Kann man vom Küssen schwanger werden?

Montag, 11 Uhr, Biologiestunde. Heute steht weder Photosynthese noch der Aufbau einer Zelle am Lehrplan, sondern „Aufklärung“. Die Stimmung im Klassenzimmer ist angespannt. Seite 56 im Biologiebuch. Frau Professor Gruber* versucht ihrer Klasse mithilfe der abgebildeten Tabelle eine Übersicht über die aufgelisteten Verhütungsmethoden zu verschaffen und zählt auf, was es da alles so gibt. Pille, Kondom, Kupferspirale, Diaphragma… Einige Schüler*innen kichern, die meisten schauen verlegen die Wand an und hoffen, nicht drangenommen zu werden. 11:50 Uhr, die Glocke läutet, Frau Professor Gruber* verlässt die Klasse und ist froh, dieses Thema hinter sich gebracht zu haben. So habe jedenfalls ich den “Aufklärungsunterricht” an meiner Schule in Erinnerung. Doch warum fällt es uns eigentlich so schwer, offen über Verhütung und Sex zu reden, obwohl das Thema so präsent in unserem Leben ist?

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 6 Min

Oskar:
Also ich finde, Verhütung ist ein absolutes Muss, wenn man mit fremden und mehreren Menschen sexuellen Kontakt hat. Generell sollte über Verhütung mehr und offener gesprochen werden. Ich habe auch schon von der Pille für den Mann gehört aber soweit ich weiß, ist diese nach heutigem Stand noch nicht ausgereift und führt teilweise dazu, dass der Mann beim Sex nicht kommen kann. (Anm. der Redaktion: Das stimmt nicht) Vasektomie ist für mich schlicht und weg ein No-Go zumindest in meinem Alter. Für mich sind Kondome dafür ein absolutes Muss, vor allem wenn man den/die Partner*in nicht gut kennt. Wenn er/sie darauf besteht, Sex ohne Kondom zu haben, sollte man bestenfalls verzichten oder als Alternative Oralverkehr haben, weil es keine wirklichen Studien gibt, die belegen, dass man sich durch Oralverkehr HIV infizieren kann. (Anm. der Redaktion: Das HIV-Virus kann übertragen werden, sobald Blut oder Menstruationsblut in den Mund gelangt. Quelle: hiv.at) Heißt aber trotzdem nicht, dass andere Krankheiten nicht übertragen werden können. Wenn ich längerfristig etwas mit einer Person habe, verlange ich aber schon, dass sie sich testen lässt, vor allem auch, weil es eh gratis ist und von der Krankenkasse übernommen wird.

 

Noah*:
Ich verhüte selbstverständlich immer. Als Mann natürlich mit Kondom, sonst habe ich mit keinen anderen Verhütungsmethoden Erfahrungen sammeln können. In der Schule haben wir im Biologieunterricht einmal das Thema „Familienplanung“ durchgemacht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass unsere Lehrerin nicht auf die verschiedenen Methoden eingegangen ist. Man hat lediglich die Begriffe „Kondom, Pille, Spirale etc.“ in einer Tabelle im Biologie-Buch gelesen. Dass die Pille beispielsweise nicht vor Geschlechtskrankheiten schützt, wurde uns nicht erklärt. Dass das Kondom die sicherste Verhütungsmethode war, stand dann irgendwo auf Seite 187 unten links. (Anm. der Redaktion: Kondome schützen nicht am sichersten vor einer Schwangerschaft.) Außerdem wurden Verhütungsmethoden bei gleichgeschlechtlichem Sex in der Schule nicht besprochen. Gott sei Dank hat das Internet da geholfen. Ich habe 99 Prozent meines Wissens aus dem Internet, vielleicht ein Prozent aus der Schule. Finde ich aber auch nicht schlecht, wichtig ist nur, dass man sich informiert. Es gibt aber auch Leute, die sich vielleicht nicht selbst informieren wollen oder gar nicht einmal wissen, was Verhütung ist.  Daher ist es besonders wichtig, über dieses Thema in der Schule zu reden.

