Pest, Arbeitnehmerrechte und Emanzipation

Manchmal tragen die katastrophalsten Ereignisse neben all dem Leid, das sie mit sich bringen zumindest auch die Saat für grundlegende Veränderung in sich. So ist die Pestepidemie von 1347 zwar eine der traumatischsten Erfahrungen Europas, die sich dauerhaft in das kollektive Bewusstsein gebrannt hat, sie war aber auch der Startschuss für kolossale gesellschaftliche Veränderungen und Wegbereiterin für Reformen im Arbeitsrecht und für die Emanzipation der Frau.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 6 Min

1346. Die Stimmung in der genuesischen Handelsniederlassung Kaffa auf der Halbinsel Krim war erstmals seit langem wieder vorsichtig optimistisch. Die mongolische Armee vor ihren Mauern bereitete scheinbar den Abzug vor. Als hätte sich das Schicksal selbst auf die Seite der hoffnungslos unterlegenen Verteidiger gestellt, wütete seit kurzem eine rätselhafte Seuche unter ihren Gegnern. Aber die Genueser freuten sich zu früh. In der wahrscheinlich folgenreichsten Variante des klassischen „den Fußball nehmen und heimgehen“ Moves luden die Mongolen vor ihrem Abzug einige ihrer Seuchentoten auf ihre Belagerungsmaschinen und schossen sie über die Stadtmauern. Sie besiegelten das Schicksal eines großen Teils der Bevölkerung Europas. Bei der damals unbekannten Seuche handelte es sich um die Pest. Über das genuesische Handelsnetzwerk verbreitete sie sich nun über den ganzen Kontinent.

 

Die Folgen waren verheerend und die Hilflosigkeit, die aus den Quellen spricht, ist erschütternd. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Viele glaubten, das Ende der Welt sei gekommen. Als die Seuche begann abzuflauen und die Toten begraben waren, hatte die Pest modernen Schätzungen zufolge etwa 20 bis 25 Millionen Tote gefordert. Etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Auch die Wirtschaft war völlig am Boden. Ganze Gehöfte lagen brach, überall herrschte Mangel an Arbeitskräften. Das führte kurzfristig zu einer massiven Stärkung der traditionell gesellschaftlich Schwächsten. Tagelöhner, die mit ihrem Gehalt unzufrieden waren, fanden problemlos zehn andere Arbeitgeber, die ihnen mit Freude mehr zahlten. Bauern, die ungerecht hohe Pacht zahlten, wurden woanders mit offenen Armen empfangen, um die verwaisten Höfe zu übernehmen. Zünfte, die primär dem Zweck dienten, den Wohlstand ihrer Mitglieder zu erhalten und Wettbewerb abzuwürgen, waren so dezimiert, dass sie ihre Aufnahmekriterien lockern mussten. Manche nahmen nun sogar Frauen auf. Generell stieg der Anteil von Frauen in der Lohnarbeit durch den allgemeinen Mangel an Arbeitskräften nach der Pestepidemie stark an. Das trug merklich zur Stärkung ihrer Stellung in der Gesellschaft bei. Eine Frau mit eigenem Auskommen war weit weniger von patriarchalen Strukturen abhängig.

 

Die Reaktion der Mächtigen war zunächst einmal Panik. Die gesamte mittelalterliche Gesellschaft war auf den Erhalt des Status Quo ausgerichtet. Alle haben ihren Platz und ihre Aufgabe. Diese plötzliche soziale Mobilität war also zutiefst beunruhigend. Dazu kamen auch sehr reale Sorgen. Wenn ein Gutsherr mehr Geld hatte als die übrigen, hinderte ihn nichts daran, so gute Löhne anzubieten, dass die verfügbaren Arbeitskräfte in der Region restlos zu ihm abwanderten. Und wer niemanden hatte, der die Ernte einbringt, der musste hungern. So einfach war das. Die Kräfteverhältnisse würden also komplett neu verteilt werden. Und das konnten die Landesherren natürlich nicht zulassen. Bereits Monate nach dem Pestausbruch erließ der König von England beispielsweise umfangreiche Gesetze, die zum einen Höchstlöhne festsetzten, die nicht überschritten werden durften und die zum anderen das Abwandern von freien Arbeitskräften schlicht verboten. Anschließend wurden Richtlinien festgelegt, die garantieren sollten, dass die vorhandenen Arbeitskräfte relativ gleichmäßig verteilt werden.

 

Der reaktionäre Backlash kam also flott und wirkungsvoll, aber die Türen, die aufgestoßen wurden, konnte er trotzdem nicht mehr ganz verschließen. Funken eines neuen Selbstbewusstseins wurden entfacht. Über das Erbrecht und die Zulassung zu neuen Berufen verbesserte sich insbesondere in Städten – wenn auch langsam – die rechtliche Position der Frau. Auch an anderen Fronten der Gesellschaft wurden die vorhandenen Strukturen hinterfragt. Das Ansehen der Kirche hat beispielsweise nachhaltig unter ihrer völligen Machtlosigkeit angesichts der Seuche gelitten und so wurde vielleicht schon die eine oder andere Saat der Reformation gesät. Die Risse in der mittelalterlichen Weltordnung waren so weit verzweigt, dass manche die große Pestepidemie von 1347, das „Große Sterben“ wie es zeitgenössisch genannt wurde, als den Anfang vom Ende des Mittelalters sehen.

Von Gregor Schwayer
Am
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