Monatliches Tabu

Jede Frau menstruiert durchschnittlich 500 Mal im Leben, insgesamt circa 8000 Tage lang. Ein natürlicher Prozess des Körpers, der im Leben von Frauen eine große Rolle spielt. Dennoch ist die Periode immer noch für viele ein Tabuthema und der Umgang der Gesellschaft mit dieser wirft schwerwiegende Fragen auf – über soziale Gerechtigkeit, weibliche Selbstbestimmung und medizinische Versäumnisse.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Tampons und Binden sind teuer. Bis zu 16.500€ geben manche Frauen in ihrem Leben für Hygieneartikel aus, für viele andere sind sie von vornherein unleistbar. Vor allem im globalen Süden stehen Mädchen ab dem Einsetzen ihrer Periode vor dem Problem während ihrer Monatsblutung nicht zur Schule oder in die Arbeit gehen zu können. Ihnen fehlt es aber nicht nur an Hygieneartikeln, sondern auch an fließend Wasser und sauberen Toiletten. Das führt dazu, dass viele Mädchen verstärkt mit Infektionen im Intimbereich kämpfen. Diese bleiben jedoch oft unbemerkt, denn über das Thema Monatsblutungen wird in Ländern wie Äthiopien nicht gesprochen – es gilt als schändlich. Aber nicht nur in Teilen Afrikas, sondern auch in Europa ist der Zugang zu Tampons, Binden & Co eingeschränkt, was mittlerweile auch prominente Kritiker*innen dazu bringt, das Problem öffentlich zu diskutieren.

Binden und Champagner

Was haben Binden und Champagner gemeinsam? Auf den ersten Blick scheint kein Zusammenhang gegeben, die beiden Produkte teilen sich jedoch in europäischen Ländern, aber auch in den USA denselben Steuersatz – nämlich den auf Luxusgüter. Mit dieser Tatsache konfrontierte die kalifornische Youtuberin Ingrid Nilsen den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten Barack Obama in einem Interview. Dieser betonte zwar die Bedeutung des Problems, verwies aber gleichzeitig darauf, dass die Entscheidung Bundesstaaten obliegt, von denen immerhin 40 den erhöhten Steuersatz verwenden.

Einer Statistik zufolge kann sich jedes zehnte britische Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren keine Binden und Tampons leisten. In ihrer Hilflosigkeit verwenden sie alte Socken, oder verlassen erst gar nicht das Haus und bleiben der Schule fern. Nach einem Artikel der britischen Zeitschrift Guardian, der dieses Problem zum Thema machte und für Aufsehen sorgte, gibt es erste Bestrebungen, die Betroffenen zu unterstützen. NGOs arbeiten schon länger daran Lösungen für Frauen in bestimmten Situationen zu finden, z.B. für Wohnungslose, die weder genügend Mittel haben, noch Zugang zu sauberen Toiletten und ärztlicher Behandlung.

Nun poppt auch immer wieder die Forderung auf, dass Binden und Tampons ganz grundsätzlich gratis sein sollten. In Schottland wurde dieses Vorhaben als Pilotprojekt gestartet und zeigt gute Ergebnisse. In Österreich blieb es vergangenes Jahr lediglich bei einer Online-Petition an den damaligen Finanzminister Hans-Jörg Schelling. Die Unternehmerin Nancy Kramer stellt in einem TED-Talk zum Thema die Frage, wieso denn auf Toiletten Klopapier, Seife und Papierhandtücher kostenlos vorhanden seien, Binden und Tampons aber nur in den seltensten Fällen aufliegen würden.

