Mythen, die nur Migrantenkinder kennen

Als Kind mit Migrationshintergrund wächst man zwischen zwei Kulturen auf: Der aus dem Heimatland der Eltern und der aus dem eigenen Heimatland. So wird man im Laufe seines Lebens nicht nur mit österreichischem Aberglauben (Wenn du Schluckauf hast, denkt jemand an dich), sondern auch mit dem aus der alten Heimat konfrontiert.

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 5 Min

Wachstumsschub

“Versuche jeden Morgen so hoch zu springen, dass du den Türrahmen erwischst. Qe te zgjatesh! (albanisch für “Damit du wächst)”, sagte man mir als Kind. Nach gleicher Manier musste ich einmal die Woche zum Basketball in die Schule gehen.

Das ganze sollte mir dabei helfen zu wachsen, denn Sportarten bei denen viel gesprungen wird, sollten sich der dahinter liegenden Logik nach positiv auf das Wachstum auswirken. Zwar ist die Korrelation nicht gänzlich falsch, da Basketballspieler meist sehr groß sind, nicht aber weil sie Basketball spielen.

So trotteten eine Freundin und ich viele Jahre lang zum Training, bis es uns schlussendlich zu blöd wurde. Das einzige Wachstum, das mir in dieser Zeit auffiel, war das meiner Füße und was meine Körpergröße betrifft, bin ich sage und schreibe 163cm groß geworden. Eine echte Basketball-Legende. Dieser hartnäckige Mythos zieht sich durch so viele albanische Familien, dass wir heute untereinander gerne darüber witzeln.
Aber auch in anderen Ländern scheint sich dieser Irrglaube festgesetzt zu haben und so erzählten mir auch Freunde mit brasilianischem Migrationshintergrund, dass ihnen als Kind derselbe Unsinn aufgetischt wurde.

Permanent Cashflow

Auf die Frage, was man denn für abergläubische Handlungen kenne, antwortete mir eine polnische Freundin mit einer fetten Portion Antisemitismus.  “Bei uns selbst und bei den meisten anderen Familien, die ich kenne, gibt es das Gott sei Dank nicht, aber ich kenne einige polnische Haushalte, in denen ein Bild von einem Mann angeblicher jüdischer Herkunft hängt, weil das dem Haus Geld bringen soll...meine Oma und meine Tante eingeschlossen. Wahnsinnig rassistisch.”

In Sachen Geld gibt es in Polen auch eine Neujahrstradition, bei der die Schuppen vom Karpfen, den man zu Weihnachten isst, getrocknet und an Silvester verteilt werden. Diese soll man in der Geldbörse behalten, da das Geld im neuen Jahr bringen soll.

Hinsichtlich Geld haben auch die Ungarn ihre Weisheiten. Wem die rechte Hand juckt, wird Geld ausgeben, wenn es die linke ist, wird man welches erhalten.

Kurioses aus aller Welt

“Ich war als Kind wahnsinnig ängstlich und eines Tages, als wir in Bosnien waren, besuchte uns eine ältere Frau aus den Bergen, um mir damit zu helfen. Ich weiß nicht woher sie genau kam, denn wir lebten schon recht hoch oben in den Bergen und sie muss von noch weiter oben gekommen sein. Jedenfalls legte sie Steine um mich herum auf und machte irgendwas, um die Angst aus mir zu vertreiben. Ich bin mit viel solchem Blödsinn aufgewachsen. Zum Beispiel sollte man auch nie am Dienstag seine Haare schneiden. Niemand hat mir jemals eine Erklärung dafür gegeben.” Doch auch weit weg von Europa finden sich kuriose Irrglauben. So erklärte man mir, wie man in Brasilien mit ungebetenen Gästen umgeht. “Wenn man einen Gast zuhause hat, der nicht gehen will, man einen Besen hinter die Tür stellen soll. Das soll dabei helfen, dass er früher geht”, erzählte mir ein Freund. Wie genau das helfen soll, blieb offen.


Was also tun, wenn die Eltern oder die Verwandtschaft einen von den eigenen urban legends überzeugen will? Sich in die Diskussion stürzen oder stumm nicken und lächeln?
Kommt darauf an, auf welcher Ebene sie angesiedelt sind.

Von Helena Velaj
Am
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