Lebenserwartung wie im Gazastreifen

Wir werden immer älter. Während vor 100 Jahren Menschen durchschnittlich 45 Jahre alt waren, liegt die Lebenserwartung in Österreich mittlerweile bei über 80 Jahren. Das ist in jedem Fall ein Grund zur Freude – unsere medizinische Versorgung hat sich extrem weiterentwickelt, manche Krankheiten, die früher einem Todesurteil gleichkamen, gehören heute der Vergangenheit an. Doch wie alt man wird, das ist nicht nur Glückssache oder abhängig vom individuellen Genpool, zu einem großen Teil ist es auch eine Frage des Geldes und des ganz persönlichen sozialen Netzes.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Was hält einen Menschen gesund? Das sind viel Bewegung, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und ein intaktes soziales Umfeld. Simpel ausgedrückt: ein glückliches Leben. Denn Untersuchungen bestätigen immer öfter den Zusammenhang zwischen psychologischen Stressfaktoren, die sich auf das Immun- und Herz-Kreislaufsystem auswirken, und gesellschaftlichen Vorbedingungen, wie geringerem Ansehen, mangelnden Freundschaften oder Erfolgsdruck in jungen Jahren. Ist man in einer ausweglosen Stresssituation, die längerfristig andauert, erhöht sich das Krankheitsrisiko. Der Körper reagiert, in einem dauerhaften Alarmzustand stehend, mit erhöhtem Energieaufwand. Dieser kann in weiterer Folge zu Adipositas, chronischer Verengung von Blutgefäßen, Bluthochdruck, Wachstumsstörungen, Verdauungsproblemen oder zur Zerstörung von Neuronen führen. Dazu kommt Schlafmangel, der sich bei gestressten Menschen häuft, und diese Krankheitsbilder noch weiter verstärken kann.

Arm und krank

Doch wer sind die Menschen, die aufgrund sozialer Bedingungen häufig krank werden, oft sogar unterdurchschnittlich früh sterben und wo leben sie? Ein Stadtteil, der mediale Aufmerksamkeit erlangt hat, ist Calton im schottischen Glasgow. Das triste Industrieviertel war früher für seine Webereien bekannt. Mittlerweile zeugt wenig von der ehemals blühenden Wirtschaft: Die Arbeitslosenrate ist hoch und der Anteil an Bewohner*innen, die Invaliditätsgeld beziehen, liegt bei über 40 Prozent. Durchschnittlich 54 Jahre alt werden die Bewohner*innen des Viertels und sterben damit früher als Menschen, die im Gazastreifen oder in Teilen des Iraks leben. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Landes liegt im Vergleich dazu bei 78 Jahren. In Calton sind die Einkommen niedrig, die Bildungschancen stehen schlecht. Das führt zu Teenagerschwangerschaften, zu Kriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch und letztendlich auch zu ungesunden Menschen.

Aber nicht nur Großbritannien sieht sich mit diesem Problem konfrontiert, auch der deutsche Gesundheitsbericht offenbart, dass es Krankheiten gibt, die stark an den sozialen Status gekoppelt sind. Zum einen schätzen Deutsche, die über einen niedrigen sozio-ökonomischen Status verfügen, ihr eigenes gesundheitliches Wohlbefinden tendenziell schlechter ein als Bürger*innen mit höherem sozio-ökonomischen Status. Zum anderen zeichnet sich in den Statistiken auch praktisch ab, dass Armut und Krankheit oft untrennbar miteinander in Zusammenhang stehen. Personen mit geringerem Einkommen und niedrigerem sozialem Status zeigen außerdem ein schlechteres Gesundheitsverhalten. Sie wissen wenig darüber, was gesund ist und wie man ein gesundes Leben führt. Deshalb rauchen sie öfter, bewegen sich seltener und ernähren sich schlechter. Davon abgesehen nehmen sie unregelmäßiger an Diabetikerschulungen teil und sind weniger aktiv in der Krebsvorsorge – all das Faktoren, die insgesamt zu einer niedrigen Lebenserwartung führen.

Was schafft Glück

Die Tatsache, dass Gesundheit in der Bevölkerung ungleich verteilt ist, liegt derzeit im Fokus zahlreicher Forschungsarbeiten. Während geringe Einkommen oftmals als Grund für schlechte Gesundheitswerte genannt werden, suchen Wissenschaftler*innen immer häufiger nach anderen Erklärungsmustern. Denn – so lautet die Kritik – ab einem gewissen Punkt spielt der absolute Reichtum eines Landes, ja sogar sein Gesundheitssystem, nur eine nebensächliche Rolle. Viel wichtiger ist es, sich anzusehen, wie Einkommen im jeweiligen Land verteilt ist. So haben sehr wohlhabende Staaten mit großen Differenzen zwischen armer und reicher Bevölkerung wie zum Beispiel die USA oder Großbritannien schlechtere Gesundheitswerte, als Staaten wie Norwegen, Schweden, aber auch Japan, die mehr Wert auf Gleichverteilung von Einkommen legen. Denn dort, wo die Menschen das Gefühl haben fair behandelt zu werden, vertrauen sie auch ihren Mitmenschen häufiger. Freundschaften können uns davor schützen, pausenlos an uns selbst zu zweifeln. In den USA haben Studien gezeigt, dass Menschen aus Regionen, in denen die Vereinsdichte hoch und somit die Kooperation der Bewohner*innen untereinander groß ist, eine tendenziell höhere Lebenserwartung haben. Die Umverteilung - so eine nicht unumstrittene These - führe aber nicht nur zu weniger Krankheiten in ärmeren Familien, sondern wirke sich auch positiv auf Bessergestellte aus. Denn auch sie leiden unter dem ständigen Konkurrenzkampf und der stetigen Angst abzusteigen, die sich in ungleicheren Gesellschaften häuft.

Eines ist jedenfalls sicher: Wer lange leben möchte, dem ist zu empfehlen, nicht nur auf seinen Körper zu achten, sondern auch seine Beziehungen ausgiebig zu pflegen.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 7 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.