Ein Auto auf Abruf

Unser Lebensraum mit seinen Autobahnen und Bundesstraßen, Parkplätzen und Parkgaragen, Tunneln, Kreisverkehren und Tankstellen orientiert sich vor allen Dingen an einem – den Autofahrer*innen. Gerade im ländlichen Raum ist der Besitz eines Autos fast unumgänglich. Gleichzeitig haben es die EU-Klimaziele für 2030 in sich. Demzufolge muss Deutschland den Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 40 Prozent reduzieren, Österreichs Ziel liegt bei 36 Prozent. Doch die Umweltbelastung durch Verkehr wird nicht kleiner, sondern größer...

Von Franziska Windisch
Am
Lesezeit 6 Mins

Selten arbeiten Bürger*innen dort, wo sie auch wohnen und so ist das tägliche Pendeln mit dem eigenen Auto nach wie vor die Norm. Insbesondere Städte versuchen hier ein Umdenken, doch ein Wechsel des Verkehrsregimes ist ein schwieriges Unterfangen. Neben der Stärkung des nicht-motorisierten Verkehrs durch den Ausbau von Rad- und Fußwegen, und der Verbesserung des öffentlichen Verkehrskonzepts stellt sich auch die Frage, wie man mit dem „private car based regime“, der Tatsache, dass fast jede*r einen eigenen PKW besitzt, umgeht. Immerhin pendeln knapp 40 Prozent der Wiener*innen trotz des international renommierten öffentlichen Verkehrsnetzes mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz. Wieso kommt es dazu?

Wer ein Auto besitzt, der benutzt es auch regelmäßig. Zwar gaben in einer Erhebung des deutschen Umweltbundesamts 91 Prozent der Befragten an, dass ihnen bewusst sei, dass der Individualverkehr einen wesentlichen Beitrag zur Luftverschmutzung leiste, ein Umdenken im eigenen Handeln kommt für viele aber dennoch nicht infrage. Eine Möglichkeit, aus dieser Tatsache das Beste zu machen, stellt das Konzept des Car-Sharings dar.

Ein Auto, kein Besitzer

Eigentlich aus der „Öko-Bewegung“ entstanden, stehen heute große Namen wie BMW („DriveNow“) und die Daimler-Gruppe („Car2Go“) hinter den Car-Sharing-Unternehmen in großen europäischen Städten. Möchte man Car-Sharing nutzen, genügt es meist, sich auf dem Smartphone beim jeweiligen Anbieter zu registrieren und sich nach dem nächsten verfügbaren PKW umzusehen. Hier hat mein zwei Möglichkeiten: Entweder man nützt stationsbasierte Dienste, bei denen – wie der Name schon sagt – die Autos an fixen Stellen innerhalb der Stadt geparkt stehen und dort auch wieder zurückgebracht werden müssen, oder man greift auf sogenannte „Free-Floating“-Angebote zurück. Beispiele hierfür wären die obengenannten Anbieter „Car2Go“ oder „DriveNow“, die sich wegen der flexiblen Nutzungsmöglichkeit besonders großer Beliebtheit erfreuen, jedoch auch etwas teurer und eher nur für kurze Strecken geeignet sind. Auch gewerbliche Kunden interessieren sich immer öfter für Car-Sharing. Während Privatkunden abends auf das Angebot zurückgreifen, nutzen sie die PKWs vor allem tagsüber. Große Firmen stellen zum Teil auch eigene Wägen zur Verfügung, die durchgängig von den Mitarbeiter*innen genutzt werden können. Ein Konzept mit Potential: In einer Studie, die von der deutschen Car-Sharing-Vereinigung durchgeführt wurde, gaben immerhin 26,5 Prozent der befragten Dienstwagenbesitzer*innen an, dass sie bereit wären, ihren Firmenwagen aufzugeben und auf Car-Sharing umzusteigen.  

Von der Nische ins Regime

Auch aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet, erscheint das Konzept vielversprechend. Wirtschaftsgeograph*innen betrachten Innovation aus drei verschiedenen Perspektiven: Sie untersuchen Landscape, Regime und Nischen. Die „Landscape“ beschreibt dauerhafte Trends und Dynamiken, in unserem Fall den globalen Klimawandel und das Bewusstsein für die Folgen, die dieser mit sich bringt. Innovationen findet aber vor allem in den sogenannten Nischen außerhalb des allgemeinen Wahrnehmungsbereichs statt. Dort werden Konzepte von einem ausgewählten Kundenstamm getestet und Änderungen vorgenommen. Werden diese Innovationen auf Nischenebene angenommen, so ist auch die Chance größer, dass sie tatsächlich Teil des vorherrschenden Regimes werden oder dieses gegebenenfalls sogar ersetzen können.

Da Car-Sharing gut in die bestehenden Strukturen integrierbar ist, die symbolische und kulturelle Aussagekraft mit dem Besitz eines eigenen Autos vergleichbar ist, geringe Kosten anfallen und die technische Umsetzung heute schon problemlos möglich ist, hat das Nischenprodukt eigentlich alles, was es braucht, um auch von der breiten Masse benutzt zu werden ohne dass dazu eine große Veränderung im Denken der Menschen vonnöten ist.

Ausbau mit Grenzen

Das sieht man auch an der steigenden Nutzung in Wien. Eine Erhebung der Stadtregierung zeigt, dass sich die Zahl der Car-Sharing-Nutzer*innen in der mitteleuropäischen Hauptstadt in den letzten fünf Jahren verzwanzigfacht hat. Mittlerweile greifen 100.000 Wiener*innen auf das Angebot zurück. Das spart – Schätzungen zufolge – 7.000 Tonnen CO2 und 44 Millionen PKW-Kilometer im Jahr. 2016 hat die Stadt Wien aus diesem Grund die Höchstparkdauer für Car-Sharing-Autos abgeschafft, im deutschen „Gesetz zur Bevorrechtigung des Car-Sharings“ ist festgelegt, dass Kommunen Sonderzonen für Stellplätze genehmigen können. Doch trotz all dieser guten Vorbindungen funktioniert Car-Sharing nur in Kombination mit anderen Angeboten und ist lediglich für Menschen interessant, die tägliche Routinewege zu Fuß, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad bestreiten. Aus diesem Grund sind für große Anbieter auch im Moment nur Standorte in Großstädten attraktiv. Um täglich in die Arbeit zu fahren, sind diese Modelle einerseits zu teuer und andererseits nicht sinnvoll, bedenkt man, dass sich dadurch am Stau und an den Abgasen nichts ändern würde. Sie stellen lediglich eine Art „Mobilitätsversicherung“, eine Ergänzung für Wege, die wirklich nur mit dem PKW bestreitbar sind, dar. In diesem Zusammenhang kann das Angebot Menschen dazu bringen, sich kein eigenes Auto anzuschaffen oder Personen, die wenig mit dem PKW unterwegs sind, dazu bewegen, ihren eigenen Wagen aufzugeben. Bei der hier angesprochenen Zielgruppe handelt es sich aber – Studien zufolge – vorwiegend um Männer mittleren Alters aus akademischen Kreisen. In der breiten Bevölkerung hat das Konzept noch nicht Einzug gehalten und abseits urbaner Metropolen kann es nur eine unbedeutende Rolle spielen. Wie so oft: im Moment nur eine Teillösung.

Von Franziska Windisch
Am
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