Harder, Better, Faster, Adderall?

Stell dir vor, du erzielst mit einem Schlag schier unfassbare Leistung, arbeitest die ganze Nacht ohne müde zu werden und überschreitest physische Grenzen. Zum ersten Mal in deinem Leben fühlst du dich mächtig, du hast die volle Kontrolle. Das alles ist in greifbarer Nähe, wenn du nur zu deinem Arzt gehst und ihm etwas vorgaukelst. Oder vielleicht musst du gar nicht mal so weit gehen, vielleicht ist er/sie „locker“ drauf. Oder du kennst jemanden, der ein bisschen etwas verkauft?

Von Helena Velaj, Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Die Rede ist von Medikamenten wie Adderall oder Ritalin, die im Normalfall ADHS-Patient*innen verschrieben werden. Die Ursache von ADHS ist nicht vollständig geklärt, man vermutet mitunter eine genetische Fehlregulierung der Botenstoffe Dopamin und Serotonin (bzw. Noradrenalin). Zu den Medikamenten, die dabei helfen sollen, die Krankheit zu behandeln, zählen auch Adderall und Ritalin. Für Furore sorgen sie allerdings nicht wegen ihres Erfolgs in der Behandlung von ADHS, sondern vor allem wegen ihrer Rolle im Medikamentenmissbrauch und letztlich auch wegen Adderalls chemischer Ähnlichkeit zu Crystal Meth. Zwei Mal hat Sandra Ritalin genommen, einmal um sich für den Aufnahmetest zum Medizinstudium vorzubereiten und ein weiteres Mal im ersten Semester vor einer größeren Prüfung. Bezogen hat sie das Medikament von einem Freund, der ADHS-Patient ist. “Ich habe mit besagtem Freund oft über die Aufnahmeprüfung, den Stress und die Angst vielleicht nicht meinen Traumberuf ergreifen zu können, gesprochen. Eines Abends sind wir im Verlauf des Gesprächs dann auf Ritalin gekommen und haben über die Möglichkeit gesprochen, damit konzentrierter zu lernen”, erzählt Sandra. Das Ritalin hat sie dann allerdings nicht sofort genommen, sondern erst einige Tage später. Etwas gegoogelt habe sie, und Erfahrungsberichte recherchiert. Dass sie die Tablette nehmen werde, das war für Sandra jedoch klar.

Volle Kraft voraus!

Bei der Einnahme von Adderall werden die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin vermehrt freigesetzt. Dadurch hat man das Gefühl, sich besser konzentrieren und länger wach bleiben zu können. Langweilige Aufgaben erscheinen plötzlich viel erträglicher. Das ist bei Menschen mit ADHS von großem Vorteil, da es ihre Konzentrationsspanne verlängert. Bei Personen, die nicht von der Krankheit betroffen sind, stellt sich derselbe Effekt ein, auch wenn es im Gehirn chemisch nichts zu regulieren gibt. Wird das Medikament bei normaler Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin regelmäßig genommen, kann es dazu kommen, dass das Gehirn diese Botenstoffe nicht mehr selber produziert und immer mehr Adderall benötigt, um diese Level aufrecht zu erhalten. Im Umkehrschluss muss umso mehr Adderall eingenommen werden, um den anfänglichen Effekt der Konzentration zu spüren.

Zehn bis fünfzehn Minuten nach der Einnahme setzt bei Sandra die Wirkung ein. Frühmorgens nimmt sie eine halbe Tablette auf nüchternen Magen. Sie setzt sich zum Schreibtisch, bereitet alles vor. Der Lernstoff, der heute ansteht, ist besonders schwierig, zu lange hat sie ihn aufgeschoben. “Ich hatte einfach das Gefühl, ruhiger und gleichzeitig fokussierter zu werden. Ich hatte das Gefühl, ich konnte schneller denken, mein Blick kam mir geschärfter vor. Ich habe dann ohne darüber nachzudenken, angefangen zu lernen und nach circa vier Stunden das erste Mal von meinen Lernunterlagen aufgeschaut. Es war in der ganzen Zeit über komplett still gewesen. Gleichzeitig war ich auch innerlich die ganze Zeit extrem fokussiert, ich habe in den vier Stunden tatsächlich nichts anderes wahrgenommen als meine Lernunterlagen. Ich war nicht müde, nicht hungrig, musste nicht auf Klo, nichts”, schildert Sandra ihre ersten Erfahrungen mit Ritalin. Ein paar Stunden später habe sie dann die zweite Hälfte des Medikaments genommen. Die Wirkung war nicht mehr ganz so stark wie vorher.

Aber Sandra steht nicht alleine da, es gibt mehr Menschen, die Medikamente wie Ritalin oder Adderall nehmen, als man vielleicht vermuten würde. In der Theorie klingt es auch sehr verlockend, seine Leistungsfähigkeit konstant steigern zu können. Netflix veröffentlichte eine Dokumentation namens „Take your Pills“ die sich dem Missbrauch von Adderall widmete. Einer der Befragten äußerte sich anfänglich „Adderall – Side effects include being awesome at everything“. Das Medikament wird gerne von Investmentbanker*innen genommen, um dem Druck in der Arbeit gerecht zu werden oder von Sportler*innen, um bessere Leistungen zu erzielen, aber eben auch von Student*innen und Schüler*innen, um Nächte durchzulernen. Die Substanz wird auch gerne von den Soldat*innen des US-Militärs eingenommen, um das Empfinden von Müdigkeit und Erschöpfung im Einsatz zu reduzieren.