 

Simone*:
Als ich begonnen habe, regelmäßigen Geschlechtsverkehr zu haben, habe ich nur mit dem Kondom verhütet. Einige Monate später bekam ich die Pille von meinem Frauenarzt verschrieben. Diese habe ich jedoch aufgrund einiger Nebenwirkungen wie zum Beispiel starker Stimmungsschwankungen (ich wurde sehr emotional und habe oft wegen Kleinigkeiten angefangen zu weinen, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht so bin) und Kopfschmerzen abgesetzt. Als es wirklich nicht mehr ging, bekam ich eine neue Pille, die genauso wenig mit meinem Körper harmonierte. Daraufhin verging mir die Lust, weiterhin hormonell zu verhüten und ich habe ein Jahr lang nur mit dem Kondom verhütet, was bei mir nie ein Problem war. Seit September 2018 muss ich aus gesundheitlichen Gründen wieder die Pille nehmen und habe bis dato auch keine Nebenwirkungen mitbekommen. Anstrengend kann es schon sein, immer den Pillenfilm dabei haben zu müssen und nie darauf vergessen zu dürfen. Das wird jedoch mit der Zeit auch zur Routine. Auf das Kondom verzichte trotzdem nie, schließlich schützt mich die Pille ja nur vor einer ungewollten Schwangerschaft. Andere Verhütungsmittel habe ich noch nie wirklich in Erwägung gezogen.

 

Sergej*:
Ich bin seit sieben Jahren mit meiner Freundin zusammen. Anfangs hat sie die Pille genommen und wir haben nie mit Kondom verhütet. Irgendwann hatte sie keine Lust mehr auf Hormone, daher ließ sie sich unter Schmerzen in einem kleinen operativen Eingriff eine Kupferkette einsetzen. Eine Kupferkette, wie sie eine hat, hält mehrere Jahre. Weil die Kette nun bald nicht mehr funktionstüchtig ist, kommen immer wieder Themen wie Familienplanung bei uns auf. In der Verhütungsfrage sind Frauen meiner Meinung nach definitiv gesellschaftlich benachteiligt. Die Diskussion findet in der Öffentlichkeit kaum statt und die längst angebrachten Verhütungsmethoden für den Mann sind noch nicht auf dem neuesten Stand der Forschung. Männer sollten sich definitiv an den Kosten verschiedenster Verhütungsmittel wie der Pille beteiligen, eigentlich auch abseits fester Partnerschaften. Außerdem muss das Thema Vasektomie stärker in den Fokus der Aufklärung rücken.

 

Elisabeth*:
Ich verhüte seit ich 18 Jahre bin, also seitdem ich mit meinem jetzigen Freund zusammengekommen bin. Mittlerweile sind wir auch schon seit vier Jahren zusammen. Ich sehe ihn jedoch nur selten, da wir eine Fernbeziehung führen und er nicht in Österreich wohnt. Mir hat die Pille vor allem bei Regelschmerzen geholfen und ich habe im ersten Jahr auch nur positive Erfahrungen gesammelt. Jetzt möchte ich aber langsam eine andere Methode ausprobieren, weil ich merke, dass ich viel emotionaler geworden bin. Ich habe aber auch irgendwie Angst, dass meine Regelschmerzen zurückkommen könnten. Ich bezahle derzeit alleine die Pille (30€ für eine Dreimonatspackung). Mein Freund will sich zwar auch daran beteiligen und die Kosten für die Pille aufteilen, aber da es mir derzeit finanziell besser geht als ihm, will ich ihn nicht mehr belasten. Kondome haben wir anfangs auch verwendet, aber irgendwann dann damit aufgehört.

 

*Der Name dieser Person wurde aus Wunsch auf Anonymität verändert.

Von Natalia Anders
Am
Lesezeit 6 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.