"Ich bin Hong Konger"

Neben Stars wie Shawn Mendes oder Kendall Jenner wurde Joshua Wong 2014 vom „Time Magazine“ zu einem der einflussreichsten Teenager des Jahres gekürt, sein Gesicht zierte sogar das Cover der britischen Zeitschrift. Als Mitbegründer der Hong Konger Demokratiebewegung gilt er für viele, vor allem junge, Stadtbewohner als Hoffnungsträger eines autonomen, demokratischen Stadtstaats, in Festlandchina betrachtet man ihn hingegen als einen Extremisten, der die nationale Ordnung gefährdet.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

„Ich bin Hong Konger“ rufen Joshua Wong und seine Mitstreiter bei Protestmärschen durch die chinesische Sonderverwaltungszone. Für seinen Kampf um eine eigene – auch politisch abgesicherte –  Hong Konger Identität wurde der mittlerweile 21-Jährige dieses Jahr mit einer sechsmonatigen Haftstrafe belangt. Denn aus China bildet sich Widerstand, dem eine lange Geschichte zugrunde liegt.

„Ein Land, zwei Systeme“

1984 treten die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der chinesische Machthaber Deng Xiaoping an die Öffentlichkeit. Nachdem Hong Kong im Zuge des Opiumkriegs Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zur britischen Kolonie wurde, soll es 1997 an China übergeben werden. Prinz Charles verkündet bei dem feierlichen Staatsakt, dass Hong Kong „seine Eigenidentität behalten soll“ – ermöglicht durch ein politisches Konzept, das von Xiaoping formuliert wurde, und aus der Küstenregion eine Sonderverwaltungszone gemacht hat. Dort gilt ein eigenes Grundgesetz, das sogenannte „Basic Law“. In diesem ist verankert, dass es in Hong Kong – im Gegensatz zu Restchina – Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit geben soll. Außerdem kann die Hong Konger Zentralregierung Zölle und Steuern autonom einheben und ist selbst für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit verantwortlich. Einzig und allein die Verteidigungs- und Außenpolitik bestreiten Hong Kong und China gemeinsam. Im „Basic Law“ wurde festgeschrieben, dass in den ersten zehn Jahren keine demokratischen Wahlen stattfinden sollen, danach aber die Direktwahl von Regierungschef und Abgeordneten angestrebt werden soll. Und genau an diesem Punkt keimte Uneinigkeit auf.

Polit-Start-Up

Obwohl laut Grundgesetz seit 2007 möglich, finden immer noch keine demokratischen Wahlen in Hong Kong statt. Erst in den vergangenen Jahren hat Peking das Wahlrecht verschärft. Die chinesische Staatspartei nominiert drei – peking-freundliche – Kandidat*innen, die dann von 1.200 Personen, dem „kleinen Kreis“, gewählt werden. Wer CEO, sprich Geschäftsführer, der Sonderverwaltungszone wird, das ist, so sind sich Oppositionelle einig, schon vor dieser Wahl entschieden. Bei den Abgeordneten des Parlaments ist das ein bisschen anders. 35 von ihnen werden direkt vom Volk gewählt. So schafften es auch einige Lokalisten, Mitglieder des Polit-Start-Ups „Demosisto“, ins Abgeordnetenhaus. Doch schon bei der Angelobung machten sie deutlich, was sie von der chinesischen Regierung und ihre immer stärkeren Einmischung in Hong Kongs Politik halten. Die Abgeordneten weigerten sich die gängige Gelöbnisformel zu sprechen, die Situation eskalierte und die Sitzung – die im Fernsehen übertragen wurde – musste abgebrochen werden.

Schulstreik

Zurück zu Joshua Wong. Auch er ist Teil der neuen Partei „Demosisto“, doch bei der letzten Parlamentswahl konnte er aufgrund seines jungen Alters nicht antreten. Für demokratische Wahlen und eine Autonomie zu China kämpft er dennoch. Bekannt wurde der Aktivist 2011 als der damals 15-Jährige einen Schulaufstand initiierte, weil die chinesische Zentralregierung ein neues Unterrichtsfach einführen wollte. Unter dem Namen „Nationale und moralische Erziehung“ sollte in Hong Kongs Schulen chinesische Propaganda gelehrt werden und Lehrer*innen, die sich dagegen zur Wehr setzen wollen, gemeldet werden. Der Aufstand der Schüler*innenbewegung „Scholarism“ führte letzten Endes dazu, dass das Schulfach doch nicht eingeführt wurde. 2014 schloss sich Wong dann den Protesten rund um Verschärfung des Wahlrechts an. Bilder der Demonstrant*innen, die sich mit Regenschirmen vor Pfeffersprayattacken schützen, gingen durch die ganze Welt. Die Regenschirmbewegung war geboren.

Kinder der Rückgabegeneration

Neben alteingesessenen Regierungskritiker*innen schlossen sich vor allem junge Student*innen den friedlichen Protesten an. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Hong Kong nicht mehr zu Großbritannien gehörte. Gleichzeitig sehen sie sich auch nicht als Chinesen. Lediglich als boomender Finanzplatz zu gelten, auch das ist für sie keine Option. Denn in der Sonderverwaltungszone läuft nicht alles rund. Die Mieten steigen exorbitant, Wohnen ist zum Luxusgut mutiert. Der Platz ist begrenzt, die Geburtenrate unverhältnismäßig niedrig und die Ungleichheit im Land wird immer stärker. Auch Studien belegen den Identitätswandel im Land. So identifizieren sich seit 2008 besonders junge Menschen immer stärker, in vielen Fällen sogar ausschließlich als Hong Konger. Basis dieser Identifikation ist insbesondere der Glaube und der Kampf für Demokratie. Schon vorher gab es Stadtbewohner*innen, die eine große Rivalität zu Festlandchina pflegten. Diese fußte aber vor allen Dingen auf kulturellen und materialistischen Werten – der eigenen Sprache, der lokalen Kulturszene, aber auch der ökonomischen Stärke der Region. Die neuen Lokalisten fordern Demokratie, und das ist ein direkter Angriff auf die chinesische Zentralregierung. Der Glaube an das Konzept „Ein Land, zwei Systeme“ ist so gering wie noch nie zuvor. Deshalb setzt China alles daran, die Sonderverwaltungszone stärker an sich zu binden und geht immer härter gegen seine Kritiker*innen vor. Dafür ist die Haftstrafe für Joshua Wong und seine Mitstreiter ein klares Zeichen.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Follow

X

Zum Newsletter anmelden

* indicates required

Please select all the ways you would like to hear from GRAD:

You can unsubscribe at any time by clicking the link in the footer of our emails. For information about our privacy practices, please visit our website.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.