Unrein

Der schlechte Ruf, dem die Menstruation anlastet, geht weit in die Geschichte zurück und liegt vor allem in der schlechten Stellung begründet, die die Frauen in der Gesellschaft immer schon hatten. Während man in der Antike die Menstruation zumindest noch mit einem gewissen Interesse verfolgte, untersuchte und sich Theorien zu deren Existenz sponn, wurde es im Mittelalter relativ still. Über die Regel wurde kaum gesprochen, sie war aber ein Zeichen der angenommenen Minderwertigkeit der Frau und diese Ansicht zog sich bis weit über das Zeitalter der Aufklärung fort. Sowohl im Judentum, als auch im Christentum mussten Frauen, die gerade ihre Tage hatten, den geistlichen Ritualen fernbleiben. In der Bibel ist sogar davon die Rede, dass man Frauen während ihrer Menstruation nicht berühren darf, sie für sieben Tage ausgeschlossen werden sollten und das Regelblut und der „böse Blick“ der Frau magische Kräfte hätten.

Einem Herzinfarkt ähnlich

In einer Umfrage der Plattform für Frauenhygiene „Erdbeerwoche“ zeigt sich, dass auch heute Menstruation nicht nur ein Tabuthema ist, sondern dass es auch massive Wissenslücken gibt – bei Männern, aber auch bei den Mädchen. 60 Prozent der Mädchen stehen der Menstruation negativ gegenüber, 70 Prozent der Jungs finden das Thema unwichtig und peinlich. Zwar fühlen sich 80 Prozent der Mädchen ausreichend informiert, eine Befragung zeigt aber massive Wissensmängel.

Doch Fakt ist: Regelschmerzen sind für Schüler*innen Alltag. Jedes dritte Mädchen leidet unter Krämpfen, viele haben Kopfschmerzen, übergeben sich regelmäßig vor Schmerz oder werden ohnmächtig. John Guillehand, ein in London tätiger Forscher, fand in einer Untersuchung sogar heraus, dass die Schmerzen bei der Regel denen eines Herzinfarkts ähnlich sein können. Außerdem weist er darauf hin, dass die Erkenntnisse über die Menstruation vergleichsweise dünn sind und sich erst wenige Forscher*innen eingehend mit ihr beschäftigt haben. Wenn es sich um ein männliches Phänomen handeln würde, wäre das wahrscheinlich anders, gibt der Wissenschaftler zu bedenken.

Neue Öffentlichkeit

Dennoch: Es tut sich was in Sachen Menstruation. Nicht nur die US-amerikanische Youtuberin Ingrid Nilsen thematisiert sie öffentlichkeitswirksam, auch die bekannte indisch-kanadische Lyrikerin Rupi Kaur entfacht mit einem auf Instagram geposteten Foto, dass sie im Bett liegend mit einem Blutflecken zwischen den Beinen zeigt, eine heiße Diskussion in den sozialen Medien. Kiran Ghandi läuft den London Marathon am ersten Tag ihrer Periode und verzichtet dabei auf Tampons oder Binden. Die Bilder gehen um die Welt, Spott und Häme setzen ein. Die Aktion, mit der die junge Frau auf das Tabuthema aufmerksam machen wollte, zeigt jedoch ganz deutlich, dass noch immer Handlungsbedarf besteht. Abgesehen davon werden in letzter Zeit vor allem auch gesundheitliche und ökologische Fragen thematisiert. Fragwürdige Inhaltsstoffe in Tampons und Binden können nicht nur ein gesundheitliches Risiko darstellen, sie sind auch – gerade wenn sie in das Kanalsystem gelangen – ein ökologisches Disaster. Deshalb wird vermehrt für Biobinden und Biotampons geworben, aber auch wiederverwendbare Menstruationstassen und –kappen, oder verstärkte Unterwäsche, die ein sogenanntes Free-Bleeding erlaubt, werden immer beliebter. Um das Wissen rund um die Periode zu stärken hat die schon zuvor genannte  „Erdbeerwoche“ eine Online-Plattform gestartet, die über Wissenswertes rund um die Regelblutung aufklärt und die Möglichkeit bietet, seine Kenntnisse zu testen und etwas dazuzulernen – egal ob als Mann, oder als Frau: www.ready-for-red.at/start/

Von Franziska Windisch
Am
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