Japans langsame Kehrtwende in der Suizidprävention

Suizid in Japan rückte Anfang des Jahres 2018 weltweit ins Licht medialer Aufmerksamkeit, als der beliebte Youtuber Logan Paul am Neujahrstag einen Vlog aus dem japanischen Aokigahara Wald hochgeladen hatte, der auf sensationalisierende Weise den Körper eines Selbsttötungsopfers zeigte. Nach heftiger Kritik wurde das Video wieder gelöscht. Der Wald an sich ist, besonders in westlichen Medien, auch als „Suicide Forest” bekannt. Schilder auf den gekennzeichneten Wegen rufen dazu auf, andere Auswege zu suchen und an Familie und Freunde zu denken. Die tatsächliche Zahl der jährlichen Toten wird mit der Begründung, den Ort nicht weiter stigmatisieren zu wollen, nicht veröffentlicht. Der Aokigahara Wald ist jedoch nur eines der Symbole Japans hoher Suizidrate.

Von Marlene Liebhart
Am
Lesezeit 7 Min

Anlaufstellen in Krisensituationen finden Sie unter dem Artikel. Sollten Sie suizidale Gedanken haben, haben Sie keine Angst sich Unterstützung und Beratung zu suchen. Die Berater und Beraterinnen sind gerne für Sie da.

Japans hohe Suizidrate

Einen rasanten Anstieg in Selbsttötungen erfuhr das Land im Jahr 1998; waren im Vorjahr von 100.000 Einwohnern 18 durch Suizid gestorben, waren es in diesem knapp 24. Insgesamt also über 30.000 Fälle von Suizid. Ein schwerwiegender Grund dafür war die Wirtschaftskrise der späten neunziger Jahre und vor allem die damit einhergehende Arbeitslosigkeit von Männern mittleren Alters. Generell besteht bei arbeitslosen Menschen ein höheres Risiko. Mehr als die Hälfte der Suizide im Jahr 2013 passierten in dieser Gruppe. 2014 lag Japan laut Weltgesundheitsorganisation von allen Ländern, für die Zahlen zur Verfügung standen, weltweit an fünfter Stelle der höchsten Suizidraten. Erst 2012 sank die Statistik dank gezielter Gegenmaßnahmen durch die japanische Regierung und andere Institutionen wieder auf Werte, die mit denen vor der Wirtschaftskrise vergleichbar waren. Doch laut Umfrageergebnissen der Nippon Foundation aus dem Jahr 2016, hegt immer noch einer von vier Menschen in Japan ernsthafte Selbsttötungsgedanken.

Forscher und Forscherinnen nennen als Erklärung unter anderem kulturelle Faktoren. Anders als etwa in christlich geprägten Kulturen wird Suizid traditionell nicht als Sünde gesehen, gilt dadurch nicht unbedingt als schandhaft. Das Wohl der Gruppe über die eigenen Bedürfnisse zu stellen wird in Japan als Zeichen für guten Charakter gewertet. Gleichzeitig wird durch soziale Isolation derer, die sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln halten, die soziale Ordnung aufrecht erhalten. Der soziale Status einer Person überträgt sich dabei auch auf die Familie. Historisch gesehen galt etwa bei den Samurai die Selbsttötung als Möglichkeit, die eigene Ehre wiederherzustellen. In diesem Kontext wird Suizid manchmal immer noch für eine besonders extreme Form der Selbstaufopferung gehalten und dementsprechend glorifiziert. Leistungsdruck und extreme Überarbeitung führen so zum Beispiel zu erhöhten Suizidraten unter Schülern und Angestellten. Hinzu kommt, dass selbst einige Psychiater und Psychiaterinnen in Japan trotz ihres medizinischen Fachwissens manche Suizide immer noch als Akt der Selbstbestimmung basierend auf rationalen Gründen erklären. Und das, obwohl die Psychiatrie Suizidalität schon längst als behandelbares Symptom von zugrunde liegenden Problemen, häufig Depressionen oder Psychosen, erkannt hat.

Das Nachahmungsprinzip

In den Medien und in der Literatur kommt diese Einstellung ebenfalls zu tragen.

So bekam der Aokigahara-Wald seinen Ruf als Suizidstätte in den Fünfzigerjahren durch das Buch „Der Wellenturm“ von Matsumoto Seichō. Durch Verknüpfung mit einer tragischen Liebesgeschichte wurde darin eine Selbsttötung im Wald am Fuß des Fuji-Berges romantisiert. Das Buch „Schwarzes Meer aus Bäumen“ desselben Autors drei Jahre später trug weiter zur hohen Zahl der Suizide an diesem Ort bei.  