Schwestern, nicht Zwillinge

Ritalin ist die große Schwester von Adderall. Große Schwester aus zwei Gründen: Einerseits war das Medikament zuerst am Markt erhältlich und zweitens wurde es einer Frau gewidmet – „Rita“ oder Maguerite. Marguerite war die Frau von Leonardo Pizzanon, der für den Schweizer Pharmakonzern Ciba, heute Novartis, arbeitete und seine Erfindung zunächst an sich selbst und anschließend an seiner Frau testete. Er selber spürte keine Wirkung, doch seine Frau war begeistert, dass sich ihr Tennisspiel durch die Wirkung des Medikaments verbesserte. Daher der Name Ritalin. Der Unterschied zu Adderall liegt in erster Linie also darin, dass Adderall ein Abkömmling von Ritalin ist. Abkömmlinge sind dem Originalprodukt ähnlich, aber eben nicht ident. Der Wirkmechanismus hierbei ist ein wenig komplex, doch vereinfacht gesagt wird Adderall nicht in die Speicherzellen der Neurotransmitter aufgenommen und somit wird mehr von der Substanz ausgeschüttet. Ritalin hingegen sorgt dafür, dass Dopamin, sobald es die Nervenzelle freigesetzt hat und ihrer Meinung nach lange und gut genug gewirkt hat, nicht wieder in diese zurückgeführt wird, sondern weiterhin verfügbar bleibt. Ritalin verlängert also den Vorgang im Körper. Der andere Unterschied ist die Zugänglichkeit der Medikamente: Adderall wird primär in den USA, dem englischsprachigen Raum und einigen Ländern Asiens vertrieben. Ritalin eher im deutschsprachigen Raum.  Die große Gefahr beider Medikamente liegt in deren Missbrauch, denn die Nebenwirkungen können es in sich haben. Schlafprobleme, Schwindel, Appetitverlust (mitunter ein Grund, wieso sie sich in Hollywood angeblich hoher Beliebtheit erfreuen), Reizbarkeit und Ängstlichkeit zählen dazu. Viele glauben Adderall und Ritalin wären sicher, weil sie vom Arzt verschrieben werden, doch sie können genauso abhängig und sogar süchtig machen, wie andere Medikamente und Drogen. Beispielsweise ist die chemische Struktur von Adderall beinahe ident zu der von Crystal Meth, mit dem Unterschied, dass Meth sich noch eine Spur besser im Körper auflöst und dadurch schneller wirkt. Dennoch verschreiben viele Ärzte, vor allem in den USA, auch Nicht-ADHS Patient*innen Adderall. Den Effekt der Medikamente mag übrigens nicht jeder. Viele Beklagen sich irgendwann darüber, dass sie unter Einfluss nicht ganz sie selbst sein – leistungsfähiger, aber auch leerer.

Fällt etwas auf?

Wer hier ein Muster erkennt, der hat ganz recht. Was all diese Situationen verbindet, ist Druck. Wer Adderall bzw. Ritalin nicht für die Behandlung seiner Krankheit nimmt, der nimmt es, um einem gewissen Leistungsdruck standhalten zu können. Vielleicht sogar, um seine persönlichen Grenzen zu überschreiten.  “Ich habe mich gefühlt wie ein Roboter”, schließt Sandra. Wer das Ganze auf eine philosophische Ebene ummünzen möchte, könnte hier zweierlei argumentieren: Zum einen ist der Druck in der modernen Leistungsgesellschaft so stark angestiegen, dass sich einige Leute schlichtweg verpflichtet fühlen zu dopen. Andere Stimmen kontern hier jedoch und behaupten, dass dieses Doping soziale Ungleichheit ein Stück weit ausgleichen kann, denn wer sich aufgrund von sozioökonomischen Status keinen Nachhilfelehrer für die Schule oder Kurse für die Uniaufnahmsprüfung leisten kann, der muss doppelt so hart arbeiten und am besten lässt sich das mit stimulierenden Substanzen erreichen. Das erste Mal hat Sandra Ritalin zur Vorbereitung für den Medizinaufnahmetest genommen. “Ich habe den Test zum dritten Mal geschrieben und wollte auch nichts anderes als Medizin zu studieren. Da meine Eltern nicht das Geld für eine Privatuni haben, war die einzige Möglichkeit für mich, den Test zu bestehen.” Am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl. Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen? Im ersten Semester spricht Sandra ihren Freund ein weiteres Mal an. Zehn Euro zahlt sie für 30mg. “Ich hätte es nicht unbedingt gebraucht, aber ich wollte an dem Tag einfach viel lernen und eine größere Stoffmenge erledigen”, erklärt sie. Anstatt konzentriert zu arbeiten, ist sie total aufgekratzt. Sie hat einen hohen Puls und das Lernen läuft bei weitem nicht so gut wie beim ersten Mal. “Ich habe es nach dem etwas verpatzten zweiten Mal nicht mehr genommen”, berichtet Sandra. “Ich habe gelernt, dass man manchmal Tage haben kann, an denen es einfach nicht so gut klappt.”

Von Helena Velaj, Franziska Windisch
Am
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