Erasmusbericht, oder auch: la deutsche Vita #soberlin

Eieiei.., was für eine komische Überschrift? Noch viel komischer ist es für mich aber, sich nun, zwei Tage nach der Beendigung meines „Auslandssemesters“ in Berlin, an einer Zusammenfassung zu versuchen, ohne die immerzu gleichen, abgedroschenen und nur ansatzweise den Erlebnissen gerecht werdenden Phrasen wie „Es war so abnormal toll.“ oder „Ahhhh, beste Zeit meines Lebens!!“ zu verwenden. Wie will ich fünf Monate, die ereignisreicher nicht hätten sein könnten, auf 1000 Wörter hinunterbrechen? Und wieso setze ich „Auslandsemester” unter Anführungszeichen?

Von Monika Ertl
Am
Lesezeit 9 Min

Das machte ich vor meiner Abreise und auch während meiner Zeit in Deutschland, um meinem Gegenüber zu zeigen „He, für mich ist Deutschland eh auch nicht Ausland“. Aber wieso machte ich dann kein Semester im „wirklichen“ Ausland?

Simple Antwort: Die Lebenserhaltungskosten in den englischsprachigen Ländern hätten mein Budget gewaltig überschritten und in den Süden konnte ich nicht, weil ich mir damals als15-Jährige dachte „Wow! Latein, das ist ja spannend und bestimmt einmal super nützlich.“ (Anm.: Es war tatsächlich EINMAL wirklich nützlich - ich musste das kleine Latinum im Studium nicht nachholen. #goals)

Aber Deutschland ist Ausland. Was ich schon bei der shrimphaften Körperhaltung nach den langen Flixbusfahrten (Achtung Mehrzahl!), die ich auf mich nahm, um am Berliner Wohnungsmarkt so etwas Ähnliches wie eine Chance zu haben, ahnte, wurde mir spätestens bei einer Einweihungsfeier in der neuen WG dann klar vor Augen geführt:

Einige Gäste verstanden mich tatsächlich nicht. Ich konnte die Sprachbarriere nicht durchbrechen. Und wenn das dann einmal doch geklappt hatte, dann stellte ihnen der Sarkasmus in meinen Schwänken ein zusätzliches Haxerl.

Ich, die 22 Jahre lang (oder zumindest die Zeit, die ich mich nun schon verständige) davon überzeugt war, dass sie Hochdeutsch spricht, hätte mit allem gerechnet, nur nicht mit Verständigungsproblemen in einem gleichsprachigen Land. Aber – Spoilerwarnung -  nach dieser Erkenntnis spielte ich bald mit offenen Dialektkarten, was mir schnell Sympathiepunkte brachte, weil „das Wienerische hat ja so eine krassschöne Melodie“.

Aber was ist denn noch anders an den Berlinerinnen und Berlinern?

Sie können feiern. Also so richtig und damit spiel ich nicht nur auf die international bekannte Clubszene an, sondern mehr die großartigen Open-Airs, die Demonstrationen, Karnevalle und „Spätis“. Als Wienerin oder einfach Nicht-Berlinerin kenne ich natürlich auch solche Veranstaltungen, aber in einem viel kleineren Format (A0 verglichen mit A8).

Am 1. Mai zog ich nichts ahnend nach einer netten Grillerei mit einer Gruppe Berlinerinnen Richtung Kreuzberg, weil dort „schon immer recht krass geballert“ wird. Mehr wusste ich nicht, da alle es für selbstverständlich hielten, dass am „Tag der Arbeit“ das Stadtviertel Kreuzberg zu einer riesigen, fetten Party mutiert. Eine Party bei der Autos in Brand gesetzt werden und Brandwein en masse die glücklichen Kehlen hinunterläuft. Die Leute tanzen auf den Straßen von Bühne zu Bühne bis Müll und Müdigkeit die feierwütige Masse nach Hause oder weiter in die Clubs trieb.

Ähnlich wie am ersten Mai verläuft es auch beim Karneval der Kulturen. Nur, dass es zusätzlich einen Umzug gibt und die Menschenmasse stundenlang toll verzierten Wägen hinterhertanzen kann (Tipp: Auf Instagram unter #karnevalderkulturen kann man sich ein ungefähres Bild davon machen, aber Achtung: In Echt ist es noch viel „krasser“!)Auch die Demonstration „Die AfD wegBASSen“ hält was sie verspricht.

Aber eigentlich darf ich auch die Clubszene, die diesen Namen wirklich voll und ganz verdient hat (Steigerung nach oben), nicht auslassen: Es gibt alles. Immer (Ja, ich bin mir durchaus bewusst, wie reißerisch das klingt.) Wenn du beispielsweise Lust darauf hast, ein ganzes Wochenende in einem Club zu verbringen, dann kannst du das auch machen und eigentlich kann man noch viel mehr. Ich war beispielsweise auch im KitKat (von den Ortsansässigen liebevoll „Kitty“ genannt). Das ist ein Club, bei dem du dich an der Garderobe nicht nur von deiner Jacke, sondern auch von deiner restlichen Kleidung trennst. Ich fand das wahnsinnig interessant, denn wann und wo sieht man sonst (so viele) echte, ungefilterte Körper? Cellulite ist egal, aber nicht das Cellphone. Das muss aufgrund der Fotofunktion ebenfalls an der Garderobe abgegeben werden – so können keine Fotos geschossen werden und die Meute widmet sich wichtigeren Dingen wie sich beispielsweise ein bisschen fallen lassen. (FartFuckt: Ein Typ ließ sich so sehr fallen, dass er in die Menge wichste und dabei ein bisschen Sperma auf mein Knie kam. Ich dachte mir dann so „Ok, Moni, sper(r) ma dich langsam wieder ein.. Zeit fürs eigene (!) Bettchen..“.)

