Im Land des Ewigen Präsidenten

Jeden Morgen weckt eine seltsam traurige elektronische Melodie die Bürgerinnen und Bürger von Pjöngjang für ihren Arbeitstag. Die Straßen sind gesäumt mit Trommlerinnen und fahnenschwenkenden Formationstänzerinnen, die die Bevölkerung motivieren sollen, für das Regime ihr Bestes zu geben.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

Als ich in meiner Recherche erstmals über diese fremdartige Praxis gestolpert bin, war ich zunächst kritisch. Viele der „Funfacts“, die zu Nordkorea durchs Internet geistern, sind reine Fiktion. Hartnäckig hielt sich beispielsweise das mittlerweile widerlegte Gerücht, das nordkoreanische Fernsehen habe behauptet, einen Mann zur Sonne geschickt zu haben. Das klingt natürlich weit hergeholt, aber ist es einem Land, in dem nach gängiger Lehrmeinung Kim Jong Il den Burger erfunden und ihn Doppelbrot mit Fleisch getauft hat, wirklich nicht zuzutrauen?

Das ist das Kernproblem aller Berichterstattung zu Nordkorea. Das Land befindet sich nicht nur in beinahe völliger Isolation, sondern es ist schon so lange isoliert, dass es eine sehr eigene, vom Rest der Welt getrennte Entwicklung durchgemacht hat.

The Hermit Kingdom

„Hermit Kingdom“ – Eremitenkönigreich – wird Nordkorea in den englischen Medien deshalb oft genannt. Der Begriff stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert und wurde damals noch für das gesamte koreanische Reich verwendet, das sich unter der Joseon Dynastie (~1400-1900) weitgehend vom Rest der Welt abgeschottet hatte. Man war also auf der Halbinsel schon früher gerne unter sich. Das änderte sich schlagartig, als das japanische Kaiserreich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Korea zunächst zu einem Protektorat gemacht und kurz darauf annektiert hatte. Die Besatzer stellten sich als ausgesprochen brutal heraus. Insbesondere während des zweiten Weltkriegs standen Zwangsarbeit und Zwangsprostitution an der Tagesordnung.

Nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg einigten sich die Siegermächte – in diesem Fall die USA und die Sowjetunion - zwar auf die Befreiung Koreas und dessen Fortbestand als eigenständigen Staat, sie legten jedoch nicht fest, in welcher Form das geschehen sollte. Korea wurde nach deutschem Vorbild aufgeteilt. Alles nördlich des 38. Breitengrades wurde den Sowjets unterstellt, alles südlich davon den USA. Die 1948 mit UN-Mandat durchgeführten Wahlen wurden im Norden boykottiert. Weder China noch die Sowjetunion hatten Interesse an einem demokratischen, kapitalistischen Staat unter US-Einfluss in ihrer Nachbarschaft. Nur einen Monat voneinander getrennt riefen der Sieger der Wahlen in Südkorea – Rhee Syng-Man – und der sowjetisch gestützte Kim Il-Sung die Republik Korea beziehungsweise die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Beide erhoben Anspruch auf die Einigung des Landes und beide zündelten in der Folgezeit ausgiebig, den Krieg begann letztlich aber der Norden.

The Forgotten War

Der Koreakrieg forderte über 4 Millionen Opfer und schrammte relativ knapp an einer nuklearen Eskalation vorbei. Trotzdem ist er in der westlichen Welt relativ unbekannt. Das brachte ihm den Spitznamen „The Forgotten War“ – der vergessene Krieg – ein. Nachdem die USA eine schnelle Niederlage des Südens knapp abwenden konnten und die folgende Gegenoffensive durch massiven chinesischen und sowjetischen Beistand zum Stillstand gebracht werden konnte, endete der Krieg in einem Patt. Die Frontverläufe nahe der Grenze am 38. Breitengrad wurden im folgenden Waffenstillstand zu einer demilitarisierten Zone erklärt. Korea blieb geteilt. Das ist bis heute der Status-Quo. Einen Friedensvertrag gab es nie.

Splendid Isolation

Kim Il-Sung, der "ewige Präsident", errichtete in der Folgezeit in Nordkorea eine stalinistische, beinahe völlig von der Außenwelt isolierte Diktatur. Seine Nachfolger Kim Jong-Il und Kim Jong-Un behielten seinen Kurs bei. Seither sind die Informationen, die nach außen dringen, spärlich. Die einzigen wirklichen Quellen sind die Aussagen von Flüchtlingen beziehungsweise die Reiseberichte der selten autorisierten Besuche durch Journalist*innen. Letztere finden unter permanenter staatlicher Kontrolle statt und sind minutiös geskriptet, um ja nur die beste Seite des Landes zu zeigen.

Aufrechterhalten wird das Regime durch permanente Indoktrinierung bereits im jüngsten Kindesalter und die Projektion der Feindbilder Japan und der USA. Alles dreht sich um die Verehrung der Führungspersönlichkeiten. Bilder der drei Kims sind omnipräsent auf den Straßen und im nordkoreanischen Staatsfernsehen, das in Mitteleuropa übrigens zeitweise via Satellit empfangen werden kann. Übersteigert wird der Führerkult durch eine Vielzahl angeblicher übermenschlicher Errungenschaften. So soll Kim Jong-Un beispielsweise bereits mit 3 Jahren Autofahren gelernt haben. Wegen all dieser Schrulligkeit übersieht man oftmals die schonungslose Härte, mit der das Regime jeden Widerspruch im Keim erstickt. Flüchtlinge berichten von Arbeitslagern mit ähnlichen Zuständen wie in den Konzentrationslagern unter den Nazis. Dissidenten können mit der sogenannten Drei-Generationen-Strafe belegt werden, bei der sowohl sie selbst samt ihrer Familie, als auch alle Nachkommen der nächsten beiden Generationen in Gefängnislager gesteckt werden.

Erschwert wird die Situation durch die beinahe völlige diplomatische Isolation Nordkoreas. Durch die Ablehnung ausländischer Einmischung und die immer wieder stattfindende Sanktionierung des Handels – aktuell aufgrund des Atomprogramms – ist das Land extrem anfällig für Hungersnöte. Jahrzehntelange Mangelernährung hat dazu geführt, dass die durchschnittlichen Nordkoreaner*innen mittlerweile merklich kleiner sind als ihre südkoreanischen Pendants.

Trotz aktueller diplomatischer Bewegung ist eine ernsthafte Veränderung der nun schon fünfundsechzigjährigen Pattsituation auf der koreanischen Halbinsel nicht zu erwarten. Ein echtes Einlenken des nordkoreanischen Regimes in Fragen der Denuklearisierung ist beinahe ausgeschlossen. Bleibt zu hoffen, dass zumindest der Waffenstillstand hält.

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 8 Min

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