Medizin und das Kreuz mit den Aufnahmetests

Immer wieder sorgte das Aufnahmeverfahren für das Medizinstudium in Österreich in den letzten Jahren für Furore in den Medien: Zunächst kam die Quotenregelung für EU Student*innen aufgrund der hohen Bewerbungsquoten aus Deutschland, die erst kürzlich durch die EU Kommission abgesegnet wurde. Dann gab es nach der Einführung des MedAT Aufnahmetests Probleme wegen der statistisch starken Unterschiede in der Leistung von Männern und Frauen, die es in Ländern mit vergleichbaren Aufnahmeverfahren nicht gab. Kurz und gut: Es ist noch ein bisschen eine Baustelle. Das muss per se nichts Schlechtes sein, da Baustelle impliziert, dass daran gearbeitet wird. Aber wie sah es früher aus? Und was hat sich seitdem getan? Wir haben uns das einmal genauer angesehen und uns dabei gleich mit drei Medizin- und Exmedizinstudentinnen unterhalten, die ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 13 Min

Wien in den 90ies

Vor 20 Jahren war der Zugang zum Medizinstudium in Österreich weitgehend uneingeschränkt. Es gab keine Aufnahmeprüfung und keine Platzbeschränkung. Entsprechend riesig war der Andrang. Andrea, die damals in Wien Medizin studiert hat, dazu:

„Die ersten Lehrveranstaltungen im ersten Abschnitt waren völlig überlaufen. Wir sind in den Vorlesungen auf den Stufen und am Gang gesessen. Die Matrikelnummer hat damals eine Rolle bei der Verteilung der LV-Plätze gespielt, deshalb haben einige meiner Kolleg*innen die Nacht vor dem Start der Immatrikulationsfrist vor der Uni verbracht. Das war mir dann doch zu viel.“

 Aber wie konnte unter diesen Umständen jemals wer fertig werden? Wie wurde die Uni dem Andrang Herr? Auf der einen Seite waren da die Drop-Out-Prüfungen:

„Physik und Chemie waren ganz am Anfang des Studiums und waren extrem schwierig. Multiple Choice Prüfungen mit 4 oder 5 Antwortmöglichkeiten, die sich kaum unterschieden haben. Die Durchfallquote war riesig. Ich habe für Chemie drei Antritte gebraucht – hätte ich es da nicht geschafft, wäre es das gewesen.“

 Das war aber nicht der einzige Mechanismus zur Begrenzung der Student*innenzahlen:

„Bis auf wenige Ausnahmen war der ganze erste Abschnitt darauf ausgelegt, so anstrengend wie möglich zu sein. Und sogar die Ausnahmen, wie Anatomie und der Sezierkurs, waren quasi Filter. Ich fand den Sezierkurs zwar total spannend, aber ich kann mich an Kolleg*innen erinnern, die beim Anblick der ersten Leiche einfach gegangen sind. Generell wurden aber alle Fächer, die zwar zum Arztsein dazugehören, aber die man jetzt nicht klassisch mit dem Dasein als Arzt verbindet, ganz an den Anfang gelegt. Das hat schon einigen die rosarote Brille aus dem Gesicht gehaut. Eine Freundin von mir, die etwas weiter war, meinte immer zu mir, ich soll durchbeißen, weil das richtige, spannende Medizinstudium beginnt dann im zweiten Abschnitt.“

Und das scheint durchaus funktioniert zu haben:

„Nach den großen Drop-Out-Prüfungen war in den Hörsälen auf einmal jede Menge Platz. Also das Ziel wurde erreicht. Ich glaube halt, dass auf die Art sehr viele Leute geflogen sind, die großartige Ärzt*innen geworden wären. Das ist schon bitter.“ 

