Ob Sprache die Gedanken formt?

Im Arabischen gäbe es kein Futur - also keine grammatikalische Zukunftsform - meint die Österreichische Außenministerin Karin Kneissl, wie der Standard berichtete. Daraus, so sagt sie, entspringe "die wenig zukunftsorientierte, gott- und schicksalsergebene Mentalität arabischer Menschen". Damit hat sie unrecht. Nicht nur, weil es im Arabischen nicht nur eine sondern sogar zwei Zukunftsformen gibt; Kneissl bedient sich auch noch einer sprachwissenschaftlichen Hypothese, die sich zwar im Volksglauben weiterhin hartnäckig hält, in der Wissenschaft aber schon gar nicht mehr ernstgenommen wird.

Von Marlene Liebhart
Am
Lesezeit 9 Min

Schnee von gestern

Die Rede ist von der Sapir-Whorf-Hypothese. Sie besagt, dass Sprache ganz massiv das Denken bestimmt, dass Sprecher einer Sprache also Gedanken denken, die andere gar nicht denken können. Aufgestellt wurde die Hypothese 1940 von Benjamin Whorf, der sich auf den Sprachwissenschaftler Edward Sapir bezieht. Ein weit verbreiteter Mythos, der sich hartnäckig im Volksglauben hält, ist die Geschichte von den hunderten Wörtern für Schnee, die die Völker im nördlichen Polargebiet haben sollen. Whorf wollte untermauern, dass Dinge, die für eine Gesellschaft besonders relevant sind, im Wortschatz der Sprache hervorgehobene Bedeutung finden. Dazu argumentierte er mit einer Behauptung des Sprachwissenschaftlers Franz Boas, der 1911 behauptete, die “Eskimos” hätten vier verschiedene Wörter für Schnee. Tatsächlich handelte es sich aber nur um Wortzusammensetzungen, die ihrerseits liegenden Schnee, fallenden Schnee, wehenden Schnee und Schneehaufen bezeichneten. So wird das Wort “Neuschnee” bei uns nicht als eigenes Wort für Schnee zählt, da es den gleichen Wortstamm besitzt wie etwa “Schneewehe”. Außerdem gehören mehrere Sprachen zur eskimo-aleutischen Sprachfamilie, die ihrerseits unterschiedliche Begriffe für Schnee verwenden. Die Hypothese wurde dennoch von Medien aufgegriffen, im Laufe der Zeit wurden aus vier schließlich mehrere hundert Wörter.

Rutsch mal nach Osten!

Die Sapir-Whorf Hypothese wird mittlerweile von Sprachwissenschaftlern kaum mehr als belächelt. In seinem Artikel "Does your language shape how you think" in der New York Times regt der Linguist Guy Deutscher dazu an, die Idee, dass Sprache unser Denken formt, trotzdem nicht ganz aus dem Fenster zu schmeißen. Er meint sie beeinflusst nicht was wir denken und verstehen können, sondern worüber wir nachdenken. Sie verbietet uns nicht bestimmte Gedanken zu denken, sondern lenkt unsere Aufmerksamkeit hin zu anderen. Als Beispiel führt er die Sprecher der Australischen Sprache Guugu Yimithirr an. In den meisten anderen Sprachen orientiert man sich, wenn man die Richtung angeben möchte, an sich selbst oder einem bestimmten Punkt. Im Deutschen sagen wir etwa “Rutsch mal nach links” und meinen damit links, von uns aus gesehen. In Guugu Yimithirr gibt es diese Orientierungen nicht; Sprecher müssen zu jeder Zeit wissen wo sich Norden, Osten, Süden und Westen befinden, um die Richtung angeben zu können. “Rutsch mal nach links” würde also zu “Rutsch mal nach Osten“ werden. Durch diese Eigenheit entwickeln die Sprecher dieser Sprache so etwas wie einen inneren Kompass - sie wissen in jeder Situation wo sich die Himmelsrichtungen befinden. Deutscher ist aber skeptisch, dass diese unegozentrische Denkweise auch gleich ein geringeres Verständnis der eigenen Wichtigkeit in der Welt mit sich bringt und bleibt damit kritisch gegen die Sapir-Whorf-Hypothese.

Er gibt uns auch ein Beispiel für Farbwahrnehmung und wie sie sich zwischen den Sprechern verschiedener Sprachen unterscheidet. Im Deutschen beispielsweise sehen wir Grün und Blau als unterschiedliche Farben; in einigen Sprachen werden sie aber als verschiedene Farbtöne der selben Farbe behandelt. Deutscher meint, dass das einen Unterschied für die Wahrnehmung der Distanz im Farbspektrum macht. “So seltsam es sich anhört”, schreibt er, “Unser Erleben eines Chagall-Gemäldes hängt tatsächlich zu einem gewissen Grad davon ab, ob unsere Sprache ein Wort für Blau hat.”

Derek Bickerton, ebenfalls Linguist, reagiert in seinem Artikel "Words cannot express" auf Deutschers Überlegungen. Zwar widerspricht er ihm nicht darin, dass Sprache zu einem gewissen Grad beeinflusst worüber wir nachdenken, allerdings hinterfragt er wie wichtig die Aspekte, die sie beeinflussen kann, wirklich sind. “Dinge wie Standort, Farbe und grammatikalisches Geschlecht bestimmen selbst im alltäglichen Management unseres Lebens nicht wirklich unser Denken, und schon garnicht, wenn wir Fragen von Politik, Wissenschaft oder Philosophie behandeln”, schreibt er.

Steven Pinker, ein Kognitionswissenschaftler, geht einen Schritt weiter. Er lehnt die Idee, dass Sprache unser Denken beeinflusst, ganz ab und meint, dass wir alle die Welt genau gleich sehen, selbst wenn wir sie unterschiedlich beschreiben. Farbe, so Pinker, wird zum Beispiel von jedem Menschen identisch wahrgenommen, da unsere Augen immer gleich aufgebaut sind. In seinem Buch “The Stuff of Thought” bezeichnet er Sprache als ein “Fenster” in unser Gehirn; sie signalisiert lediglich was in unseren Köpfen vorgeht. Laut ihm beeinflussen also lediglich Gedanken die Sprache - nicht jedoch umgekehrt.

Verschiedene Experimente belegen aber, dass sich Farbwahrnehmung zwischen Kulturen verschiedener Sprachen sehr wohl unterscheidet. Die Sprache der Himba (einem nomadischen Volk im Südwesten von Afrika) ist eine der Sprachen, in der das, was wir als blau und grün bezeichnen, als unterschiedliche Töne der selben Farbe wahrgenommen werden. Forscher zeigten Probanden folgende Bilder:

Von Marlene Liebhart
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