Eine kurze Geschichte des Heroins

Das Wort Heroin ruft heutzutage fast ausschließlich negative Assoziationen hervor. Sucht, Stigma, Tod,… Dabei erhielt Heroin – die „Heldin“ – den Namen aufgrund der immensen Hoffnungen, die in den Wirkstoff gesetzt wurden. Es war viel stärker als das weit verbreitete Morphium, aus dem es synthetisiert wurde und das auch noch angeblich beinahe frei von dessen Nebenwirkungen. Leider kam es anders…

Von Gregor Schwayer
Am
Lesezeit 7 Min

Der Rohstoff, aus dem Morphium und damit in weiterer Konsequenz auch Heroin hergestellt werden, ist Schlafmohn. Die bis auf ihre hübschen Blüten eher unscheinbare Pflanze begleitet die Menschheit bereits seit Jahrtausenden. Der milchige Saft, den man aus ihren unreifen Samenkapseln gewinnen kann, wurde seit je her sowohl als Arzneimittel als auch als Droge verwendet. Ersteres, weil Schlafmohn – beziehungsweise das durch Trocknung des Safts aus den Samenkapseln gewonnene Opium – stark schmerz- und hustenstillend wirkt und als Nebenwirkung zu Verstopfung führen kann. Was heute eher ein unerwünschter Nebeneffekt ist, konnte in Zeiten, in denen Durchfallerkrankungen furchtbare Ausmaße annehmen konnten, buchstäblich lebensrettend sein. Zweiteres basiert auf einer anderen Begleiterscheinung: der euphorisierenden Wirkung gerade bei höherer Dosierung. Aufgrund der unbestreitbaren Nützlichkeit des Schlafmohns wurde seit je her versucht, seine Wirksamkeit noch zu erhöhen:

Im 16. Jahrhundert entwickelte der berühmte Arzt Paracelsus aus einem Wust obskurer Zutaten das sogenannte Laudanum. Die wirksamen Bestandteile der als Wunderheilmittel angepriesenen Tinktur waren Alkohol und Opium. Eine ausgesprochen gefährliche Mischung, da Alkohol die Wirkung von Opioiden beträchtlich verstärkt. Viele Todesfälle im Zusammenhang mit Heroin basieren beispielsweise auf der gleichzeitigen Anwendung mit Alkohol und einem dadurch herbeigeführten Atemstillstand. Es erfüllte seine Rolle als Schmerz- und Hustenstiller allerdings so gut, dass es sich rasch immenser Beliebtheit erfreute. Seine Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert ist etwa mit der von Aspirin heutzutage vergleichbar. Und natürlich wurde der potente Opiumcocktail auch als Droge verwendet. Insbesondere in Künstlerkreisen wurde es zur angeblichen Anregung der Kreativität verwendet. Das Resultat: Zahlreiche, teils prominente Laudanumsüchtige, wie Charles Baudelaire.

Der erste echte Durchbruch war aber, als es Anfang des 19. Jahrhunderts gelang, die aktiven Bestandteile des Opiums zu isolieren. Das Ergebnis wurde wegen seiner beruhigenden und schläfrig machenden Wirkung nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume, benannt. Das neu erfundene Morphium war in seiner schmerzstillenden Wirkung allen Vorgängern haushoch überlegen, aber auch die Nebenwirkungen waren vielfach stärker. So entwickelten Morphiumkonsument*innen bereits relativ rasch höhere Toleranzen und es mussten für die gleiche Wirkung immer größere Dosen verabreicht werden. So konnte leicht ein Teufelskreis in die Abhängigkeit entstehen. Trotz stetig steigender Suchtraten fand es breite Anwendung. Nicht nur als Schmerzmittel, sondern auch wieder in Hustenmedikamenten und war als solches problemlos erhältlich. Als dann noch festgestellt wurde, dass die Wirkkraft von Morphium verdreifacht werden kann, wenn man es direkt injiziert, standen dem Missbrauch Tür und Tor offen. Morphium-Abhängigkeit wurde als gesellschaftliches Problem erkannt.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals Heroin aus Morphium synthetisiert. Wie eingangs erwähnt, legt schon der Name nahe, dass große Hoffnungen auf dem neuen Wirkstoff ruhten. Er wirkte viel stärker und man nahm eingangs an, er hätte bis auf leichte Verstopfung kaum Nebenwirkungen. Diese Annahmen erwiesen sich als völlig falsch. Heroin hatte fast dieselben Nebenwirkungen. Nur stärker. Als das erkannt wurde, war es für viele bereits zu spät. Heroin wurde unter Anderem fatalerweise für die Behandlung von Morphiumsucht verwendet. Die „Heldin“ sollte der Plage Herr werden. Was damit erreicht wurde, war, dass aus den Morphiumsüchtigen Heroinsüchtige wurden. Heroin hat ein beträchtlich höheres Suchtpotenzial als Morphium und der Verlauf der Abhängigkeit ist wesentlich schädlicher. Die Reaktion auf die neue Welle von Suchterkrankungen war die gesetzliche Regulierung von Betäubungsmitteln, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast in der gesamten westlichen Welt in Gesetze gegossen wurde. In Form regulierter Medikamente kam Heroin aber aufgrund seiner Nebenwirkungen alsbald aus der Mode. Die Nachfrage nach der Droge blieb aber bestehen. Insbesondere nach den Weltkriegen, als viele Verwundete auf dem Feld mit Morphium und manchmal auch Heroin in Berührung kamen, flammten die Probleme wieder auf. Nach einer leichten Entspannungsphase kam es kürzlich zum traurigen Höhepunkt der Opioid Epidemien: Die amerikanische Opioid Krise sorgte für eine wahre Renaissance des Heroinkonsums:

Der Weg in die Abhängigkeit erfolgt durch legal verschriebene Medikamente, das Abgleiten in den Heroinkonsum dann aber, weil die Verschreibungen ablaufen und/oder die in den USA extrem teuren Medikamente einfach nicht mehr erschwinglich sind. Heroin ist absurderweise vielfach billiger als die legale Konkurrenz. Eine hausgemachte Krise mit schrecklichen Folgen.

Von Gregor Schwayer
Am
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