Wien heute

Seitdem hat sich viel getan. Die Anzahl von Student*innen, die in Österreich zum Medizinstudium zugelassen werden, ist jedes Jahr fix vorgeschrieben – 2018 waren es 1680. Drei Viertel davon gehen an Österreicher*innen, 20% an Student*innen aus anderen EU Ländern und 5% an Bewerber*innen außerhalb der EU. Im Schnitt gibt es zehnmal so viele Bewerber*innen wie Plätze. Wer die glücklichen 10% sind, die zugelassen werden, entscheidet der MedAT – der Aufnahmetest für das Medizinstudium. Daniela, die zur Zeit Medizin in Wien studiert dazu:

„Ich habe die Aufnahmeprüfung beim 2. Antritt geschafft. Hätte es da nicht geklappt, hatte ich überlegt mich auch in Deutschland zu bewerben, weil ich die Schule mit einem sehr guten Notendurchschnitt abgeschlossen habe. Allerdings war ich eigentlich der festen Überzeugung, dass ich es in Wien reinschaffe, wenn ich genug Anstrengung in die Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung stecke.“

Der MedAT besteht zu 40% aus naturwissenschaftlichen und mathematischen Fragen. Chemie und Physik sind also immer noch prominent an der Auswahl der künftigen Ärzt*innen beteiligt. Der Rest ist allerdings differenzierter: Weitere 40% machen kognitive Fragestellungen aus – also grob gesagt das, was einen bei einem Intelligenztest erwarten würde. Der Rest ist aufgeteilt in Textverständnis und soziale Interaktion. Das deckt jedenfalls zumindest theoretisch mehr Facetten des ärztlichen Alltags ab, als die Drop-Out-Prüfungen von früher. Daniela auf die Frage, ob sie den MedAT eher als Eignungstest oder als Drop-Out-Prüfung sieht:

„Das ist eine schwierige Frage und war auch schon öfter Diskussionsthema in meinen Freundeskreisen. Ich würde sagen: sowohl als auch. Die Aufnahmeprüfung für Humanmedizin besteht ja aus einem Wissensteil, einem kognitiven Teil, Textverständnis und einem Teil, der sozioemotionale Kompetenzen abprüfen soll. Insbesondere der letzte Teil ist für mich sehr fragwürdig. Ich zweifle eher daran, dass man mit einer schriftlichen Prüfung wirklich erfassen kann, ob jemand im echten Leben empathisch reagieren kann. Auch bei einigen kognitiven Untertests bin ich skeptisch, ob sie mich im Medizinstudium weiterbringen. Da ist es einfach unfair, dass viele Teilnehmer, die bestimmt Potential hätten, gute Ärzte zu werden, es nicht schaffen, weil sie nicht mit dem System der Aufnahmeprüfung klarkommen. Durch die Vorbereitung auf den MedAT habe ich aber sicher gelernt, wie man riesige Stoffmengen so lernt, dass man sie auch gleichzeitig an einem Tag abrufen kann. Man lernt auch gerade beim Wissensteil auszusieben, welche Informationen wichtig und welche zu sehr Detailwissen sind. Diese Dinge sind bestimmt nicht unwichtig, wenn man Medizin in Wien studieren möchte, da das Studium hier ja so aufgebaut ist, dass jedes Jahr mit einer großen Abschlussprüfung beendet wird und da auch große Stoffmengen abgefragt werden. Zusammengefasst würde ich sagen, dass die Aufnahmeprüfung zum Großteil eine Drop-Out-Prüfung ist, aber zu einem kleinen Teil auch ein Eignungstest. Allerdings zeigt sie weniger, wer ein guter Arzt wird, sondern mehr, ob man mit dem Studiensystem zurechtkommt. Außerdem ist der MedAT bestimmt die größte Hürde des Medizinstudiums.“

 Darüber, ob der MedAT also wirklich die besten Leute für den Job findet, kann und soll weiter gestritten werden. Seinen Zweck in Sachen Begrenzung der Student*innenzahl erfüllt er jedenfalls. Daniela dazu:

