Meine Accounts und Ich

Aaron Brown und Curtis Wallen, das sind zwei verschiedene Personen. Oder eigentlich nicht. Curtis Wallen arbeitete als Assistent einer New Yorker Künstlerin, als er sich dazu entschlossen hat, eine neue Identität zu erschaffen - einen Menschen, den es nur im Internet gibt. Damit er selbst anonym bleiben kann, wurde Aaron Brown geboren.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Das erforderte einiges an Anstrengung. Denn die Erschaffung Aaron Browns musste anonym erfolgen. Zuerst sollte Aaron Brown ein Gesicht bekommen: Sein Schöpfer fügte einzelne Gesichtsteile seiner Mitbewohner*innen zusammen und kreierte so einen neuen Menschen. Im Deep-Web, einem verschlüsselten Teil des Internets, besorgte Cutis Wallen dann um ein paar Bitcoins unter anderem Führerschein, Kabelrechnung und Autoversicherungskarte. Um die künstlich geschaffene Online-Identität aufrechtzuerhalten, musste die Identität Aaron Browns aber nicht nur auf dem Papier bestehen, Aaron musste auch interagieren. Zum Beispiel mittels eines Twitter-Accounts: twitter.com/aaronbrown216

Ich, Ich und wieder Ich

Das Internet eröffnet Gestaltungsraum für digitale Identität. Wer wir online sind, das ergibt sich durch die digitalen Spuren die wir hinterlassen, die Nachrichten, die wir schreiben, die Ortsangaben, die wir machen, oder die Produkte, die wir kaufen. Online wie offline schlüpfen wir - je nachdem in welcher Situation wir uns befinden - immer wieder in andere Rollen. Unser privates Ich unterscheidet sich von unserem beruflichen, in der Familie sind wir häufig anders, als im Freundeskreis oder in unseren Liebesbeziehungen. Im Internet ist das ein wenig anders. Zwar befinden wir uns auch hier im ständigen Modus von Zustandswechseln. Das private Ich wird im Internet aber öffentlich, merkt Sarah Mönkeberg, Soziologin der Universität Kassel, an. Googeln wir unsere Namen, dann erscheint jegliche Spur, die wir im Internet hinterlassen. Das was wir vor langer Zeit veröffentlicht haben, ist immer noch online, Selbst- und Fremdzuschreibungen vermischen sich und die eigene Kontrolle über das Bild, das sich von uns im Internet darstellt, wird schwindend gering.

Das Selfie als Versuchslabor

Gerade Jugendliche beschäftigen sich explizit mit ihrer Identität. Die Frage nach dem “Wer bin ich?” ist immerzu präsent. Um Identität herzustellen braucht es aber immer auch einen sozialen Kontext. Social Media bietet in diesem Zusammenhang einen Raum zum Austausch und Feedback. Wer ein Selfie postet, probiert sich aus, inszeniert sich und testet Identitätsentwürfe. Viele Likes sind  dabei Bestätigung. Um sich selbst zu definieren, ist es wichtig mit wem man befreundet ist und von wem man sich unterscheidet. Die Meinung von Peer-Groups ist bei Jugendlichen besonders wichtig. Im Regelfall bietet das Internet aber eine Verlängerung bereits bestehender Kontakte. Die Online- und Offlinewelt stehen miteinander in Beziehung.

Anonymität als Chance

Doch diese Verschränkung ist vielen nicht bewusst. Internetnutzer*innen posten freizügige Bilder, die auch dem/r Arbeitgeber*in nicht entgehen oder sie breiten ihre Meinung aus, ohne daran zu denken, dass das was sie posten, für alle ersichtlich ist und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf sie zurückfallen kann.  Unter Pseudonymen, also Fake-Namen, erhofft man sich ein Trennen der einzelnen Rollen. Das kann oftmals Vorteile haben: Whistleblower haben es leichter korrupte Machenschaften an die Öffentlichkeit zu bringen und Personen, die sonst nicht Gehör finden würden, die in Ländern wohnen, in denen es keine Meinungsfreiheit gibt, fühlen sich sicherer. Der Wunsch, dass persönliche Informationen nicht in aller Ewigkeit in der Hand von Internetkonzernen liegen, ist mehr als verständlich. Doch die Geschichte der Doppel-Identität von Curtis Wall zeigt, welch große Anstrengungen tatsächliche Anonymität erfordert.

Schau mir in die Augen

Die vermeintliche Anonymität birgt aber auch Gefahren. Egal ob unter Klarnamen oder mittels Pseudonym, viele Internetnutzer*innen trennen klar zwischen ihrem Online- und ihrem Offline-Ich. Sie wägen sich in Sicherheit, dass das, was sie online von sich geben nichts mit dem Menschen zu tun hat, der sie offline sind. Von aggressiven und rücksichtslosen Kommentaren bis zu strafrechtlich relevanten Drohgebärden, all das wird tagtäglich in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Die Hemmschwelle andere Menschen zu beleidigen ist im vermeintlich abgetrennten digitalen Raum viel niedriger. Grund dafür ist vor allem die Unsichtbarkeit der einzelnen Akteur*innen. Oft wird nicht mitbedacht, dass auch hinter anderen Nutzer*innen eine reale Person steht und im Netz gibt es oftmals keine direkte Reaktion auf den abfälligen Kommentar. Studien bestätigen, dass fehlender Augenkontakt dazu führt, dass Gesprächspartner*innen respektloser interagieren. Besseres Communitymanagement in Onlineforen, Rechtssicherheit in sozialen Netzwerken aber auch bessere Medienbildung bei Jugendlichen können jedoch helfen, das Internet zu einem angenehmeren Raum zu machen.

Von Franziska Windisch
Am
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