Polyamorie

Mai ist immer etwas stressig für Jan. Der siebenundzwanzigjährige Biologe aus den Niederlanden lebt mit seiner Familie in England und plant gerade den restlichen Monat. Sein Hochzeitstag, der Geburtstag seiner Frau und der Geburtstag seiner festen Freundin fallen alle in den Mai – das ist logistisch gar nicht so einfach unter einen Hut zu bringen.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

Jan ist polyamor. Das bedeutet, dass Beziehungen für ihn nicht notwendigerweise exklusiv sind und er – Einverständnis aller Beteiligter vorausgesetzt – mehrere Beziehungen nebeneinander oder eine Beziehung mit mehreren Involvierten zugleich führen kann. Momentan lebt er in einer sogenannten VEE Konstellation. Das ist eine Beziehung in der eine Person mit zwei anderen in einer Liebesbeziehung ist, die aber untereinander nicht verbandelt sind. Er ist quasi das „Scharnier“ seiner Beziehung mit seiner Ehefrau auf der einen und seiner Freundin auf der anderen Seite. Alle sind polyamor. Jan hat sich zusammen mit seiner Frau Anne dazu bereiterklärt, uns einige Basics der Polyamorie zu erklären: „Ich bin jetzt natürlich kein Fachmann für Polyamorie – genauso wie die wenigsten monogamen Menschen Fachleute für Monogamie sind - aber ich teile gerne meine Erfahrungen!“

Polyamorie ist nicht Freie Liebe

Jan: „Ein häufiges Missverständnis, dem Polyamore begegnen, ist, dass Polyamorie mit freier Liebe oder Swinging gleichgesetzt wird. Bei Swinging und freier Liebe geht es um Sex. Bei Polyamorie ist das anders. Das Wort Amor steckt nicht ohne Grund darin. Es geht um Liebe, um Beziehung. Das kann Sex beinhalten, muss es aber nicht. Es gibt viele polyamore Beziehungen ohne Sex. Es muss ja auch nicht jede monogame Beziehung zwangsweise Sex beinhalten. Durch diese Vermischung der Begriffe entstand bei manchen dieses Bild, dass Polyamorie gleichbedeutend damit ist, an allen Ecken und Enden neue Partnerinnen oder Partner zu suchen. Das passt überhaupt nicht zu mir. Ich bin sehr introvertiert und vermeide soziale Kontakte abseits meines Familien- und Freundeskreises eher.“

Wie ist das mit der Eifersucht?

Jan: „Anders. Das beschreibt es am besten. Da alle Beteiligten in einer polyamoren Beziehung generell einverstanden sind damit, dass mehrere Partnerinnen und/oder Partner im Spiel sind, entsteht Eifersucht vor allem aus schlechtem Zeitmanagement. Allen muss Liebe und Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Niemand darf sich vernachlässigt fühlen. Überspitzt formuliert, ist in einer polyamoren Beziehung die Logistik das größere Problem als die Eifersucht. Damit das bei uns klappt, haben meine Frau, meine Freundin und ich einen gemeinsamen Google Calendar, in dem wir langfristig planen, wie wir unsere Zeit aufteilen. Außerdem schreiben wir auch Kommunikation ganz groß. In allen Beziehungen sind Ehrlichkeit und offene Kommunikation wichtig. Sie sind aber sogar noch wichtiger, wenn mehrere involviert sind. Probleme müssen sofort angesprochen werden und es dürfen keine emotionalen Zwänge entstehen.“

Wie reagieren andere Menschen auf euch?

Jan: „Das ist sehr unterschiedlich. Es wissen nach wie vor nicht alle in unseren Familien von unserer Polyamorie. Das Problem ist, dass viele die Situation sofort mit Polygamie gleichsetzen. Und dazu hat dann natürlich gleich jede/r eine Meinung und es prasselt gut gemeinten aber schlecht informierten Input. Häufiger Kritikpunkt ist auch, dass weder meine Frau noch meine Freundin aktuell Partner neben mir haben. Das sei unfair. Das ist aber keine Kategorie, in der polyamore Menschen denken. Polyamorie heißt nicht, dass wir mehrere Beziehungen haben müssen, sondern, dass wir es können und uns freuen, wenn es sich ergibt und funktioniert. Wenn beispielsweise Anne noch jemanden findet, den sie liebt und der sie glücklich macht, dann würde ich mich für sie freuen!“

Anne: „Ich höre das Argument öfter, aber ich hätte aktuell auch einfach kaum Zeit für noch eine Beziehung. Ich konzentriere mich gerade sehr auf meine Ausbildung und Karriere, da bleibt nicht so viel Spielraum. Also das Thema ist aktuell einfach nicht weit oben bei den Prioritäten – außer natürlich, ich treffe jemand ganz Besonderen. Inzwischen freue mich einfach für Jan, dass er noch jemanden gefunden hat, den er liebt. Compersion nennt man dieses Gefühl des Mitfreuens.“

Euer Fazit?

Anne: „Wir sind leider wohl noch weit von einer echten Akzeptanz für Poly in der Gesellschaft entfernt, aber ich bin hoffnungsvoll, dass sich das ändert. Für uns ist es eine Möglichkeit unser wahres Selbst auszuleben und wir sind alle sehr dankbar dafür!“

Jan: „Polyamorie unterliegt letzten Endes denselben Regeln wie jede andere Art menschlichen Zusammenlebens. Mit der falschen Einstellung kann sie toxisch, hierarchisch und egoistisch sein, aber mit Ehrlichkeit, Offenheit und ein wenig Arbeit kann sie erfüllend und wundervoll sein.“

Von Gregor Schwayer
Am
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