„Durch den Drop-Out beim MedAT gibt es keine Platzprobleme. Man wählt jedes Semester eine Kleingruppe und hat dann mit denselben 10 Leuten ein Semester lang seine Seminare und Praktika. Klarerweise gibt es jedes Semester bessere Kleingruppen mit angenehmeren Profs. Da läuft es am Tag der Kleingruppen-Anmeldung ähnlich wie in anderen Studien ab, und alle sitzen um 9:00 vor dem PC und hoffen, dass ihr Internet das Schnellste ist und man sich seine Lieblingskleingruppe aussuchen kann. Aber schlussendlich ist es so, dass man auf jeden Fall einen Platz in einer Kleingruppe hat und somit seinen Platz in allen Pflichtveranstaltungen.“

Und wie ist es in Deutschland?

Was hat das Aufnahmeverfahren in Österreich mit Deutschland zu tun? Zumindest historisch betrachtet eine Menge. In Deutschland ist die Zulassung zum Medizinstudium seit je her streng reglementiert. Nur eine klar begrenzte Zahl – der sogenannte Numerus Clausus (lateinisch in etwa für „geschlossene Anzahl“) - von Bewerber*innen wird jedes Jahr zugelassen. Wer es schafft, entscheidet zwar jede Uni individuell, eine große Rolle spielen bei allen dabei jedoch Schulnoten. Steffi, die in München Medizin studiert dazu:

„Das zentrale Thema beim Numerus Clausus ist der Notendurchschnitt. An verschiedenen Unis werden zwar noch unterschiedliche Kriterien einbezogen, aber der Notenschnitt ist auf jeden Fall bei der Bewerbung das Wichtigste. Seine Chancen kann man sich dann noch durch den TMS (ein Test, der unserem MedAT ähnelt) oder durch das Absolvieren von bestimmten Ausbildungen wie beispielsweise Krankenpflege "aufbessern". Früher hat man nach 7 Jahren Wartezeit auf jeden Fall einen Platz bekommen, aber das wurde dieses Jahr abgeschafft.“

Das Interessanteste am freiwilligen TMS ist, dass er die Aufnahmechancen nur verbessern kann. Negatives Abschneiden fließt nicht in die Bewertung ein - nur positives. Ein komplett versemmelter TMS ist also kein Hindernis für eine medizinische Karriere.

Dieser Numerus Clausus hat Österreich jedenfalls für deutsche MedizinStudent*innen in spe zu einem Dorado gemacht. Es gibt keine Sprachbarriere, keine Studiengebühren und eine grundsolide Ausbildung. Und das auch bei mauen Schulnoten. Der Zulauf aus dem doch sehr viel größeren Nachbarland war beachtlich. So beachtlich, dass Expert*innen Alarm schlugen, dass die Grundversorgung mit Ärzt*innen in Österreich in Gefahr sein könnte, da etwa 80% der Deutschen, die in Österreich Medizin abschließen, dann wieder nachhause gehen. Die Lösung war die heutige Quotenregelung, die damals streng genommen gegen EU Recht verstieß, aber die kürzlich von der europäischen Kommission als notwendig anerkannt wurde.

Wieso hat es dann die Wienerin Steffi gegen den Strom nach Deutschland gezogen?

„Der MedAT ist sich bei mir nicht ausgegangen. In München hatte ich mich parallel im Juli beworben und bin dank guter Noten über den Numerus Clausus reingekommen. Ich wollte nicht warten und habe dann auch dank der Unterstützung meiner Eltern den Studienplatz in München annehmen können.“

Der Numerus Clausus wurde übrigens kürzlich vom deutschen Verfassungsgericht als teilweise verfassungswidrig beurteilt und muss nun komplett umgearbeitet werden. Die Zulassung zum Medizinstudium ist also hüben wie drüben eine Baustelle. Bleibt zu hoffen, dass weiter eifrig dran gearbeitet wird.

Von Gregor Schwayer
Am
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