"Ich habe jeden Tag eine Stunde gefochten, habe vier Mensuren gehabt."

Ob in den Nachrichten oder privat, positiv oder negativ, alle Monate wieder spricht man von ihnen. Studentenverbindungen sind oftmals in aller Munde. Wie Mitglieder einer Verbindung sich und ihre Rolle in der Verbindung sehen und ob das einen Teil ihrer Identität ausmacht, wollten wir uns ansehen und haben uns mit einem getroffen. Im ersten Teil dieses Interviews gibt es ein Q&A zu Studentenverbindungen allgemein. (Teaserbild Credit: Czestomir @Wikimedia-Commons)

Von Helena Velaj
Am
Lesezeit 10 Min

GRAD: Du bist in einem akademischen Corps. Wie bist du dorthin gekommen? Warum bist du dem beigetreten?

VM: Prinzipiell habe ich fürs Studium ein Zimmer zum Wohnen gesucht und bin zufällig auf die Verbindung gestoßen. Ich bin dort eingezogen, weil der Herr, der mir das Zimmer gezeigt hat sehr nett und sympathisch war. Mein Vater war dabei, der Preis hat gepasst. Die einzige Frage, die dann auch von meinem Vater aufkam, war, ob es eine Studentenverbindung ist und, ob das politisch ist und der Herr meinte Nein. Da kam dann auch das Okay von meinem Vater, weil ich da politisch nicht in irgendwas gedrängt werden würde.

GRAD: Hat man dich beim Einzug darüber informiert, welche Pflichten du als Mitglied hast?

VM: Nein, man hat gar keine Pflichten.

GRAD: Gar keine?

VM: Man kann da ganz normal einziehen als Hausbewohner. Das ist eben das Ding. Das ist aber bei jeder Verbindung. Man zieht einfach ein, weil es in Uninähe ist oder weil es billig ist. Man hat gar keine Pflichten, man ist ein normaler Hausbewohner mit normalem Mietvertrag. Der geht meistens über ein Jahr und dann muss man sich eine neue Bleibe suchen.

GRAD: Aber was zeichnet einen dann als Corps Mitglied aus, wenn du keine Verpflichtungen hast? Das hört sich ja mehr nach WG, als nach Verbindung an.

VM: Genau, aber das Haus ist auch als Studentenwohnheim aufgebaut. Es gibt eine Corpsetage und eine Wohnetage sozusagen. Wenn man einzieht kann man da ganz normal als ganz normaler Student leben und wenn man Mitglied werden will im Corps kann man einen Antrag stellen und angenommen werden. Die Verbindung gliedert sich in andere Aufgaben. Es gibt den Fuchs, der ist ganz neu in der Verbindung. Das ist man circa ein Jahr lang. Dann gibt es gewisse Sachen, die man erfüllt haben muss, damit man “Bursch” wird. Dazu zählen eine schriftliche und eine mündliche Prüfung bei uns und eine geschlagene Mensur. Wir sind eine schlagende Verbindung.

GRAD: Das heißt ihr fechtet.

VM: Wir fechten, genau. Mensuren heißt das im Fachjargon. Wenn man dann seine Fuchsensachen erledigt hat, seine Mensuren geschlagen hat, seine Prüfungen gemacht hat, wird man Bursch. Dann muss man noch einige Male mehr fechten, einige Aufgaben im Corps erledigen, weil sich das ganze ja als Verein strukturiert. Man ist ja auch bei der Vereinsbehörde ganz normal gemeldet.

GRAD: Also deine Corps-Mitgliedschaft ist an akademische Leistung gebunden?

VM: Ja natürlich.

GRAD: Kriegt man mit dem Corps Schwierigkeiten, wenn man die Uni vernachlässigt?

VM: Das wird von Corps zu Corps unterschiedlich gehandhabt. Die einen sind da strenger, die anderen weniger. Wir sind da sehr streng. Bei uns muss studiert werden, wir haben eigene Studien Paragraphen, wir haben sogar ein Mentorsystem sozusagen. Nämlich “Alte Herren”, die schon fertig studiert haben und noch in der Verbindung sind. Also man ist aktiv, wird inaktiv und schaut dass man in dieser Phase fertig studiert, das mache ich gerade, und wenn man fertig ist wird man “Alter Herr” und zahlendes Mitglied.

