Industrielle Revolution: Die Erfindung der Hausfrau

Im dritten und letzten Teil unserer Serie über Revolutionen der Arbeitsgeschichte widmen wir uns endlich dem großen Platzhirsch – der Industriellen Revolution. Uns interessieren aber weniger die genretypischen Schilderungen von rauchenden Fabrikschornsteinen und pfeifenden Lokomotiven, sondern die Grundlagen, auf denen sie entstand und die teils bis heute andauernden Eindrücke, die sie auf die Gesellschaft im Ganzen und die Stellung der Frau im Besonderen hatte.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

Auch wenn die Industrielle Revolution geschichtlich betrachtet ziemlich plötzlich vonstattenging, entstand sie nicht in einem Vakuum. Wie wir bereits aus den vorigen beiden Teilen der Serie gelernt haben, fußen radikale Veränderungen oftmals entweder auf Überfluss oder auf Katastrophen. In diesem Falle war es Überfluss.

 

Landwirtschaft im Mittelalter und der frühen Neuzeit war undankbare Knochenarbeit. Skelette auf mittelalterlichen Friedhöfen zeigen bereits bei Mittdreißigern so massive Abnutzungserscheinungen, dass sie physisch eher heutigen Siebzigjährigen entsprochen hätten. Das ist auch wenig verwunderlich. Gepflügt wurde meist mit Stöcken oder Baumstümpfen, die man an Ochsen gehängt hat. Baumstümpfe sind nun nicht gerade für ihre Aerodynamik bekannt, also kann man sich vorstellen, wie viel Spaß Tier und Mensch an dieser Arbeit hatten. Gesät wurde per Hand, was dazu geführt hat, dass ein Großteil der Saat vom Wind verweht oder von Vögeln gefressen wurde. Das zehrte jedes Jahr am ohnehin spärlichen Überschuss, den die Felder abwarfen.

 

Im 18. und 19. Jahrhundert sorgte eine rasche Folge landwirtschaftlicher Innovationen für Erleichterung. Die vormals offen gelegenen Felder wurden nun eingehegt und in kleinere Parzellen unterteilt. Das verringerte Erosion und machte eine sinnvollere Aufteilung des Grundes möglich. Joseph Foljambe patentierte Mitte des 18. Jahrhunderts den ersten massenproduzierbaren Pflug, der in etwa dem entspricht, was wir uns heute unter einem Pflug vorstellen. Wie sehr die Welt darauf gewartet hat, zeigt sich daran, dass sein Design für über drei Jahrzehnte unangefochtener Marktführer war. Erste pferdegezogene Sämaschinen pflanzten die Saat tief in die Erde und brachten bis zu fünfmal mehr Ertrag als das Säen von Hand. Die Einführung der Fruchtfolge, die uns wohl allen noch vage aus dem Geographieunterricht bekannt ist, sorgte dafür, dass Felder seltener brach lagen und erhöhte die Produktivität immens.

 

Bauern konnten also mit wesentlich weniger Arbeit wesentlich mehr produzieren. Der so entstandene Überschuss sorgte für kräftiges Bevölkerungswachstum. Die Arbeitskräfte für die neu entstandenen Berufszweige in der Industrie waren also bereit.

 

Fabriken waren streng genommen nichts Neues. Bereits im Hochmittelalter gab es Manufakturen, in denen arbeitsteilig Waren hergestellt wurden. Der große Unterschied liegt aber in der Art der Arbeit. Der Wortstamm verrät es: Manufaktur kommt von lateinisch manus – Hand – es wurde also Handarbeit verrichtet, die in der Regel eine umfangreiche Ausbildung erforderte. Die maschinelle Produktion in den neu entstandenen Fabriken hingegen war meistens niedrigschwelliger. Damit waren sie die idealen Arbeitsplätze für die unzähligen freigewordenen Arbeitskräfte vom Land. Diese wachsende neue „Klasse“ veränderte die Gesellschaft nachhaltig.

Bis zu diesem Punkt war mit phänomenalem Abstand der größte Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die Arbeit war wie eingangs erwähnt hart und machte es notwendig, dass alle in der Familie anpackten. Während Frauen im Mittelalter und der frühen Neuzeit zwar eine klar dem Patriarchat untergeordnete Rolle hatten, waren sie deshalb aber fixer und absolut notwendiger Bestandteil des Familienbetriebs. Sie waren aktiv in beinahe alle Aspekte der Hofwirtschaft eingebunden. Eine klare Trennung und Zuordnung in die Hemisphären der Erziehung und des Haushalts gab es in der Form wie es bis heute noch vorkommt nicht. Diese Trennung vollzog sich nun. Die Männer, die es in die Städte zog, hatten keinen heimatlichen Hof. Wenn das Geld reichte, blieben ihre Frauen im häuslichen Bereich tätig und widmeten sich neben der Familie vor allem der Repräsentation. Reichte das Geld nicht, arbeiteten auch sie in den Fabriken und das im Vergleich zu einem Hungerlohn, der bis zu drei Fünftel niedriger war als der eines Mannes. Begründet wurde das durch die angenommene „Schwäche“ des weiblichen Geschlechts. Inwieweit körperliche Kraft bei der Bedienung eines mechanischen Webstuhls (Die Textil- und Seidenindustrie waren die häufigsten Arbeitgeber für Frauen) einen Vorteil gebracht hat, der drei Fünftel mehr Lohn rechtfertigen könnte, sei dahingestellt. Die Stellung der Frau verschob sich also langsam von der universellen Partnerin in allen Aspekten des Lebens – auch dem wirtschaftlichen – zu einer klar definierten Rolle, die sie zu erfüllen hatte. Das machte sie auch anfälliger für sämtliche übrigen Mechanismen der Unterdrückung – wie im letzten Teil erwähnt: Wirtschaftliche Partizipation erzeugt Unabhängigkeit.

 

Das bis heute teils immer noch relevante „Ideal“ vom Mann, der arbeiten geht und der Frau, die die Kinder aufzieht, ist also kein romantisches Urbild, sondern geschichtlich betrachtet äußerst jung. Auch deswegen macht es Sinn, solche strukturellen Phänomene kritisch zu hinterfragen und sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

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