Multi-Kulti im alten Österreich

„Überhaupt, wie viel Merkwürdiges ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! … Es war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte freisinnig. Vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich, aber nicht alle waren eben Bürger.“

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 9 Min

Mit diesen Worten beschreibt Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften das kuriose Staatengebilde Österreich-Ungarn – oder, wie er es nennt: Kakanien (von den in der Monarchie allgegenwärtigen Kürzeln K.u.K. beziehungsweise k.k.). Ein Territorium, circa zweimal so groß wie das heutige Deutschland, das über Jahrhunderte von den Habsburgern zusammengeheiratet, geerbt, getauscht, intrigiert, gepokert und, seltener, erkämpft wurde. Im Gegensatz zu allen anderen europäischen Großmächten der Zeit hatte es keine „nationale Identität“, keine klare Bevölkerungsmehrheit, die das Land bestimmt. Die Namensgebenden „Deutsch-Österreicher“ stellten weniger als ein Viertel der Gesamtbevölkerung und selbst zusammen mit den durch den Ausgleich 1867 beschwichtigten Ungarn blieben mehr als die Hälfte der über fünfzig Millionen Einwohner der Monarchie Bürger zweiter Klasse. Welche Klammern hielten den Staat bis zum Ende des ersten Weltkriegs zusammen? Gab es so etwas, wie eine österreichisch-ungarische Identität?

„Und verwaltet wurde dieses Land in einer aufgeklärten, wenig fühlbaren, alle Spitzen vorsichtig beschneidenden Weise…“

Die kurze Antwort darauf lautet: Kaum. Die mittelalterlichen Rezepte, eine Gesellschaft zusammenzuhalten – Religion, Bindung an die Herrscherpersönlichkeit und Stand, gab es zwar noch, aber sie hatten viel von ihrer Leuchtkraft verloren. Der Anteil an Katholiken in der Donaumonarchie war mit circa dreiviertel ähnlich hoch wie im heutigen Österreich. Stark, aber bei weitem nicht mehr universell. Der Herrscher wurde auch nicht mehr von stufenweise abwärts immer kleineren und lokaleren geistlichen und weltlichen Herren (oder sehr viel seltener: Damen) vertreten, sondern von einem wesentlich anonymeren Beamtenapparat. Genau der aber war eines der Instrumente, mit denen Österreich-Ungarn die mit dem Aufkommen des Nationalismus immer stärker werdende Kluft zwischen den Bevölkerungsgruppen zu überwinden versucht hat. Der Verwaltungsapparat war riesig. Und bis auf die gemeinsamen Ministerien für Krieg, Äußeres und Finanzen gab es alle Resorts auch noch zweimal. Einmal für jede Hälfte der Doppelmonarchie. Die Beamtenlaufbahn war vergleichsweise offen zugänglich und hat einen, wenn auch begrenzten, Weg zu sozialem Aufstieg geschaffen – die höheren Ämter waren aber natürlich weiterhin der Elite vorbehalten. Trotz allem wurde so ein übernationales Standesbewusstsein innerhalb der Beamtenschaft kreiert. Ganz ähnlich lief es mit der zweiten Säule österreichisch-ungarischer Identität: der „Gemeinsamen Armee“.

„Man gab Unsummen für das Heer aus; aber doch nur gerade so viel, dass man sicher die zweitschwächste der Großmächte blieb.“  

Die Armee der Donaumonarchie war riesig, zahlenmäßig eine der größten der Welt zu ihrer Zeit. Da der Staat aber im Vergleich zu anderen Großmächten nur sehr wenig Geld für ihren Erhalt zur Verfügung stellte, war sie auch chronisch unterfinanziert und wurde meist nur dann mit zeitgemäßer Ausrüstung ausgestattet, wenn es gerade wieder eine katastrophale Niederlage gab. Trotzdem ging sie hochprogressiv mit dem Umstand um, Truppen mit mehr als 10 großen Sprachgruppen effektiv zu verwalten. Truppenteile wurden nach Sprachen geordnet und Zweisprachigkeit war bereits bei niedrigsten Offiziersrängen Pflicht. Drei- und Mehrsprachigkeit war bei höheren Offizieren völlig normal. Außerdem wurde dem Lokalstolz in Form von diversesten unterschiedlichen Uniformen Rechnung getragen bevor sie im ersten Weltkrieg vereinheitlicht wurden. All das und das immens hohe Ansehen, das das Militär in der Bevölkerung genoss, machten es zu einem attraktiven Karrierepfad und Erzeuger eines „Wir-Gefühls“ über ethnische Grenzen hinweg. Auch hier wiederum mit der Einschränkung, dass die höchsten Ämter der Elite vorbehalten waren.

„Und in Kakanien wurde überdies immer nur ein Genie für einen Lümmel gehalten, aber niemals, wie es anderswo vorkam, schon ein Lümmel für ein Genie.“  

Verwaltung und Militär sind von oben diktierte, bewusst gesetzte Klammern, die die Gesellschaft zusammenhalten sollten. Gab es auch natürlich gewachsene Formen einer K.u.K. Identität? Ja. Aber wie auch bei den vorigen Beispielen handelt es sich nur um eine überschaubare Minderheit, die sie getragen hat. Die großen Städte der Monarchie, wie Wien, Budapest, Prag oder Triest waren multikulturelle Schmelztiegel. Ideen trafen aufeinander und erzeugten einen so einzigartigen Nährboden für Kunst, Kultur und Wissenschaft, dass Stefan Zweig nach dem Ende der Monarchie befürchtete, dass es die kosmopolitische und tolerante Atmosphäre, in der er aufgewachsen ist, nie wieder geben werde. Für den Rest seines Lebens sollte er Recht behalten.  

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 9 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.