GRAD: Du hast die Wichtigkeit des Fechtens betont. Warum ist das so wichtig für euch?

VM: Das Fechten hat eine ewig lange Tradition. Das kam daher, dass Kaiser Maximilian den Studenten das Tragen von Waffen erlaubt hatte, damit die Studenten automatisch einen höheren Status hatten. Damals haben sich die Leute kontrahiert und gegeneinander gefochten, blindlings heraus und da sind damals auch diese ganzen Narben entstanden. Das ist dann so weit gegangen, dass es einen Kodex gab und ein Regelwerk entstanden ist. Irgendwann entstanden zusätzlich zum Tragen der Waffen Verbindungen und dann musste man in den Verbindungen fechten. Wenn man schon lange wie wir gegründet war, 150 Jahre und älter, dann ist das verankert in der Tradition.

GRAD: Macht das Corps einen großen Teil deines Lebens aus?

VM: Ja voll. Es hat mich ja auch als Person geformt.

GRAD: Inwiefern?

VM: Naja, ich war von Anfang an dabei und es gab Grillfeiern und man hat mir die Uni gezeigt und ich bin ja nicht aktiv geworden, weil ich jetzt so scharf darauf war, zu fechten oder ein Praktikum wollte, sondern weil ich die Leute cool fand. Es ist eigentlich für jeden der Grund. Passt man zu dem Laden? Es begleitet mich einfach in meinem Leben. Ich bin Student und soll studieren aber nebenbei bin ich Corps-Mitglied und halte meine aktiven Pflichten. Ich habe jeden Tag eine Stunde gefochten, habe vier Mensuren gehabt.

GRAD: Was wenn dir das Fechten nicht gefällt? Musst du es dann trotzdem machen? Wird man da gezwungen vom Corps?

VM:  Das Corps sagt, dass gefochten werden muss. Es verlangt eine gewisse Anzahl an Mensuren, dann kann man sich inaktivieren lassen. Jeder in seinem Tempo aber wenn man nicht fechten will, kann man auch kein Mitglied sein, denn das ist unabdingbar.

GRAD: Die Corps-Mitgliedschaft begleitet dich also in deinem täglichen Leben, sprich du identifizierst dich auch damit?

VM: Naja, ich identifiziere mich in erster Linie mal als meine Person. Das Corps ist nur ein Teil meines Lebens.

GRAD: Nach dem Lebensbundprinzip macht die Verbindung den Rest deines Lebens einen Teil von dir aus.

VM: Genau, aber wie sehr man es teilhaben lässt bleibt jedem selber überlassen. Man muss nicht zu jeder Veranstaltung kommen. Es gibt Mitglieder, die kommen einmal im Jahr vorbei wenn wir Stiftungsfest haben, also da wo wir gegründet wurden.

GRAD: Wie steht dein persönliches Umfeld zu deiner Verbindung?

VM: Meine Eltern haben gesagt es ist okay. Die finden es auch nicht schlecht, wenn Traditionen aufrecht erhalten werden. Man muss ja auch immer unterscheiden zwischen reaktionärem Gehabe und Tradition bewahren. Das ist ein riesen Unterschied. Bei uns geht es darum Tradition zu bewahren und rechtes Gerede wird klar abgelehnt. Meine Eltern meinten, wenn ich es für richtig empfinde soll ich es tun. Meine Mutter war gegen das Fechten und das ist bei ihr noch immer so eine Sache.

GRAD: Wie war das mit Freunden?

