Kränkelst du schon oder impfst du noch?

Alle Jahre wieder… Impfungen sind schon seit Jahren weltweit ein Diskussionsthema. Wie auch jetzt gerade, wo über eine österreichweite Impfpflicht debattiert wird. Immer wieder stellt man sich die Frage, ob es so manche Krankheiten heute nicht mehr gäbe, wären wir alle geimpft.

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 7 Min

Der italienische Politiker der rechtsextremen Lega-Nord-Partei, Massimiliano Fedriga ist einer der bekanntesten Impfgegner des Landes. Unter anderem setzt er sich aktiv dafür ein, dass die neue Impfpflicht für Kinder, die es Schüler*innen verbietet, ungeimpft die Schule zu besuchen, nicht zustande kommt. Anfang dieses Monats musste er selbst das Krankenhaus aufsuchen. Der Grund: Er hat sich mit Masern angesteckt, einer Krankheit, die heutzutage mit einer Impfung zu vermeiden wäre. Daraufhin erntet er neben seinem Hautausschlag Hatenachrichten und Kritik via Twitter.

 

Doch, wie kommt man überhaupt auf das Impfen? In China erkannte man schon im Jahre 1000, dass man, nachdem man einmal die Pocken hatte, immun gegen eine weitere Erkrankung war. So begann man, Kleinkindern die Krankheitserreger künstlich zu verabreichen, um sie im Erwachsenenalter vor der Krankheit mit massiveren Auswirkungen zu schützen. Die Risiken und Nebenwirkungen, die diese Impfung damals mit sich trug, könnte man sich heute nicht mehr vorstellen, aber nachdem Kindersterblichkeit- und Krankheitsraten früher viel höher als heute waren, zahlte sich eine Impfung samt ihren möglichen Nebenwirkungen trotzdem aus und rettete vielen Chines*innen das Leben. Nachdem man Impfungen im 18. Jahrhundert nach Europa brachte, blieb der Erfolg für diese erstmal aus – die Nebenwirkungen waren zu extrem. Darauf folgten immer wieder Versuche, Impfungen sicher auf den Markt zu bringen. In den 1950er und 1960er Jahren wurden schließlich die ersten großen Werbekampagnen gestartet. Die Impfung gegen Polio, auch bekannt als Kinderlähmung, wurde zum Beispiel in Europa und den USA beworben, was dazu führte, dass die Zahlen an Erkrankten massiv zurückgegangen sind. 1967 rief die Weltgesundheitsorganisation, WHO, dazu auf, die Krankheit Pocken komplett auszurotten, was 1980 auch gelungen sein soll. Im selben Jahr, wurden auch weltweite Impfprogramme eingeführt, die das Ziel haben, so viele Krankheiten, wie möglich zu bekämpfen. Mit der Zeit entstehen, neben den bekanntesten gegen FSME, Hepatitis A und B, Polio, Influenza oder Mumps, auch immer wieder neue Impfungen.

 

Auf der Internetseite impffrei.at werden Theorien gesponnen, wieso Impfungen Schaden bringen könnten. Die Betreiber*innen des Blogs und viele Impfkritiker*innen bezeichnen Impfungen als einen Grund für das verstärkte Entstehen von Krankheiten wie Diabetes, ADHS oder Neurodermitis. Impfungen seien ein Geschäft der Pharmaindustrie und keiner außer ihnen wüsste, was tatsächlich Inhaltsstoffe einer Impfung seien. Unter der Kategorie Berühmte Impfkritiker findet man eine Liste von Ärzt*innen, Biolog*innen oder Soziolog*innen und anderen bekannten Personen, die öffentlich gegen das Impfen auftreten. Unter anderem befindet sich auch US-Präsident Donald J. Trump auf dieser Liste, der nachdem die Impfpflicht in Kalifornien eingeführt wurde, twitterte: Healthy young child goes to doctor, gets pumped with massive shot of many vaccines, doesn't feel good and changes - AUTISM. Many such cases! (Deutsch: Gesundes, junges Kinder geht zum Arzt, bekommt massive Spritzen vieler Impfstoffe, fühlt sich danach nicht mehr so gut und verändert sich – AUTISMUS. Viele solcher Fälle!)

 

Dass Autismus und Impfungen einen Zusammenhang haben sollen, wurde in dem 2016 erschienenen Dokumentationsfilm Vaxxed: From Cover Up to Catastrophe, der der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC vorwirft, den Zusammenhang zwischen der Dreifach-Impfung MMR (Masern, Mumps und Rötel) und der Entstehung von Alzheimer bei Kindern verschwiegen zu haben, propagiert. Die Gesundheitsbehörde soll von dem hohen Erkrankungsrisiko gewusst und dieses bewusst ignoriert haben. Außerdem soll es Zahlen gegeben haben, die den Zusammenhang beweisen sollten. Auch der Hollywood-Schauspieler Robert De Niro, der selbst einen an Autismus erkrankten Sohn hat, setzte sich dafür ein, dass der Film auf dem Tribeca Film Festival 2016 seine Premiere feiern soll. Aufgrund von Protesten und Widerlegungen wurde die Dokumentation letztendlich doch nicht auf dem Filmfestival gezeigt. Außerdem fand man heraus, dass die Behauptungen, die Andrew Wakefield aufstellte, widerlegt wurden. Dennoch bewirkte Wakefields Theorie, die er auch schon in einem Artikel verbreitete, dass sich weniger Menschen impfen ließen. Daraufhin wurde dem Arzt untersagt, seinen Beruf weiterhin auszuüben. Noch bevor die Dokumentation offiziell widerlegt wurde, kritisierten viele die einseitigen Argumente des Films und den Fakt, dass wissenschaftlich nicht sauber gearbeitet wurde. Auch wenn die Theorien von Wakefield sich als falsch herausstellten, führte Vaxxed zu vermehrten Diskussionen und vermehrten Impfskeptiker*innen.

Gibt es jetzt Nebenwirkungen, die man beim Impfen spüren kann? Impfungen sind präventive Medikamente, dadurch haben sie weniger Nebenwirkungen als Medikamente, die man nimmt, wenn man bereits krank ist. Zum Beispiel ist das Risiko von Nebenwirkungen bei der Einnahme von Viagra oder der Pille höher. Die häufigsten Nebenwirkungen, mit denen nach bei einer Impfung konfrontiert sieht, sind leichtes Fieber in einem von sechs Fällen oder ein Hautausschlag in einem von zwanzig Fällen. Heutzutage kennen die meisten von uns Krankheiten wie Polio oder Meningitis nicht mehr, da der Großteil der Menschen in unserem Umfeld geimpft ist und viele dieser Krankheiten fast ausgerottet wurden. Und wie kommt es dazu, dass Menschen, die nicht geimpft sind, kein Polio oder FSME bekommen? Das liegt mitunter an der Massenimmunität, die dafür sorgt, dass Krankheiten nicht verbreitet werden, da der/die Durchschnittsbürger*in durch ihre/seine Impfung Durchschnittsbürger*innen vor Ansteckungen schützt. Doch die Folgen der steigenden Impfskepsis werden immer klarer erkennbar. Die Anzahl der Masern-Erkrankten hat sich 2018 im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise verdoppelt.

Von Natalia Anders
Am
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