Flexibel bis das Geld nicht reicht

Man würde sie im ersten Augenblick nicht miteinander in Verbindung bringen. Sie radeln, sie servieren, sie produzieren, sie lehren. Ihre Berufe könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch haben sie eines gemeinsam: Sandra und Lukas, Ibrahim und Anna arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Damit sind sie nicht alleine. Jedem dritten Österreicher, jeder dritten Österreicherin geht es so.

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 8 Min

Sandra arbeitet auf Saison, Ibrahim ist Leiharbeiter, Lukas hat einen freien Dienstvertrag und Anna ist auf Projektbasis angestellt. Sie alle haben Arbeitsverhältnisse, die nicht dem klassischen Normalarbeitsmodell, also einer unbefristeten Vollzeitstelle, entsprechen.  Das ist vielfach nicht weiter schlimm. So gibt es auch zahlreiche Arbeitskräfte, die sich zum Beispiel explizit dazu entscheiden Teilzeit zu arbeiten – in dieser Definition auch ein atypisches Beschäftigungsverhältnis. Weil sie gerne bei ihren Kindern bleiben wollen, zuhause einen landwirtschaftlichen Betrieb haben, in dem sie mithelfen, weil sie Familienangehörige pflegen oder einfach keinen 40-Stunden-Job anstreben. Problematisch wird es aber dann, wenn die Entscheidung nicht freiwillig erfolgt, der Arbeitsplatz unsicher ist, wenn er schlecht bezahlt wird und der arbeitsrechtliche Schutz nur teilweise gegeben ist. Dann spricht man von Prekarisierung.

Ein prekäres Arbeitsverhältnis ist durch zwei Punkte wesentlich mitgeprägt: einerseits einer zeitlichen Dimension, andererseits einer relationalen Dimension. Spielen diese zusammen, so entsteht ein komplexes Unsicherheitsverhältnis, erklärt der Soziologe Christoph Reinprecht.

Sandra, die auf Saison arbeitet, weiß nach einem Winter im Skihotel zum Beispiel nicht, was sie als Nächstes machen wird. Da sie nur für kurze Perioden angestellt ist, muss sie sich immer wieder neue Jobs suchen und hoffen, auch etwas Geeignetes zu bekommen. Anna geht es ähnlich. Ihre Arbeitsphasen dauern zwar länger, wenn sie in wissenschaftlichen Projekten arbeitet, die über mehrere Jahre hinweg gehen. Gerade an den Universitäten stehen die Chancen auf eine längerfristige Festanstellung jedoch äußerst schlecht. In Österreich befinden sich circa 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals in befristeten Beschäftigungsverhältnissen, kaum ein/e Forscher*in ist fest angestellt.

Lukas hat einen freien Dienstvertrag bei einem Essenszusteller. In der Theorie bedeutet das, dass Lukas kaum an seinen Arbeitgeber gebunden ist. Er kann sich vertreten lassen, sollte er einen Dienst nicht annehmen können, übernimmt keine Erfolgsgarantie und ist nicht an vorgegebene Arbeitszeiten und Weisungen gebunden. Während die Sozialversicherungsbeiträge vom Arbeitgeber abgeführt werden, muss Lukas seine Einkommens- und Umsatzsteuererklärung jedoch selbst durchführen. Auch rechtlich ist er schlechter gestellt. Er hat weder Urlaubsanspruch noch sind ihm Zahlungen während Krankheit garantiert. Die geringe persönliche Abhängigkeit kann selbstverständlich Vorteile haben. Lukas studiert und verbringt seine Ferien in der Regel im Ausland. In der Prüfungsphase kann er problemlos einen Gang runter schalten. „Mit dem Job am Fahrrad verdiene ich mir etwas dazu. Im Moment passt das sehr gut und ich schätze die Vorteile.“ Problematisch wird es dann, wenn man als freie/r Dienstnehmer*in von einem Arbeitgeber abhängig ist. Du also eigentlich Teil des Unternehmens bist, tagtäglich arbeitest und deinen gesamten Lebensunterhalt mit der Tätigkeit bestreitest, gleichzeitig kann der Vertrag jederzeit – und ohne Vorwarnung – aufgelöst werden. Man spricht hier von Scheinselbstständigen. Dabei handelt es sich um eine konstant wachsende Gruppe von atypisch Beschäftigten, die in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu einem einzelnen Arbeitgeber stehen. Der österreichische Gewerkschaftsbund schätzt die schwer zu fassende Zahl an Scheinselbstständigen auf mehrere 10.000 Personen. Wäre Lukas also von dem Geld abhängig, das er durchs Radeln verdient, so würde das unfaire Machtverhältnis mit der zeitlichen Befristung zusammenkommen. Ein klassischer Fall von prekärer Arbeit.