Man kann es aber auch ruhiger angehen lassen und sich einfach nur beim Späti treffen, um ein paar Bierle zu zisch’n“.Spätis, das sind kleine Mini-Shops, die zu „unchristlichen“ Zeiten geöffnet haben und sogar mit Sitzmöglichkeiten im Schanigartenstil ausgestattet sein können. Sie sind aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Sie bringen das Leben in die Wohnviertel und deshalb bezeichnen die Be(e)rliner*innen ihr Viertel auch liebevoll als „Kiez”. (An die Gesetzgeber*innen und Stadtplaner*innern unter euch: Wären die Gesetze in Österreich spätitauglicher, dann würde ich mein Studium sofort abbrechen und Spätibesitzerin werden, ein Anruf genügt.)

Nun gut, jetzt kommen wir zu dem Part, den sich meine Eltern bestimmt an oberster Stelle gewünscht hätten: die Uni

Ich war an der Humboldt Universität („Wo ich bin? Na auf der Uni und hol hier gerade meinen Bachelor in Uniwissenschaften nach.“ – diesen Witz brachte ich gefühlt bei jedem Telefonat mit der Heimat. Sorry dafür!) immatrikuliert und studierte hauptsächlich am Campus Nord bzw. studierte den Speiseplan der Mensa Nord, die den Ruf hat, die beste Mensa der Stadt zu sein. Dafür hätte ich eigentlich ECTS bekommen oder gleich Kurse wie „Einführung: Wie Sie Salat richtig stapeln“ oder „UE: Rauf- und Reinschaufeln- Philosophisches Hinterfragen von Nehmen und Geben“  halten sollen. Die Auswahl abwechslungsreich, die Preise unschlagbar (60 Cent für einen Salathaufen größer als der Kompost eines mittelgroßen Gartens und zwischen 1,50€ und 4€ für ein Hauptgericht)! Und einen weiteren tollen Effekt hat so eine gut geführte, leistbare Mensa: Die Studierenden vernetzen sich mehr. Es wird nicht hastig nach der Uni weitergehetzt, sondern gemeinsam geschmaust oder in der ebenso preiswerten Cafeteria ein Kaffee geschlürft. Manchmal kommt es sogar vor, dass sich völlig Fremde (Huch!) zu einem Pläuschchen hinreißen lassen. Verrückt, dieses exotische Deutschland!

Aber noch verrückter: Die Studierenden kommen in jede Übung.

Also ich bezieh mich nicht auf die Anwesenheit, sondern auf ein nochviel verrückteres Phänomen: Man ist nicht an Punkte gebunden, sondern hat durch seinen Studienplatz ein Recht darauf, sein Studium im eigenen Tempo durchzuziehen. Nicht so, wie an anderen Universitäten (*hust* Uni Wien *hust*), an denen du durch Übungsplatzmangel schnell weitere Semester anhängen musst. Auch schien mir die Umrechnung zwischen zeitlichem Aufwand und ECTS-Punkten schlüssiger und gerechter.

Nun zu Leben und Leuten:

Nach einer relativ mühsamen Wohnungsuche breitete ich mich für fünf Monate auf 8 m² (oder wenns nach ein bisschen mehr klingen sollte: 16m³) im schönen Wedding, eine Mischung aus 10., 12., 15. und 16. Wiener Gemeindebezirk, aus und hatte freie Bahn mich ordentlich in die Leben meiner beiden Mitbewohner*innen zu „zecken“. Durch mein parasitäres Verhalten (Keine Sorge, es war eindeutig eine Symbiose, wirklich.) konnte ich das „echte“ Berliner Leben kennenlernen und auch viel schneller Anschluss („aber nicht so schnell wie 1938, gell?“) finden. Da ich sehr spartanisch hauste und sogar auf den Luxus eines Bettgestells verzichtete, blieb mir durch die Erasmusförderung mehr Geld für weitere Reisen übrig: Ich besuchte einen Freund, der komplett andere Erasmuserfahrungen in Cambridge sammelte oder leistete mir ein Festival in Kroatien, für das ich in einem regulären Semester, in dem ich zur Finanzierung meines Studiums zusätzlich arbeiten gehen muss, weder Zeit noch Geld übrig hätte. Ich reiste sogar, als Krone für ein absolut gelungenes und an einzigartigen Erlebnissen nicht zu übertreffenden Semester, äußerst spontan (3 Tage)nach dem besten ersten Date aller Zeiten mit dem Kerl und 9 seiner besten Freunde nach Zypern. Eine Zeit, die direkt nach ganz oben in die Charts der besten Geschichten, die ich bis jetzt erlebte, einstieg.Aber für dieses Abenteuer bräuchte ich noch mehr Zeichen..

Kurz: Auf Erasmus muss man sich einlassen und dann kann alles passieren. Egal, ob du daraus ein Orgasmus-Semester machen willst oder nicht, die Devise ist immer die Gleiche: einfach machen! #soberlin

Wer in Echtzeit mit der Autorin von einem ins nächste Abenteuer hüpfen möchte, kann ihr auf Instagram folgen: www.instagram.com/lost_in_kommonikation/

Von Monika Ertl
Am
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