Rest in Pieces

Wien hatte immer morbides Flair. Nicht nur wegen des kolossalen Zentralfriedhofs und den zahllosen Kirchen mit ihren Kryptas, die Stadt selbst wirkt mit ihren barocken Palästen ein wenig wie ein prächtiger Gedenkstein für vergangene Glorie. Dementsprechend legten auch die Wiener*innen schon immer Wert auf anständige, pompöse Begräbnisse – die sogenannte „schene Leich“. Kaum jemand trieb das so weit wie die Habsburger. (Teaserbild Credit: Welleschik)

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 5 Min

König Ferdinand IV war der erste Habsburger, der aus besonderer Verehrung für die Madonna von Loreto sein Herz separat von seinem Körper in der Loretokapelle der Augustinerkirche bestatten ließ. Mit ihm begann eine lange Tradition der sogenannten „getrennten Bestattung“ innerhalb der Familie Habsburg. Der Körper, das Herz und die Eingeweide wurden an drei unterschiedlichen Stellen bestattet. Warum die Sitte so lange hielt, ist nicht ganz klar, aber es gibt einige Theorien, die von Praktikabilität bis Symbolismus reichen. Einerseits verlangsamte die Entfernung der Eingeweide beispielsweise den Verwesungsprozess, was die langwierigen Aufbahrungsrituale des Barock mit Sicherheit erträglicher machte. Andererseits gibt es auch die Theorie, dass so eine gewisse Allgegenwärtigkeit des Hauses Habsburg zementiert werden sollte. Was für uns heute jedenfalls davon bleibt, sind drei hochinteressante Ausflugsziele der etwas anderen Art:

Stephansdom Unterkirche und Katakomben

Die über lange Zeit in Vergessenheit geratene Krypta unterhalb des Stephansdoms, die unter Kaiserin Maria Theresia renoviert wurde, beinhaltet die Urnen mit den Eingeweiden der Habsburger*. Aufgrund der aggressiven Flüssigkeiten, die zur Konservierung eingesetzt wurden, mussten die marode gewordenen Metallbehälter oft in neue, größere eingesetzt werden, weshalb einige schon zu recht beeindruckenden Maßen angewachsen sind. Neben diesen Matrjoschkas der anderen Art kann man hier auch die sogenannte Herzogsgruft, eine frühe Grablege der Habsburger, und die Katakomben besuchen. Führungen gibt es täglich und dieser Tage vielleicht nicht uninteressant: Es ist auch im Hochsommer angenehm kühl.

Kapuzinergruft

Die Körper der Habsburger* liegen in teils kolossalen Prachtsarkophagen in der Gruft des Kapuzinerklosters. Die chronologische Anordnung der Särge ermöglicht ein wortwörtliches Abgehen der Geschichte und Kunstgeschichte Österreichs. Besonders interessant ist, neben der fast autobusgroßen Ruhestätte Maria Theresias, die lange Reihe von Prinzessinnensarkophagen. Es ist eine Art Testament der oft vergessenen eigentlichen Schlüsselfiguren der habsburgischen Familienpolitik, eine lange Reihe meist in ihren Zwanzigern durch viele Geburten geschwächt verstorbener Frauen. Die bekannteste unter ihnen ist wohl Margarita Theresa von Spanien, deren Aufwachsen von Diego Velázquez in Gemälden dokumentiert wurde.

Die Gemälde können im unweit gelegenen Kunsthistorischen Museum gesehen werden. Ihr schon als Kind leicht trauriger Blick, den Velazquez festgehalten hat, gibt dem Schicksal der nur einundzwanzigjährig Verstorbenen eine ungewohnt nahegehende Dimension.

Loretokapelle aka Herzerlgruft

In einer vergleichsweise unauffälligen Seitenkapelle der Wiener Augustinerkirche befindet sich die Loretokapelle. In ihr ruhen in silbernen Pokalen die Herzen der Habsburger*. Die deshalb umgangssprachlich als „Herzerlgruft“ bezeichnete Kapelle ist meist verschlossen und ein Blick nur von Weitem durch ein Gittertor möglich, deshalb lohnt es sich für besonders Interessierte durchaus, eine der Führungen in Anspruch zu nehmen. Ein Besuch der Augustinerkirche ist aber auch sonst in keinem Fall ein Fehler. Sie ist ein architektonisches Prunkstück und voller bedeutender Kunstwerke wie dem Grabdenkmal der Erzherzogin Marie Christine.

*Natürlich ließen nicht alle Habsburger solche "getrennte Bestattungen" vornehmen. Es gab schon immer Ausnahmen und der Brauch kam Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend aus der Mode.

Von Gregor Schwayer
Am
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