europawahlkampf besuchte die Spitzenkandidatin der deutschen Sozialdemokraten  Katarina Barley ihren österreichischen Parteikollegen Andreas Schieder. Ein zentrales Thema war dabei die Wiener Wohnungspolitik und die Lehren die die Europäische Union im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen aus dem „Best Practice“-Beispiel ziehen können. Denn ganz Europa klagt über steigende Mieten, Wohnungsnot und horrende Immobilienpreise. In Berlin ist es eine Bürgerinitiative, die für Aufsehen sorgt. Sie fordert die Enteignung großer Immobilienbesitzer*innen – unter anderem des Immobilienunternehmens „Deutsche Wohnen“. Dahinter steht eine großangelegte Privatisierungswelle der Stadt Berlin, die den Initiator*innen zufolge nun zurückgenommen werden solle. Zwei Welten prallen hier aufeinander. Während die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher Mitte der Siebzigerjahre ein „Right to Buy“ propagierte und damit zahlreichen Britten ermöglichte, Sozialwohnungen zu unschlagbar günstigen Preisen zu erwerben, gibt es mittlerweile auch eine europäische Bürgerinitiative  namens „Housing for All“, die dafür eintritt, dass die Hälfte des unionsweiten Wohnbaus sozial gestaltet werden soll. Der Chef der Konservativen in Österreich, Sebastian Kurz, wanderte im Wahlkampf 2017 in Thatchers Schuhen und ließ mit dem vielzitierten Sager „Eigentum schützt vor Armut!“ aufhorchen. Aber was steckt hinter den Schlagzeilen?

Eigentum schützt vor Armut (nicht)

Vor ein paar Jahren sorgte ein US-amerikanischer Student namens Matthew Rognlie für Aufsehen. Der Mathematikstudent beschäftigte sich mit den Thesen Thomas Pikettys, der über soziale Ungleichheit im 21. Jahrhundert ein vielbeachtetes Buch publizierte, das zum Bestseller wurde. Rognlie rechnete nach, dass sich die Vermögensunterschiede innerhalb der Bevölkerung über Immobilienbesitze erklären lassen und lieferte damit vielen Vertreter*innen einer eigentumsorientierten Wohnpolitik eine Vorlage für ihre Forderung danach, sozialen Wohnbau, lediglich auf Bedürftige zu beschränken. Die Ergebnisse Rognlies sind nicht weiter verwunderlich. Wer Eigentum besitzt, hat mehr Vermögen. Doch die Frage, ob breite Bevölkerungsteile von einer liberaleren Wohnpolitik mit gelockerten Mietrechtsbestimmungen profitieren, ist damit noch nicht beantwortet. Die Vermögensschere geht auch in Großbritannien weiter auseinander und auch das Investment in Eigentum im Sinne des „Rights to Buy“ war nicht für alle möglich. Heruntergekommene Sozialwohnungssiedlungen auf der einen und Immobilienspekulationen auf der anderen Seite zeigen mögliche Konsequenzen vom Fokus auf Geringverdiener*innen und Liberalisierungsentwicklungen auf. Klar ist jedenfalls, dass das Wohnbedürfnis für Menschen mit geringen Einkommen kaum von einem privaten Mietmarkt gedeckt werden kann. Hier kommen die Kosten für den Wohnungsbau und das verfügbare Einkommen der potentiellen Mieter*innen schlicht nicht zusammen.

Kein Zutritt

Mit dieser Diskrepanz sieht sich auch das vermeintlich gelobte Land – die österreichische Bundeshauptstadt – konfrontiert. Finanzielle Hürden in Genossenschaftswohnungen machen es Menschen, die besonders dringend Wohnungen suchen – jenen, die neu nach Wien kommen, besonders schwer, etwas Passendes zu finden. Zugang zu Gemeindebauwohnungen hat man erst, nachdem man drei Jahre in Wien seinen Hauptwohnsitz gemeldet hat. Bleibt nur noch der private Wohnungsmarkt, der auch in Wien steigende Preise zu verzeichnen hat. Hier geben die Menschen durchschnittlich circa ein Viertel ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aus. In Neubauten, die anders als die Altbauten nicht reguliert sind, kann der Anteil noch einmal deutlich steigen. An der Nachfrage ändert das trotzdem nichts. Geflüchtete, Jungarbeitnehmer*innen, Studierende oder temporäre Arbeitskräfte haben kaum Alternativen. Das Konzept, das Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, stößt – in Anbetracht der gegenwärtigen Mobilitätsanforderungen – jedenfalls an seine Grenzen.

Von Franziska Windisch
Am
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