Reißleine im Reisefieber

Nicht nur einen Sommerhit gibt es heuer, es reiht sich wohl auch eine hitverdächtige Wortneuschöpfung dazu: der Flugscham. Mit dem Billigflieger übers Wochenende zum Sightseeing-Hotspot oder ins paradiesische Urlaubsdomizil unter Palmen, all das ist mittlerweile vielfach Usus. Doch es hat sich etwas verändert im Urlaubssommer 2019 – nicht die Praxis, aber jedenfalls das schlechte Gewissen. Doch gibt es Grund für Gewissensbisse? Wie sehr schadet der Tourismus unserem Planeten? Und wie kann man dem entgegenwirken? Eine Bilanz.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Mitte Mai herrscht Aufruhr bei Umweltaktivist*innen. Eine Studie im Auftrag der EU-Kommission, die unter Verschluss gehalten wurde, wird geleakt. Sie zeigt, dass der Flugverkehr in der EU im globalen Vergleich deutlich niedriger besteuert wird als etwa in den USA, Kanada oder in großen Ländern Asiens. Das liegt unter anderem daran, dass es keine EU-weite Kerosinsteuer gibt. Auch über eine CO2-Steuer wird zwar derzeit sowohl österreich-, als auch europaweit lediglich diskutiert, im Moment ist der Flugverkehr jedoch noch deutlich unterbesteuert. Weil die EU-Mehrwertsteuerrichtlinie keine Umsatzsteuer auf Flugtickets vorsieht, ist es üblich, dass national sogenannte Ticketabgaben verhängt werden. Österreich hat diese jedoch vor kurzem halbiert. 

Kostenwahrheit

Letztlich führt das dazu, dass die Flugreise oftmals kostengünstiger ist als das Fortbewegen mit dem Zug. Der Verkehrsclub Österreich, kurz VCÖ, spricht in diesem Zusammenhang von fehlender Kostenwahrheit. Das wiederum bedeutet, dass die eigentlichen Kosten, die durch das Fliegen entstehen, nicht im Preis abgebildet sind. Angespielt wird vor allem auf sogenannte externe Kosten, die nicht direkt abrechenbar sind, sich jedoch durch die produzierten Umweltschäden ergeben. Eine CO2-Steuer, die den Schaden, der dadurch entsteht, dass mehr emittiert wird, bepreist und somit an Konsument*innen wie an die Industrie weitergibt, soll die umweltschädlichen Tätigkeiten eindämmen und zusätzlich motivieren, in die Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Das Mehr an Geld, das dem Staat dadurch zukommt, würde außerdem benötigt, um in anderen Bereichen zu investieren. So sind Bahnstrecken, auch was die Infrastruktur betrifft, europaweit mangelhaft ausgestattet. Technisch zeigt sich das daran, dass es schwierig ist, auf gewissen Strecken länderübergreifend Zugtickets zu kaufen. Auch baulich befinden sich viele Strecken in schlechtem Zustand. Wer schon einmal übers deutsche Eck gefahren ist, weiß um die langwierigen und demnach abschreckenden Folgen. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass der Flugverkehr als der am stärksten wachsende Verkehrsträger gilt. Die Treibhausgas-Emissionen, für die er sich verantwortlich zeichnet, haben sich seit dem Jahr 1990 verdoppelt. Allein im Jahr 2018 sind die CO2-Emmissionen um 4,9 Prozent gestiegen. 

Nicht der Verkehr allein

Konkrete Zahlen, die die Auswirkungen des Tourismus auf den Klimawandel beziffern, sind verhältnismäßig schwer zu finden. Eine 2018 veröffentlichte australische Studie versucht hier Abhilfe zu schaffen. Das Besondere: Es wird versucht, nicht nur die zusätzlichen CO2-Emmissionen, die durch den Transport – also zum Beispiel durch Flugreisen – oder das Betreiben von Unterkünften entstehen, in die Analyse zu integrieren, sondern auch Lieferketten unter die Lupe zu nehmen, die dem Tourismus zuzuschreiben sind. Das Ergebnis dieser Berechnungen zeigt, dass der globale Tourismus nicht nur eine Billionen-Dollar-Industrie und demnach ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist, sondern dass er auch für circa acht Prozent der globalen Treibhausemmissionen verantwortlich gemacht werden kann. Bei vorangegangen Berechnungen wurde ein Viertel an Treibhausemmissionen angenommen. Der Großteil dieses Fußabdrucks wird sowohl in als auch von hochentwickelten Ländern verursacht. 

Wohlstandsmotor

Dass sich bezüglich der Treibhausemmissionen sonderlich viel ändert, kann allerdings – auch wenn die EU aktiver wird – nicht angenommen werden. Denn die Fernreise gilt als besonderes Zeichen des Wohlstands, gerade auch in Ländern, die gegenwärtig noch vergleichbar wenige touristische Aktivitäten zeigen. Zwar schaffen technologische Verbesserungen Abhilfe, was die CO2-Emmissionen betrifft, steigt jedoch der Wohlstand in ärmeren Ländern wie prognostiziert, so führe das zu einem erheblichen Plus im Reisefieber. Die australischen Forscher*innen gehen bei einem Pro-Kopf-Anstieg des Wohlstands um 10 Prozent bei einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 40.000 Dollar pro Kopf von einem Anstieg des CO2-Fußabdrucks durch Reisen insgesamt um rund 13 Prozent aus. 

Systemänderung

Sich fürs Fliegen zu schämen, bringt also erstmals überhaupt nichts. Der individuelle Verzicht auf lange Flugreisen kann – wenn sich hier breitere Bündnisse bilden – Schuldgefühle kompensieren und ein Klima schaffen, in dem die Politik sich zum Handeln aufgerufen sieht. Die Diskussionen rund um die Einführung einer CO2-Steuer, die in Deutschland wie in Österreich noch nie so laut geführt wurde und der damit in Zusammenhang stehende Erfolg der „Fridays for Future“-Bewegung“, sind ein Zeichen dafür. Letztlich ist die Politik jedoch gefordert, Alternativen anzubieten und den großen Profiteur des derzeitigen Klimaregimes, die Industrie, kräftig zur Kasse bitten. 

Von Franziska Windisch
Am
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