Möchte man Näheres über prekär Beschäftigte erfahren, ist das gar nicht so leicht. Immerhin wird ihre Tätigkeit durch die fragile und instabile Position am Arbeitsmarkt oftmals nicht von den gewohnten Behörden erfasst. Einig ist man sich jedoch, dass atypische und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mehr werden. Das hat verschiedenste Gründe. Dass es mehr als nur 40-Stunden-Jobs gibt, geht mit dem post-fordistischen Arbeitswandel einher. Während man zur Zeit des Fordismus bis in die Siebzigerjahre auf normierte Lohnarbeit und Ausbeutung von Naturressourcen setzte, erkannte man schließlich, dass sich das angestrebte ständige Wirtschaftswachstum in einer globaler werdenden Welt nicht ohne ein höheres Maß an Flexibilität – in vielen verschiedenen Bereichen der Wirtschaft – realisieren lassen würde. Es kam zu Outsourcing und Produktdifferenzierung, aber eben auch zur Lockerung von Arbeitsverhältnissen. Diese hatte auch Vorteile für die arbeitende Bevölkerung. So stiegen in derselben Zeit viele Frauen* in den Arbeitsmarkt ein, unter anderem wegen der aufkommenden Teilzeitstellen.

Aber auch Sandra berichtet von den Vorteilen ihres Anstellungsverhältnisses. Seit mehreren Jahren geht sie regelmäßig auf Saison. Sie arbeitet in der Tourismusbranche, wo gerade in den Bergen vor allem im Winter verstärkt Arbeitskräfte gesucht werden. Arbeitskräfte, die nur für den Zeitraum angestellt werden, in dem sie auch tatsächlich gebraucht werden. Und so kommt es, dass Sandra in einem sogenannten 6-Tage-Vertrag arbeitet, den sie bevorzugt, da sie so in der Zeit, in der sie angestellt ist, überdurchschnittlich viel Geld verdient. „In der Zeit, in der ich auf Saison bin, arbeite ich sehr viel. Da bleibt wirklich wenig Zeit für Freizeit.“ Sich fixe Termine auszumachen, dass sei praktisch unmöglich, berichtet Sandra.  Dennoch sei sie zufrieden. „Der Job ist definitiv nichts für Gewohnheitsmenschen. Ich aber mag es, dass ich nach Saisonende machen kann, was ich will.“ Neben schlechten Alternativen ist die Aussicht auf ein gutes Gehalt in vielen Branchen ein Hauptgrund für Arbeitende, sich für Saison- oder Leiharbeit zu entscheiden. Doch Expert*innen warnen vor den vermeintlich großen Summen. So wird in den Leerzeiten oft kein oder ein deutlich niedrigeres Gehalt bezogen. Die Unsicherheit, die mit dem ständigen Jobwechsel einhergeht, darf zudem nicht unterschätzt werden. Zudem schlittert man in atypischen Beschäftigungsverhältnissen schnell in Abhängigkeiten. Vom Arbeitgeber, der einen leicht kündigen bzw. den Vertrag nicht verlängern kann oder vom Partner, auf dessen Einkommen bzw. Pensionszahlungen es ankommt. So warnt auch der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi vor den Folgen einer Zunahme unsichtbarer Arbeitsformen.  

Der Kampf um Arbeitnehmer*innenrechte wird zudem immer schwieriger. Die Interessen der vielen Einzelkämpfer*innen sind schwerer zu bündeln und im Zuge  der Digitalisierung steigt der Druck am Arbeitsmarkt. Selbst ein Universitätsstudium ist noch lange kein Garant für einen guten Job. Anna lebt trotz des abgeschlossenen Doktorats in ständiger Unsicherheit. Wieso sie sich nicht anderswo umsieht? Es geht ihr wie vielen im wissenschaftlichen Prekariat. Ihre Ausbildung hat lange gedauert, sie hat viel Zeit und Geld investiert, um Expertin in ihrem Gebiet zu werden und die Arbeit an der Universität ist – trotz des schlechten Gehalts – mit einem hohen sozialen Status und einer hohen Identifikation der Arbeitskräfte verbunden. Da ist man froh, irgendwie einen Fuß in der Institutstür zu haben. Im Gegenzug gibt es jedoch schwachen arbeitsrechtlichen Schutz, mangelnde soziale Absicherung und kaum materielle Existenzsicherung.

In weniger prestigeträchtigen Branchen, zum Beispiel in der Produktion, in der Ibrahim tätig ist, ist die soziale Isolation ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Einen ordentlichen Job zu haben, täglich zur Arbeit zu gehen und gutes Geld zu verdienen, das bestimmt in der modernen Gesellschaft den Wert der Menschen wesentlich. Wer hier auf Dauer nicht mitmachen kann, landet nicht nur in der Armutsfalle, sondern zudem auch schnell im gesellschaftlichen Abseits.

Von Franziska Windisch
Am
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