Plantschen zwischen Meistern und Gesell*innen

Kommt man in die Sargfabrik im 14. Bezirk in Wien, betritt man eine eigene kleine Welt. Der grell-orangene Farbanstrich, die Pfeile, die einen zu verschiedensten Orten im Gebäudekomplex verweisen oder die vom Architekten geleitete Besuchergruppe, die mit viel Ah und Oh dem Vortrag lauscht.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 7 Min

Die Gruppe sieht hinunter zum Badehaus, aus dem gerade ein Mann tritt. Ob der Herr Urbanek hier sei, frage ich ihn. „Bestimmt hier im Haus“, ist die Antwort gepaart mit dem Rat, ihn doch einfach anzurufen. Fünf Minuten nach unserem Telefonat schreitet Herr Urbanek bereits in Richtung Badehaus – er ist einer von zwei Bademeistern der Sargfabrik.

Dass Walter Urbanek nicht viel von Höflichkeitsfloskeln hält, war mir bereits klar, als ich ihn kontaktiert hatte. Auf die Zusage zum Interview verabschiedete er sich schlicht mit „Gruß Walter“. Diese legere Art legte er auch bei einem persönlichen Treffen an den Tag. Als Mann der Arenabewegung, wie er erzählte, wunderte es mich nicht, dass er prompt das Du anbot.

Walter und die Sargfabrik scheinen eng verwoben – sie teilen im Grunde eine gemeinsame Lebensgeschichte. Als Nachfolgeprojekt der Arenabewegung, in der im Sommer des Jahres 1976 die alternative Kulturszene in Wien erwacht war, hatten sich 25 Leute ebendieser Bewegung zusammengetan und das Fabriksgelände der alten kaiserlichen Sargfabrik renoviert. Im Gegensatz zum WUK wollte man diesen Raum sowohl zum Kultur- als auch zum Wohnbetrieb machen. „Es ist eine Art Dorf in der Stadt mit hohem Selbstverwaltungsgrad“, sagt Walter. Das Gebäude gehört den Vereinsmitgliedern, die auch bestimmen, wer neu aufgenommen wird und wer nicht. Neben dem Kulturzentrum und dem Beisl ist auch das Badehaus ein Teil der Sargfabrik. Vor 23 Jahren, als das Projekt geplant wurde, hatte man es so groß angelegt, dass auch Platz für ein Bad war – ohne zu wissen, wie der Badebetrieb organisiert werden sollte. Mit hohen Betriebskosten konfrontiert, entschied man sich für eine Mischform aus privat und öffentlich.

Die hohen Kosten waren auch eine Konsequenz der Einrichtung des Bades – von Schwimmbecken zu Whirlpool, von der Sauna bis zum Tepidarium. Man hatte an alles gedacht. Das Bad ist an 362 Tagen im Jahr 24 Stunden lang geöffnet. An den anderen drei Tagen wird großflächig gereinigt, erzählt man mir. Um der permanenten Öffnungszeit gerecht zu werden, entschied man sich, wie bei allem in der Sargfabrik, für ein communitybasiertes Organisationsmodell.

„Es gibt die Meister und die Gesellen. Wir haben zwei Bademeister, aber die können ja nicht 24 Stunden da sein. Also muss man sich zum Gesellen ausbilden lassen, bevor man den Clubbetrieb nutzen kann. Da gibt es eine Voranmeldung und dann eine zweistündige Einschulung, bei der man die Eigenheiten des Bades erklärt bekommt, dann verrichtet man noch einen monatlichen Clubbeitrag und hinterlegt eine Kaution für den Schlüssel“, erklärt Walter den Badebetrieb.

Insgesamt gibt es 500 Gesell*innen, die Zugang zum Badehaus haben – das Maximum.

Die Gesell*innen kommen von nah und fern. Aus der Sargfabrik, der unmittelbaren Umgebung oder anderen Teilen Wiens. Neben dem gelassenen Badebetrieb, bei dem auch nacktbaden herzlich willkommen ist, bilden spezielle Events einen besonderen Anreiz. Venus im Bade, ein Bade-Event nur für Frauen, oder Nacktbaden für schwule Männer füllen Nischen, die in öffentlichen Bädern nicht geboten werden. Am Public Friday wird das Badehaus für Besucher*innen geöffnet, die nicht Mitglieder sind.

Wie funktioniert das Zusammenleben bei so vielen verschiedenen Charakteren wie in der Sargfabrik? Gerade die Mischung macht es schön. Für jede/n wird gesorgt, an jede/n wird gedacht. Für Familien mit Kindern werden Babyschwimmkurse angeboten, für Frauen, die gerne unter sich schwimmen, gibt es das Event „Jasmins Spa“, das zum schwimmen im Bikini oder auch Burkini einlädt. Ganz unter Frauen. Doch auch ein Set an Bedingungen ist an das Gesell*innentum gebunden.  „Wenn der Meister nicht da ist, muss der Geselle einspringen. Der hat Rechte und Pflichten.“, erzählt Walter.

Eine der goldenen Regeln ist es, nie alleine vor Ort sein zu dürfen. Das soll für Sicherheit sorgen, sollte man ausrutschen oder sonst etwas passieren.  Ein Geselle hat das grundsätzliche Recht, Gäste von außerhalb mitzunehmen, ist aber für diese auch verantwortlich. Zwar verlasse man sich auf die Gesell*innen und die Einhaltung von Regeln, hätte aber dennoch eine gelbe und rote Karte eingeführt, um gegen Verstöße vorzugehen. Die Vergabe sei nichtsdestotrotz selten. Es scheint als wäre die Sargfabrik ein Raum, in dem man gerne auf den Einsatz von Strafen verzichtet hätte. Dennoch war man bei 500 Mitgliedern, vielen von außerhalb der Sargfabrik, damit konfrontiert, dass die Regeln einer Community nicht immer reichen. Den Charme verliert das Konzept dadurch allerdings nicht, es macht es allenfalls zu einem der schrulligsten Bäder Wiens.

Von Helena Velaj
Am
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