VM: Es war viel Erklärungsarbeit bei Freunden und ich habe mir den Mund fusselig geredet, weil es nichts Schlechtes ist aber ich glaube das sieht man nur, wenn man es persönlich erlebt hat. Aber es gibt auch Leute, die danach meinten sie wären aufgeklärt und wie sie dazu stehen überlasse ich ihnen. Mit Bekanntschaften von Freunden ist man schon mal aufeinander geprallt, weil die meinten “Scheiß Burschi” und wenn ich darauf sagte “Ich bin kein Burschenschafter, ich bin Corps Student” meinten sie nur das wäre eh alles das Gleiche. Das ist nicht das Gleiche. Burschenschaften sind politisch, ich bin nicht politisch. Burschenschaften sind vielleicht nicht so tolerant, ich habe das Toleranzprinzip. Ich bin eigentlich ein ganz normaler Student - so wie du - und das macht mich nicht gleich zu einem Sexisten und zu einem reaktionären Arschloch, im Gegenteil. Das trifft bei mir auf Unverständnis und man versucht zu erklären und erklären und dann kommt das Argument, dass wir fechten aber das haben wir eben schon immer so gemacht und wahren es als Tradition.

GRAD: Findest du, es hat dir das Erschließen neue Freundschaften erschwert?

VM: Nein, nein. Ich bin ja nach wie vor eine Privatperson und stelle mich nicht sofort als Corps-Student vor. Natürlich habe ich auch Hobbies, die der Verbindung geschuldet sind wie zum Beispiel fechten. Aber meistens hat man mich irgendwann darum gebeten das zu erklären und dann hat es gepasst.

GRAD: Dich und deine Corps-Brüder, was vereint euch als Corps? Ist es nur das Corps und die Mitgliedschaft darin, das euch eint oder habt ihr ähnliche politische Einstellungen? Oder redet ihr über so etwas gar nicht?

VM: Intern haben wir häufig über Politik diskutiert, denn wir sind unpolitisch als Corps, also dürfen wir unsere Meinungen nicht mit der Verbindung vermischen. Ich bin der Meinung Gleiches zieht Gleiches an, deswegen kann ich auch sagen, dass wenn eine Burschenschaft rechts ist, wie sie es eben meistens sind, wird eine linke Person dort nicht hingehen, um Freunde zu finden. Beim Corps ist es so, dass wir ein bunt gemischter Haufen sind, außer Extremisten. Extremismus wird in jeder Form abgelehnt. Wir hatten einmal einen Moslem, der wegen sehr extremer Äußerungen geflogen ist. Die hätten auf das Corps zurückfallen können.

GRAD: Was wird da als extrem bewertet?

VM: Meiner Meinung nach hört Toleranz da auf, wo Intoleranz beginnt. Das ist für jeden anders definiert, aber man muss eine gemeinsame Linie fahren. Antisemitismus ist abzulehnen, Rechtsextremismus ist abzulehnen. Wir würden nie eine extreme Person aufnehmen.

GRAD: Würdest du dich als patriotisch einstufen? Bei euch wird das Wort Tradition und deren Bewahrung ja ganz groß geschrieben und für viele wird das auch mit Patriotismus in Verbindung gebracht, würdest du euch als patriotisch bezeichnen?

VM: Traditionen beziehen sich nicht nur immer auf den Staat. Da gibt es Feste an der Uni, die Tradition sind. Das gemeinsame Trinken ist Tradition, die lebenslange Freundschaft ist Tradition, aber, ob man seine Corps-Mitgliedschaft mit Patriotismus verbindet, bleibt jedem selbst überlassen. Ich persönlich bin gerne Österreicher und liebe es hier zu leben, weil wir ein offenes, neutrales Land sind, also kann man natürlich stolz drauf sein, aber nicht übertrieben, wie es Rechte tun - “Österreich ist das Beste, nichts geht drüber”, so bin ich nicht.

GRAD: Also als übermäßig patriotisch würdest du dich nicht bezeichnen. Und deine Corps Brüder?

VM: Nein, die auch nicht. Die sind zwar auch stolz drauf, aber die schauen auch über den Tellerrand hinaus. Patriot kann auch etwas anderes sein. Wir sind alle pro-Europa eingestellt muss man dazu sagen. Es ist nicht Österreich über alles. Österreich funktioniert in der europäischen Union perfekt, so muss man das sehen. Also ich bin Europäer, Österreicher, Wiener…

GRAD: Vielen Dank.

Von Helena Velaj
Am
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