Ist Bier der Ursprung unserer Zivilisation?

Arbeit diente anno dazumal bei unseren alt- und jungsteinzeitlichen Vorfahren vor allem einem Zweck: Essen. Nach althergebrachter Lehrmeinung haben unsere Vorfahren zu Beginn der Jungsteinzeit gelernt, Gräser zu domestizieren. Das hat dazu geführt, dass wir unserer Nahrung nicht mehr hinterherlaufen mussten und dass wir Überschüsse produzieren konnten. So wurde Arbeitszeit frei für Innovation. Eine Win-Win Situation. Damit wäre Brot also der Ursprung der Zivilisation. Eine konkurrierende Theorie sieht das aber anders.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass die Situation nicht so einfach war. Ackerbau war anfangs bei weitem nicht so ein zuverlässiger Nahrungslieferant wie heute. Die wilden Vorfahren unserer heutigen, über Jahrtausende selektiv gezüchteten Getreidearten würden die meisten von uns wahrscheinlich nicht einmal erkennen. Keine Spur von Ähren, die so voller Korn sind, dass sie beinahe brechen oder von üppigen Kukuruzkolben. Wir sprechen von bescheidenen grünen Halmen, die nur das geschulte Auge als potenzielles Nahrungsmittel erkennen würde. Es gab auch keine Maschinen, die Aussaat oder Ernte erleichtern konnten. Und als Krönung hatten unsere Vorfahren zunächst auch einfach nicht wirklich eine Ahnung, was sie da wirklich taten.

Kurzum: Das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag war damals ein ganz anderes. Es gibt sogar Schätzungen, die davon ausgehen, dass Jäger und Sammler in der Übergangszeit zum Ackerbau mit weniger Aufwand eine gesündere und abwechslungsreichere Ernährung hatten als ihre sesshaften Pendants.

Weiters dürften die Wildvarianten der drei frühesten domestizierten Getreidesorten Gerste, Reis und Mais eher schlechte Kandidaten für die Herstellung von Brot gewesen sein. Teosinte – das Getreide aus dem später Mais gezüchtet wurde – war beispielsweise ungeeignet. Dafür war es ausgezeichnet für die Herstellung von etwas ganz anderem geeignet: Chicha.

Chicha ist eine Biervariation die ursprünglich aus vergorenem Teosinte – heute auch Mais, Qunioa, etc. – hergestellt wurde und die es bis heute im gesamten Andenraum gibt. Die anderen Urgetreide waren ähnlich gut für die Herstellung alkoholischer Gärgetränke geeignet und es spricht einiges dafür, dass sie auch dafür verwendet wurden...

Zunächst einmal waren unseren Vorfahren die Grundlagen der Gärung bekannt. Sogar die Vorläufer des Homo Sapiens dürften vergorene Früchte – sowohl als Nahrungs- als auch als Rauschmittel – gesammelt und konsumiert haben. Davon können wir ausgehen, weil es bis heute zahlreiche Spezies gibt, die das tun. Der Schritt zur Herstellung vergorener Getränke ist also wahrscheinlich sogar ein naheliegenderer als zum Backen von Brot.

Auch als Grundnahrungsmittel spricht aus damaliger Sicht viel für Bier. Es ist hochkalorisch und der Alkoholgehalt tötet schädliche Mikroorganismen ab. Gerade letzteres ist ein Vorteil, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Bevor die Menschheit Bakterien und Viren verstanden hat, war das Trinken von Wasser immer mit einem gewissen Glücksspielfaktor verbunden. Sind genug Pathogene in meinem Drink, um zum Ausbruch einer Krankheit zu führen oder nicht? Die Folgen, wenn es dazu kam, waren auch wesentlich gravierender. Durchfallerkrankungen konnten schnell zu einem Todesurteil ausufern. Das Ausweichen auf Gärgetränke ist dann aus späteren Zeiten auch breit belegbar. In Europa haben mittelalterlicher Bauern wohl täglich mehrere Liter – je nach Region – verdünnten Wein oder Leichtbier getrunken. Bei einem durchschnittlichen Alkoholgehalt der merklich unter unseren heutigen Bieren und eher im Bereich unseres Radlers gelegen haben dürfte, ist auch davon auszugehen, dass sie davon nicht so betrunken wurden, dass sie ihr Tagwerk nicht verrichten konnten. Aber der leichte Schwips war angesichts der harten Arbeit vermutlich recht willkommen. Bei unseren neolithischen Vorfahren könnte das ähnlich gewesen sein.

Außerdem hat Alkohol vermutlich eine große Rolle bei Kulthandlungen und Festen gespielt und in weiterer Konsequenz bei der Umformung der Gesellschaft zur Sesshaftigkeit insgesamt. Der amerikanische Psychologe Jeffrey P. Kahn geht davon aus, dass die rigide Herdenmentalität mit ihren klaren Rollenverteilungen und sozialen Erwartungen, die uns sicher durch unsere früheste Entwicklungsstufe gebracht hat, immer hinderlicher für unseren Fortschritt wurde und, dass Alkohol dazu beigetragen haben könnte, sie aufzuweichen. Quasi als Keimzelle des Out-of-the-box-Denkens. Er merkt allerdings auch an, dass es heute wesentlich wirksamere und gesündere Wege gibt, an sozialen Hemmungen zu arbeiten und man seine These deshalb nicht als Begründung für den nächsten Vollrausch heranziehen soll.

Bier könnte also ein wesentlicher treibender Faktor gewesen sein, der unsere Sesshaftigkeit und damit die Geburt unserer Zivilisation mitverursacht hat. Aber wie hat man sich die Übergangszeit dann vorzustellen? Der Mensch lebt und lebte auch damals ja schließlich nicht vom Bier allein. Und wie kam es schließlich zum Anbau von Getreide für reine Nahrungszwecke?

Der deutsche Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf nimmt an, dass die Geographie eine wesentliche Rolle gespielt haben könnte. Die neolithische Revolution startete unabhängig voneinander in mehreren besonders fruchtbaren Regionen – eine davon war der sogenannte fruchtbare Halbmond im mittleren Osten. Er geht davon aus, dass dort Ressourcen in so einem Überfluss vorhanden waren, dass über längere Zeit eine Übergangsform zwischen Jagen und Sammeln und Landwirtschaft möglich war ohne die Ressourcen aufzubrauchen. In dieser Zeit konnten unsere Vorfahren mit den neu erworbenen Fähigkeiten experimentieren und sie so lange verfeinern, bis sie beinahe gänzlich von Land- und später auch Viehwirtschaft lebten. Das Bierbrauen war in diesem Szenario quasi der Anreiz, diesen Prozess ins Rollen zu bringen.

Ob es nun der Funke war, der uns zum nächsten großen Kapitel unserer Geschichte gebracht hat oder nicht – die jahrtausendelange Entwicklung des Biers vom religiösen Kultgetränk über Nahrungsmittel bis hin zum „Sechzehnerblech“ beim Würschtelstand an der Ecke ist in jedem Fall faszinierend. Und – falls ihr welches trinken solltet – durchaus Mal einen Toast wert.

Von Gregor Schwayer
Am
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