Ebenfalls signifikant ist der sogenannte "Werther Effekt" Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass nach Medienberichterstattung über Suizid die Selbsttötungsrate durch Nachahmungsfälle signifikant ansteigt. Eine Studie zeigt, dass zum Beispiel die Nummer der Suizide um etwa sieben Prozent zunimmt und dieser Effekt etwa sieben Tage anhält, nachdem über Suizide prominenter Persönlichkeiten berichtet wurde. Für etwa 20 Tage nach solchen Berichten bleibt die Zahl weiterhin erhöht.

Investition in Gegenmaßnahmen

Die Weltgesundheitsorganisation bietet Empfehlungen zur verantwortungsvollen Suizidberichterstattung, die im besten Fall sogar dazu führen kann, dass Fälle von Selbsttötung durch Enttabuisierung und Aufklärung über Unterstützungsmöglichkeiten zurückgehen. Dies ist auch als "Papageno Effekt" bekannt.  Grund zur Hoffnung in Japan bietet eine Studie, die annehmen lässt, dass sich die Art der Berichterstattung über Selbsttötung in japanischen Medien leicht verbessert hat. Die Autoren weisen aber dennoch darauf hin, dass es sinnvoll wäre, Medienvertreter zum besseren Umgang mit Suizidberichterstattung zu schulen.

Nachdem 2006 das Parlament Japans Grundverordnung zur Suizidprävention beschloss, hat sich vieles getan. Seit 2009 werden mit einem eigens zu diesem Zweck eingesetzten Fonds lokale Präventionsaktivitäten und Aufklärungskampagnen finanziert, 2010 wurde der März zum nationalen Monat der Suizidprävention erklärt. Selbsttötungen von Männern mittleren Alters und Pensionisten sinken seitdem merklich. Und wie die Regierung 2017 bekannt gab, soll in den nächsten zehn Jahren die Suizidrate durch gezielte Maßnahmen um weitere 30 Prozent reduziert und damit auf ein Level mit anderen High-Income Ländern wie Deutschland oder den USA gebracht werden.

Anlaufstellen in Krisensituationen:

Österreich:

Unter www.suizid-praevention.gv.at finden Menschen in Krisensituationen und Angehörige Notfallkontakte und Erste-Hilfe-Tipps für ihre Bundesländer.

Telefonseelsorge: Telefon-, Mail- oder Chatberatung rund um die Uhr unter der Nummer 142 oder unterwww.telefonseelsorge.at

Psychosozialer Dienst: Rund um die Uhr Not- und Krisendienst der Psychiatrischen Soforthilfe unter 01/31 330 und aufwww.psd-wien.at. Für Psychosoziale Beratung in den Bundesländern besuchen Siewww.psz.co.at/angebote/psychosozialer-dienst-psd/.

Die Boje: Unterstützung für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre in Krisenfällen auf www.die-boje.at, Terminvereinbarungunter 01/406 66 02

Kriseninterventionszentrum: Für Personen ab 18 Jahren in Krisensituationen unter www.kriseninterventionszentrum.at oder 01/406 95 95 von Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr.

 

Deutschland:

Telefonseelsorge: Auch im Notfall Rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222, und für Kinder und Jugendliche unter 0800/111 0 333 sowie Chat- und Mailberatung unterwww.telefonseelsorge.de.

Nummer gegen Kummer: Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche unter 11 61 11 vonMontag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr, für Eltern unter 0800/111 05 50 vonMontag bis Freitag von 9 bis 11 Uhr sowie Dienstag und Donnerstags von 17 bis 19 Uhr, sowie unter www.nummergegenkummer.de.

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Informationen sowie eine Liste mit Beratungseinrichtungen findet sich unterwww.suizidprophylaxe.de.

 

Schweiz:

147: Beratung für Kinder und Jugendliche gratis und rund um die Uhr unter der Nummer 147, sowie Chat und E-Mail Beratung unterwww.147.ch.

143: Rund um die Uhr Beratung für Menschen in Krisensituationen unter 143 sowie Mail- und Chatberatung unterwww.143.ch.

Ipsilon: Initiative zur Prävention von Suizid bietet Informationen und Kontakte zu Anlaufstellen in allen Kantonen unter www.ipsilon.ch.

Feel OK: Unterwww.feel-ok.chfinden Kinder- und Jugendliche in Krisensituationen und Eltern Kontakte und Informationen.

 

International:

International Association for Suicide Prevention: Bietet unter www.iasp.info weltweit Kontaktinformationen zu Krisenzentren.

 

Von Marlene Liebhart
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